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Rezension zum Campus Galli

 

Muckibude vor 1200 Jahren

„Gut für die Umwelt... Und für die Muckis!“ stellt der kleine Junge neben mir fest, nachdem die Führung durch den Campus Galli begonnen hat. Ich muss schmunzeln, denn genau genommen trifft es das genau auf den Punkt. Ich befinde mich in der baden-württembergischen Kleinstadt Meßkirch mitten auf der Großbaustelle der Klosterstadt Campus Galli. Wieso? Ich möchte „Mittelalter hautnah erleben“!

 

Stand der Holzkirch im September 2016, Bild: Hannes Napierala.
Stand der Holzkirch im September 2016, Bild: Hannes Napierala.

Betreten der Baustelle erlaubt!

Seit nun knapp sechs Jahren setzen festangestellte und ehrenamtliche Handwerker*innen auf circa 26 Hektar Land den St. Gallener Klosterplan aus dem frühen 9. Jahrhundert in die Realität um. Der nie verwirklichte von Mönchen des Klosters Reichenau gezeichnete Plan einer idealen Klosteranlage ist einer der besterhaltensten seiner Art. Mit dieser Grundlage rief Initiator Bert Geurten, ein Aachener Journalist, das Großbauprojekt „Campus Galli“ ins Leben. Hierbei verwenden die Mitarbeitenden fast ausschließlich mittelalterliche Methoden, Baumaterial sowie Werkzeug im Sinne der experimentellen Archäologie, um den Bau der karolingischen Klosterstadt so authentisch wie nur möglich nachzustellen und dabei etwas über die Vergangenheit zu lernen. Innerhalb von 40 Jahren soll auf der begehbaren Baustelle eine aus über 50 Einheiten bestehende Klosterstadt entstehen: Im Zentrum der Klosteranlage natürlich die Abteikirche, ebenso wie ein Dormitorium für die Mönche und Ställe für die Tiere. Daneben entstehen Arbeitsplätze für Schmiede, Seiler, Drechsler und vielem mehr - eben alles, was auf einer mittelalterlichen Baustelle benötigt wird. Dass dieses Unterfangen äußerst kompliziert ist und es viele Hürden zu überwinden gilt, wurde schnell klar. Der ursprünglich auf Pergament gezeichnete Klosterplan wurde ohne Maßstab erstellt. Ab und an findet man Angaben in Fuß. Aber wie lang war ein Fuß im Mittelalter? Im 9. Jahrhundert gab es zudem keine Auflagen der Stadt bezüglich Statik und Arbeitssicherheit am Bau. Die Gebäude müssen also nicht nur nach mittelalterlichen Möglichkeiten gebaut werden, was an sich schon schwer genug ist, sondern auch den Auflagen der heutigen Zeit entsprechen, damit die Besuchenden die Baustelle überhaupt betreten dürfen. Viele Fragen taten sich erst im Laufe der Bauarbeiten auf: Bekommt man die Genehmigung für den selbsthergestellten Kalk-Sand-Mörtel? Auf welchen alternativen Rohstoff kann man zurückgreifen, wo gerade das Eschensterben so groß ist wie noch nie und können Brandschutzmaßnahmen adäquat eingehalten werden? Herausforderungen, denen sich die Handwerker*innen und Geschäftsführer*innen regelmäßig stellen müssen. Eben Mittelalter (fast) hautnah mit Hindernissen des 21. Jahrhunderts.

 Für Groß und Klein

Geöffnet hat der Campus Galli von April bis November, da es in den Wintermonaten schlicht zu kalt für die Mitarbeitenden ist, um bei eisigen Temperaturen in Lodenumhängen auf der Baustelle zu arbeiten. Das Projekt lebt vor allem in den Sommermonaten von Touristen aus Nah und Fern. Ein dementsprechend vielfältiges und breit gefächertes Angebot erwarten die Besuchenden auf dem Campus Galli. Mit dem Slogan „Mittelalter hautnah erleben - Eine einzigartige Zeitreise“ werben die Geschäftsführer*innen für ihre Großbaustelle in Form eines Freilichtmuseums. Damit ist nicht zu viel versprochen: Während der 90-minütigen Führung über die Schaubaustelle beobachte ich die Töpfer bei ihrer Arbeit in der Tongrube und die Schmiede, die gerade dabei sind, Werkzeuge und Waffen herzustellen. Der junge Schmied Thilo erklärt mir, wieso es nicht so leicht ist, ein Schwert zu schmieden, wie es bei Game of Thrones den Anschein hat. Mir kommen zwei Handwerker mit einem voll mit Erde beladenen Handkarren entgegen und im Kräutergarten werden die ersten Setzlinge für dieses Jahr gepflanzt. Die Besucher*innen können dabei jederzeit Fragen an die Mitarbeitenden stellen und erfahren so spannende Fakten über Kloster, Bau und Alltag im Mittelalter. Wussten Sie beispielsweise, dass das Sprichwort „Etwas an die große Glocke hängen“ aus dem mittelalterlichen Kloster stammt? Die Kirchenglocken dienten damals als Kommunikationsmittel, um beispielsweise wichtige Feiertage anzukündigen oder vor feindlichen Angriffen zu warnen. Witzige Anekdoten und Fun-Facts über das Mittelalter kommen auf dem Campus Galli auf jeden Fall nicht zu kurz. Hierbei werden den Besuchenden ebenso die mittelalterlichen Methoden des Bauens und des alten Handwerks nach den neusten archäologischen Forschungen nahegebracht und neben dem Spaß keineswegs vernachlässigt, um so ein möglichst authentisches Bild des Mittelalters zu vermitteln. Dass diese Methoden und ausgeführten Arbeiten nie vollständig der mittelalterlichen Realität entsprechen können und stets auf Grundlage von Interpretationen erstellt wurden und werden, sollte jeder/m Besucher*in bewusst sein. Jedoch schreiben sich die Geschäftsführer*innen auf die Fahnen, die Bautechniken- und Methoden stets dem aktuellen Forschungsstand anzupassen und es somit auch für die Besuchenden spannend zu halten. So ist der Campus Galli auch für die Universität Tübingen ein wichtiger Lern- und Forschungsort, um beispielsweise archäologische Experimente durchzuführen. Auch für die ganz kleinen Mittelalter-Begeisterten lohnt sich ein Ausflug nach Meßkirch. Neben den regulären und verschiedenen Themenführungen werden diverse von Museumspädagog*innen begleitete Erlebnisführungen für Kinder angeboten. Vom gemeinsamen Kochen auf der Feuerstelle und Backen im Lehmofen über das Flechten von Weidenruten bis hin zum Handwerkeln an der großen Scheune - auf dem Campus Galli ist auch für die kleinsten Handwerker*innen etwas dabei.

Schmied Thilo, Bild: Hannah Staudenmayer.
Schmied Thilo, Bild: Hannah Staudenmayer.

Mittelalter für alle?

Einen Touchscreen, über den man zusätzliche Informationen über die Karolinger einsehen kann oder eine Audio-Datei zu Karl dem Großen sucht man auf dem Campus Galli vergeblich. Ebenso wenig begegnet man Autos, Traktoren, Maschinen oder anderen derartigen neuzeitlichen Erfindungen. Der Boden des Freilichtmuseums ist weder geteert noch asphaltiert, an Texttafeln in Blindenschrift oder Einfacher Sprache ist gar nicht erst zu denken. Wie auch? Wir befinden uns auf einem Bauprojekt, das einer Großbaustelle aus dem 9. Jahrhundert nachempfunden ist. All das gab es in dieser Zeit noch nicht. Dass das Projekt nicht mit den neusten Technologien arbeitet und dass es gerade darauf basiert, mit den eigenen Augen zu beobachten und zu begreifen, ist eine Besonderheit und macht für mich den Reiz dieses Projekts aus. Dennoch bin ich der Meinung, dass es im 21. Jahrhundert möglich sein sollte, auch ein mittelalterliches Freilichtmuseum wie den Campus Galli zumindest annähernd barrierefrei zu gestalten. Mit einem Kinderwagen, Rollstuhl oder mit Krücken wird es auf der Baustelle schon etwas schwieriger, wobei man am Kassenhäuschen für ein paar Euro einen elektrischen Rollstuhl mieten kann, mit dem zumindest die Schotterwege kein Ding der Unmöglichkeit bleiben. Dennoch können nicht alle Interessierten von dem Projekt wie jede*r andere*r Besucher*in profitieren. Im Moment können nur bestimmte Personen und Personengruppen das „Mittelalter hautnah erleben“. Es wäre jedoch sehr wünschenswert, wenn in den nächsten Jahren dieser Kreis geöffnet werden könnte und somit jedem/r die Möglichkeit erhält, an der „einzigartige[n] Zeitreise“ ins Mittelalter teilzunehmen. Dass die Geschäftsführer*innen mit dem Campus Galli auch soziale Zwecke verfolgen, zeigen die Maßnahmen für Langzeitarbeitslose, die teilweise mittlerweile dank der zahlenden Besucher*innen fest auf der Baustelle angestellt sind.

 

Der St. Gallener Klosterplan, Bild: Hannah Staudenmayer.
Der St. Gallener Klosterplan, Bild: Hannah Staudenmayer.

 Andere Zeitdimensionen

Aber wozu das alles? Aus welchem Grund ruft man so ein Projekt ins Leben? Weshalb besuchen jährlich bei gutem wie bei schlechtem Wetter knapp 80.000 Besuchende den Campus Galli? Über das Mittelalter, den Klosterbau und das alte Handwerk mehr zu erfahren, ist die eine Antwort. „Geschichte zum Anfassen“ und „Mittelalter hautnah“ - klar, wieso auch nicht. Werbung für die Region um Meßkirch durch Tourismus - auch klar. Das Konzept bietet natürlich diverse Vorteile für Besuchende wie auch für Forschende. Während die an dem Bauprojekt beteiligten Archäolog*innen und Historiker*innen durch die Arbeit wichtige Aufschlüsse über die Vergangenheit bekommen können, eröffnet sich für Besucher*innen ein ganz neues museales Konzept. Auf dem Campus Galli werden historische Inhalte in einem größtenteils praktischen Rahmen vermittelt, sodass auch das Interesse der jüngeren Gäste und das der vermeintlichen Geschichtsmuffel geweckt werden kann. „Geschichte zum Anfassen“ oder vielmehr „Geschichte zum Anschauen“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Es sind nicht Objekte, die dem/der Besucher*in in Vitrinen präsentiert werden oder Texttafeln, die die Background-Informationen liefern, sondern echte Menschen, die echte Arbeit leisten, denen man jegliche Fragen zum Thema stellen kann. Ich glaube aber, dass es noch eine zweite Antwort auf die Frage gibt, weshalb man so ein Projekt startet und wieso jährlich tausende Gäste den Campus Galli besuchen: Der Wunsch nach Verlangsamung und Entschleunigung - für Mitarbeitende wie für Besuchende. Der Guide meiner Führung ist eigentlich Student und arbeitet ehrenamtlich auf der Baustelle. Wieso? Um abzuschalten, sagt er mir. Meine Impression auf der Baustelle ist, dass man für wenige Stunden das Handy in seiner Hand, die surrende Klimaanlage im Auto und den getakteten, stressigen Alltag vergessen und wortwörtlich in eine andere Welt eintauchen kann, sofern man sich nur darauf einlässt. Auf dem Campus Galli scheint Zeit eine ganz andere Rolle zu spielen, als sie es in unserer heutigen Zeit tut. Jeder einzelne Arbeitsschritt, vom Binden der Garben bis hin zum fertigen Strohdach, ist zeit- und kraftaufwendig. An einer einzigen Scheune bauen die Handwerker*innen mehrere Jahre, viele von ihnen werden an der Fertigstellung der Klosterstadt nicht mehr mitarbeiten, da es noch viele Jahrzehnte dauern wird. Eben wie damals zur Zeit der Karolinger. Gerne würde ich noch einmal in ein paar Jahren den Campus Galli besuchen, um zu sehen, welche Fortschritte gemacht wurden. Jedoch - und das weiß ich - sollte ich meine Erwartungen nicht zu hoch stecken, da dieses Projekt in einer anderen, für uns unvorstellbaren Zeitdimension voranschreitet und Gestalt annimmt.

Kein Strom, keine Maschinen, nur die Kraft der Menschen und Tiere. Da sparen sich die Mitarbeitenden glatt die Kosten für den Mitgliedsbeitrag im Fitnessstudio und die Besucher*innen können sich und den stressigen Alltag für ein paar Momente hinter sich lassen. Ein Erlebnis, dass sich für Klein und Groß, für Geschichtsbegeisterte wie für Geschichtsmuffel lohnt und bei dem man viel lernen kann: Über das Mittelalter, aber auch über sich selbst.

 

Eine Rezension von Hannah Staudenmayer

 

 

 

Verwendete Literatur:

Homepage des Campus Galli: https://www.campus-galli.de/ [28.04.19]

Artikel in „Zeit Online“ von Anna Miller (20.02.2017): https://www.zeit.de/2017/04/campus-galli-messkirch-baden-wuerttemberg-kloster-bau [28.04.19]

E. Reuter: Campus Galli. Der Führer zur karolingischen Klosterstadt Meßkirch, Meßkirch 2013.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Juliane Jung (Donnerstag, 03 Oktober 2019 13:47)

    "Kein Strom, keine Maschinen, nur die Kraft der Menschen und Tiere."

    Stimmt so nicht wirklich. Bagger, Trecker, LKW, all das findet man auch bei Campus Galli. Immer dann, wenn die Besucher gerade nicht hinsehen.

    Und die experimentelle Archäologie, wo mag die sein? Nach sieben Jahren Campus Galli gibt es keine wissenschaftliche Veröffentlichung, die das belegt. Stattdessen ein kleines Blogbeiträgchen hier und ein Zeitungsinterview dort. Das ist alles ganz nett, aber so funktioniert Wissenschaft nicht. Experimente müssen sachgerecht dokumentiert werden.

    Campus Galli ist eben in erster Linie Edutainment. Das ist ok, sollte aber auch nicht aufgehübscht werden.

    Campus Galli macht außerdem vom Start weg hohe Verluste. Licht ist in der Hinsicht keines am Horizont zu sehen.

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