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Rezension: 300 Jahre - 300 Dinge

Einblick in den Themenraum "Neuerfindung", Bild: Alina Fabienne Suchan & Juliane Glaser
Einblick in den Themenraum "Neuerfindung", Bild: Alina Fabienne Suchan & Juliane Glaser

Ludwigsburg ist eine Stadt mit besonderer Geschichte. Die Stadt wurde Anfang des 18. Jahrhunderts von Grund auf von Herzog Eberhard Ludwig geplant und nach ihm benannt.
Sein Gedanke war, rund um sein prunkvolles Schloss eine beeindruckende und perfekt geplante Stadt zu entwickeln.

Dies bedeutete, dass dort nicht alle einfach so ein Haus errichten durften. Es wurden nur diejenigen Bürger mit genügend Einkommen ausgewählt, die nach dem Sinne des Fürsten bauten und zum Wachsen der Stadt beitrugen.
Da diese neuen Bürger von überall her kamen, war Ludwigsburg bereits von Anfang an eine von vielen Einflüssen geprägte Stadt. Auch in den Jahren danach bestimmten festgelegte Strukturen das Stadtbild, zum Beispiel als Ludwigsburg Garnisonsstadt wurde. Heutzutage beeindruckt Ludwigsburg immer noch mit seinen breiten Alleen und dem charakteristischen rasterförmigen Aufbau. Mit dem Aspekt des Planens von Ludwigsburg beschäftigt sich die Ausstellung „300 Jahre – 300 Dinge: Planstadt Ludwigsburg“ im Ludwigsburg Museum.

 

Aller Anfang ist schwer

Da das Museum nahe des Residenzschlosses liegt, ist es leicht zu finden. Weniger leicht hatten wir es mit dem Start in die Ausstellung. Erfreulich – wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich: Der Eintritt in die Ausstellung basiert auf dem „Pay what you want“-Prinzip.

Auch die Schließfächer fanden wir erst auf Nachfrage. Die Kuratorin Alke Hollwedel erklärte uns, dass normalerweise Mitarbeiter*innen im Foyer stünden, um Besucher*innen den Weg zu weisen und bei Fragen Rat geben zu können.

Die chrono-thematisch aufgebaute Ausstellung hat keinen festgelegten Ablauf. Global betrachtet schreitet man zwar durch die Ausstellung immer weiter in der Geschichte voran, jeder Raum hat aber ein zentrales Thema, in dem auch größere zeitliche Perioden abgedeckt werden. Wir bevorzugten den Start im Jahr 1705, um uns von dort aus in die Gegenwart zu bewegen.

 

Einleuchtendes und einladendes Konzept

Das Konzept der Ausstellung, die sich auf 250 Quadratmetern erstreckt, ist an die vorgegebene Architektur angepasst, sodass sechs Themenräume entstanden sind: „Guter Fürst“, „Idealstadt“, „Musensitz“, „Neuerfindung“, „Soldatenstadt“ und „Bürgerstadt“. Der Raum „Soldatenstadt“ beschäftigt sich beispielsweise mit der Zeit von 1737 bis 1994, in der Ludwigsburg Garnisonsstadt war. In der Mitte jedes Raumes sind Leitexponate ausgestellt. Entlang der Wände sind weitere Gegenstände präsentiert. So beschäftigt sich zum Beispiel der Raum „Musensitz“ mit Künstler*innen, die in Ludwigsburg gewirkt haben. Neben Statuen in der Raummitte, die einige dieser Künstler*innen darstellen, zeigt eine Inszenierung den Arbeitsplatz Friedrich Theodor Vischers, Ludwigsburger Literaturwissenschaftler und Philosoph. Ab dem vierten Raum sorgen Wandfarben und Beleuchtung für eine deutlich wachere, hellere Grundstimmung. Die Kuratorin Hollwedel erzählte, dass dadurch ein „Bruch“ im Design entstehe, wodurch das Eintreten in die Moderne symbolisiert werde.

 

Um die Exponate zu unterstützen, liegt in jedem Raum auf einer „Medienbank“ ein (funktionierendes!) Tablet bereit, mit dem man bei Interesse noch mehr in Erfahrung bringen kann. Im ersten Raum gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, an eine dort ausgestellte Ausfalttafel, die den Hochzeitszug des Herzogs Carl Eugens darstellt, „heran zu zoomen“ und sich zu einzelnen Bildelementen mehr erklären zu lassen. In anderen Räumen können ergänzende Videos, Gedichte, Lieder, Bilder und Interviews abgerufen werden, die noch mehr Abwechslung bringen.

Um den Museumsbesuch auch für Kinder spannend zu gestalten, gibt es in allen Räumen interaktive Stationen. Zum einen liegen Buchseiten bereit, die die Kinder durch Ausmalen bearbeiten und später zusammenbinden können. Zum anderen steht in jedem Raum eine thematisch passende Box mit „Hands-on-Objekten“ bereit, die die Kinder dazu anregen sollen, mit allen Sinnen die Ausstellung zu erleben. Das Ausprobieren der Maultrommel, ein altes Musikinstrument, ist bestimmt auch für Erwachsene unterhaltsam. Die Stationen bieten für Kinder eine gute Möglichkeit, sich spielerisch mit den Thematiken auseinanderzusetzen. Jedoch denken wir, dass Kinder trotzdem dabei von Erwachsenen begleitet werden sollten, um einen wirklichen Mehrwert daraus ziehen zu können.

 

Ludwigsburger?, Bild: Alina Fabienna Suchan & Juliane Glaser
Ludwigsburger?, Bild: Alina Fabienna Suchan & Juliane Glaser

 Wissen für alle

Auf erklärende Texte an den Exponaten selbst verzichtet die Präsentation komplett. Stattdessen liegen in jedem Raum Flyer bereit, die man mitnehmen kann und in denen man bei Bedarf mehr zu den ausgestellten Gegenständen, Abbildungen und Kunst erfährt. Das Konzept hat uns sehr gut gefallen: Den Objekten wird so viel Freiraum gegeben. Die Besucher*innen haben die Möglichkeit, die Exponate zuerst auf sich wirken zu lassen und diese in einem zweiten Schritt in einen Kontext zu setzen. Zudem wirkt die Ausstellung so weniger überladen.

Die Flyer liegen auf Deutsch, Englisch und Französisch bereit. Bemerkenswert ist, dass die großen einleitenden Infotafeln in jedem Raum auch in „Leichter Sprache“ als laminiertes A4-Blatt auf der Medienbank ausliegen. Die Kuratorin erklärte, dass Menschen, die Deutsch lernen, häufig Schwierigkeiten haben, die komplizierten Museumstexte zu verstehen. Auch für Menschen, die aus anderen Gründen keine komplexen Texte verstehen können, bietet die „Leichte Sprache“ eine Möglichkeit, mehr aus dem Museumsbesuch mitzunehmen. Weiterführend werden auch Führungen in „Leichter Sprache“ angeboten, die laut Frau Hollwedel gut besucht sind. So trägt das Museum mit seinen Möglichkeiten dazu bei, die Ausstellung möglichst inklusiv zu gestalten und somit einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

 

Ein lohnenswerter Besuch

Nach einem etwas holprigen Start hat uns die Ausstellung gut gefallen. Das schlichte Design und die chrono-thematische Strukturierung hat den Museumsbesuch angenehm gestaltet. Auch wenn unserer Meinung nach nicht alle Räume dem Titel der Ausstellung gerecht werden, da sie sich nicht stark genug auf den Planungsaspekt beziehen, haben wir dennoch viel aus der Ausstellung mitgenommen. In Erinnerung geblieben ist uns vor allem der Raum „Neuerfindung“. Er beschäftigt sich mit den vielen Produkten, die von Ludwigsburger*innen erfunden worden sind, wie zum Beispiel Aspirin, Botox und Viagra.

Die Methode, die Exponats-Beschreibungen in Flyern zu drucken, lässt die Möglichkeit offen, zuallererst die Objekte auf sich wirken zu lassen. Zudem ist es so leichter, noch nachträglich Informationen bereitzustellen. Außerdem sind die Medienbanken eine sinnvolle Ergänzung und bereichern die Ausstellung sehr. Allerdings ist es wie bei vielen regionalen Ausstellungen: Ludwigsburger können vermutlich noch mehr mitnehmen als Menschen, die von außerhalb kommen.

 

     Eine Rezension von Juliane Glaser und Alina Fabienne Suchan

 

Daten im Überblick

Name: „300 Jahre – 300 Dinge: Planstadt Ludwigsburg“ im Ludwigsburg Museum (regionales Kulturmuseum)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10-18 Uhr

Adresse: Eberhardstraße 1, 71634 Ludwigsburg

Homepage: https://ludwigsburgmuseum.ludwigsburg.de/,Lde/start.html

 

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