„Wir sind ja das, was wir geworden sind“

Ein Interview mit Andres Veiel.

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Andres Veiel auf der Berlinale 2017. Bild: Martin Kraft [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]. Genaue Lizenz siehe unten.

Der Film- und Theaterregisseur Andres Veiel stammt aus Stuttgart und lebt heute in Berlin. Nach seinem Psychologie-Studium absolvierte er eine Regieausbildung am Berliner Künstlerhaus Bethanien. Viele seiner Filme, zu denen „Black Box BRD“, „Die Überlebenden“ oder „Beuys“ gehören, sind preisgekrönt. Unter anderem ist er Träger des Deutschen Filmpreises. Sein Theaterstück „Der Kick“ wurde an mehr als 50 Bühnen aufgeführt und ist Vorlage für das gleichnamige Buch von Andres Veiel.

 

Wie sind Sie von Ihrem Studium der Psychologie zum Film gekommen?

Das war kein direkter Weg, sondern ging über einige Umwege. Ich wollte sogar ursprünglich in Psychologie promovieren, habe dann aber parallel eine Regieausbildung in Berlin gemacht, vor allem bei dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski, der mich dann sozusagen mit der Idee von Regie infiziert hat. Am Anfang ging es gar nicht in die Richtung der Dokumentarfilme, sondern eher in Richtung Inszenierung. Ich habe auch kleine Übungsfilme gemacht und gemerkt, das ist eigentlich mein Ding. Dann war es natürlich ein großer Sprung ins kalte Wasser, damit auch Geld zu verdienen und sich selbst dadurch finanzieren zu müssen. Ich hatte zudem viel Glück. Mein erstes Projekt war mit einer Theatergruppe im Gefängnis, worauf dann eines mit Seniorinnen folgte. Aus dieser zweiten Theatergruppe entwickelte sich dann ein erster Film, für den ich bei über 20 Redakteuren Klinken putzen war. Der 21. fand die Idee dann gut und das wurde dann tatsächlich mein erster Film. Mit ganz viel Glück wurde dann aus dem ersten Film der zweite, der dritte, … bis heute.

 

Sie haben sich für das Genre des Dokumentarfilms entschieden. Warum?

Es war für mich sehr früh klar, dass ich mich sehr für Geschichte interessiere. Nicht nur als Rückblick, sondern mit der Frage, wie sich Geschichte auf persönliche Entwicklung auswirkt, sprich auf die eigene Biografie. Oder anders gesagt: Wie werden Lebenswege durch historische Erfahrungen gebrochen, speziell durch die deutsche Geschichte? Aus meiner Perspektive sind das auch Erfahrungen des Krieges, der Vertreibung, Traumatisierung von Eltern und Großeltern. Also zum einen, wie sich Geschichte auf die Biografien auswirkt und was von ihr weitergegeben wird. 

Somit waren für mich nicht nur die großen geschichtlichen Ereignisse interessant, sondern das Wechselspiel mit dem persönlichen Schicksal. Zudem ist es für mich interessant, dieses Wechselspiel über mehrere Generationen zu betrachten. Bei einem Film wie „Die Überlebenden“, wo sich drei Schüler einer Klasse das Leben genommen haben, kamen natürlich auch die Elterngeschichten mit rein und damit wieder Kriegserfahrungen und wie sich diese ausgewirkt haben. Manchmal steht das Thema nicht ganz vorne und manchmal taucht das erst später auf. So setzen sich alle meine Filme auch mit der deutschen Geschichte auseinander.

 

Haben Sie, wie in dem Film „Die Überlebenden“, der von ihrer Abiturklasse handelt, immer einen persönlichen Bezug zu ihren Projekten? 

Wenn ich über andere spreche, dann spreche ich immer auch gleichzeitig über mich selbst. Wenn ich einen Film über eine israelisch-palästinensische Theatergruppe mache, die ein Stück über die Gegenwart des Holocaust in Israel macht, dann ist das ja erstmal ein Thema, das weit weg liegt. Wenn man jedoch genauer hinsieht, sind das natürlich die Folgen einer ursprünglichen deutschen Politik im Nationalsozialismus. So komme ich, auch wenn das Thema vermeintlich weit weg liegt, immer wieder zurück auf meine Lebensgeschichte und auf die Nachbeben der deutschen Geschichte. Obwohl sich auch an meiner Lebensgeschichte und der der Menschen in meinem direkten Umfeld die Auswirkungen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert zeigen, hatte ich nie das Bedürfnis, direkt über mich zu sprechen. Der Film „Die Überlebenden“ ist noch am nächsten an mir dran, weil ich ja auch Teil dieser Schulklasse war. 

 

Wie groß ist in der Regel der Rechercheaufwand für eine Filmproduktion?

Bei dem Film „Black Box BRD“ habe ich vier Jahre recherchiert, weil ich immer wieder unterschiedliche Anläufe genommen habe. Am Anfang wollte ich einen Film ausschließlich über RAF-Mitglieder machen, da ist dann Birgit Hogefeld ausgestiegen. Dann wollte ich eine Gegenüberstellung von Birgit Hogefeld und Alfred Herrhausen, das wollte dann Herr Herrhausen auf keinen Fall. Bei dem dritten Anlauf, im dritten Jahr, ist dann Wolfgang Grams in den Fokus gerückt. So habe ich fast drei Jahre in eine andere Richtung gearbeitet und recherchiert. Das ist beim Dokumentarfilm immer wieder so, dass ich Protagonisten, die ich nicht bezahle und die mir nicht wie Schauspieler zur Verfügung stehen, überzeugen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen muss. Das gelingt mal, aber das scheitert auch immer mal wieder. Eine Filmfigur im Dokumentarfilm ist immer auch ein zerbrechliches Wesen, wo immer auch Sachen kaputt gehen und gegen die Wand donnern. So können die Protagonisten oder ganze Erzählstränge wegbrechen, und deshalb ist die Vorbereitung sehr intensiv und geht in der Regel über zwei bis vier Jahre.

 

Holen Sie sich für die Recherche und die Arbeit an den Dokumentarfilmen auch Unterstützung von beispielsweise Historiker*innen oder Expert*innen aus anderen Fachrichtungen? 

Bei „Wer, wenn nicht wir“ habe ich sehr eng mit Gerd Koenen gearbeitet, der das Buch „Vesper, Ensslin, Baader.“ geschrieben hat, welches auch die Grundlage für den Film war. Ansonsten hängt das ziemlich von dem Thema des Films ab. Bei „Beuys“ waren es beispielsweise auch viele Kunsthistoriker beteiligt. In einem neuen Theater-Projekt in Berlin haben wir mit sehr vielen verschiedenen Wissenschaftlern, also nicht nur Historikern, sondern auch Ökonomen oder Klimaforschern, zusammengearbeitet. Dabei geht es um Szenarien der nächsten zehn Jahre, was ja erstmals zukunftsgerichtet ist, jedoch Elemente einer Dokumentation aufweist. Ich finde es sehr spannend und debattiere gerne mit Historikern, weil ich anders recherchiere und dadurch Material generiere, das ich dann ja nicht wissenschaftlich weiterbearbeite, sondern im Kontext des Films verwende. Diese Materialien und Inhalte, die ich gesammelt habe, wie zum Beispiel beim Film „Der Kick“ durch Interviews oder Polizeiberichte, können dann natürlich auch für die Geschichtswissenschaft und eine wissenschaftliche Arbeit interessant sein. Ich denke, da könnte auch mehr Kooperation gegeben sein. Ich war schon auf mehreren Konferenzen, wo so etwas schon thematisiert und ein großes Interesse geäußert wurde, konkret kam es aber letztlich zu keiner Zusammenarbeit.

 

An welche Grenzen kann man bei der Recherche stoßen und wo liegen die Schwierigkeiten? 

Die Schwierigkeiten liegen immer da, wo ich ein Interesse habe, jemanden zur Zusammenarbeit an einem Film zu bewegen. Die Personen können nämlich eine eigene traumatische Erfahrung mit dem Thema verbinden, wie es zum Beispiel bei den Eltern in „Die Überlebenden“ war, die ihren Sohn verloren und vielleicht nicht mal nach außen kommuniziert haben, dass es sich um Selbstmord gehandelt hat. Oft wurde von diesen Seiten von Herzversagen oder Unfällen gesprochen und jetzt komme ich und bin einerseits als ehemaliger Mitschüler willkommen, aber andererseits abgelehnt, weil ich als Dokumentarfilmer den wahren Umständen auf den Grund gehen möchte. Wenn diesen Leuten dann klar wird, dass die Geschichte so an die Öffentlichkeit kommen kann, kippt die Bereitschaft plötzlich um in eine Verweigerung. In solchen Situationen kann dann auch Enttäuschung und Wut aufkommen oder der Gedanke, gerichtlich gegen mich vorzugehen. Was ich auch verstehen kann, denn es gibt auch ein Grundrecht auf „Verdrängung“. Ich kann ja niemanden nötigen, eine Veröffentlichung so einer traumatischen Erfahrung durchzustehen. Ich habe es dann immer versucht, eine Kompromisslösung zu finden und weiter in Kontakt zu bleiben, aber es ist natürlich schwierig. Schwierig ist auch die Vermittlung zwischen dem Aufklärungsgedanken, den ich bei „Die Überlebenden“ hatte, und dem Wunsch der Betroffenen, diese Geschichten nicht öffentlich zu machen.

 

Haben Sie sich bewusst dafür entschieden, Public History zu betreiben, und identifizieren Sie sich mit diesem Feld? 

Es war für mich eine innere Notwendigkeit, daher auch eine bewusste Entscheidung. In meiner Familie habe ich gesehen, wie stark historische Ereignisse weitergegeben werden. Ich sehe es als Privileg, mich mit diesen Ereignissen auseinanderzusetzen und ihre Auswirkungen auf die heutige Zeit darzustellen. Außerdem ist es sehr interessant, die Konsequenzen zu sehen, denn wir sind ja das, was wir geworden sind. Historische Prozesse drücken von hinten aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein, sind Legitimationspunkte, wir definieren uns über sie, beziehen uns auf geschichtliche Ereignisse, rechtfertigen, was wir heute tun, um zu verhindern, dass sich etwas wiederholt usw. Wir sind permanent dabei, Geschichte aufzuarbeiten und abzuarbeiten, und sie wirft uns tagtäglich Steine auf den Weg. Und da etwas zu finden, um es auf eine erzählerische Art zu tun, da ist für mich das Kino das richtige Medium. Ich sehe es als Privileg, mich mit diesen Dingen beschäftigen zu können, Reaktionen zu meiner Arbeit zu bekommen und nach den 30 Jahren, die ich schon in diesem Feld arbeite, immer noch spannende Projekte zu haben, die auf mich warten. Eine Vorstellung eines Projekts ist für mich ein Erntedankfest und egal, wie schwer der Weg dorthin war, ich bereue nichts und die Arbeit zahlt sich immer aus.

 

Ein Beitrag von Clara Müller

Quellen zu diesem Text 

Bildquelle:

Copyright by Martin Kraft [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

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