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Rezension: Das Römische Freilichtmuseum Hechingen-Stein

 

In Hechingen-Stein liegt einer der größten rekonstruierten Gutshöfe aus römischer Zeit. Das Areal des ehemaligen römischen Landguts erstreckt sich über fünf Hektar. Bis heute ist nur rund ein Drittel des gesamten Anwesens erschlossen. Das Römische Freilichtmuseum Hechingen-Stein lädt zum Erkunden ein.

 

Luftbild der Gesamtanlage, © Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein. Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen.
Luftbild der Gesamtanlage, © Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein. Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen.

Villae Rusticae

Als Villa Rustica wird ein Landgut oder Landhaus aus der Zeit des Römischen Reichs bezeichnet. Dieses war Mittelpunkt eines landwirtschaftlichen Betriebs und bestand außer dem Hauptgebäude noch aus wirtschaftlich und privat genutzten Nebengebäuden, die sich innerhalb eines ummauerten Anwesens befanden. Der Begriff villa rustica ist ein moderner Begriff.

Die Ableitung erklärt den Begriff dennoch ganz trefflich: Das Wort rustica stammt ab von rus (Land) und beutetet so viel wie ländlich, bäuerlich.

Eine Unterscheidung gibt es ebenfalls, zwischen städtischen(aedes) und ländlichen (villa) Gebäuden.[1] Die Hechinger Villa Rustica ist heute im Rahmen eines Freilichtmuseums begehbar. Ziel eines Freilichtmuseums ist es, die Besucher über die baulichen Überreste und der damit verbundenen Geschichte zu informieren. Idealerweise sind diese Informationen auch über eine Sammlung zum historischen Ort „greifbar“. Der Aufenthalt ist also eine sinnliche Erfahrung, am originalen Ort.

 

Rund um Hechingen

Die Gründung der Villa rustica beim heutigen Hechingen-Stein fällt in die Zeit der Eroberung des heutigen südwestdeutschen Raums Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. durch das Römische Reich. Damals entstanden viele Kastelle, Städte und eben auch Gutshöfe. Mit dem Rückzug der Römer aus den rechtrheinischen Gebieten um 260 n. Chr. verließen auch die Bewohner dieser villa rustica die Gegend, die später dort ansiedelnden Alamannen nutzten die Bauten nach. Der glückliche Umstand, dass die Bauten heute in ihren Grundstrukturen noch vorhanden sind, macht die Bedeutung für die Archäologie aus.[2]

 

Rekonstruierte Latrinen, Bild: Kim Scheiring.
Rekonstruierte Latrinen, Bild: Kim Scheiring.

 Auf den Spuren der Antike

Die vorgeschlagene Route durch das Gelände des Museums führt entlang der steinernen Süd- und Ostfassaden der Villa durch weitläufige Gärten in das ehemalige Badegebäude. Das Bad hatte einen besonderen Stellenwert als sozialer Treffpunkt.

Dadurch dass dieses öffentlich war, konnte es von jeder*m genutzt werden. Es war nicht nur Ort für die Körperpflege, sondern auch Ort der Geselligkeit. Rekonstruierte Mauerreste weisen auf die ehemalige Raumstruktur des damaligen Badehauses hin. Selbst eine antike Fußbodenheizung lässt sich heute nachweisen.

Was diese besonders macht und sie von unserer heutzutage unterscheidet, ist die Bauweise. Um Räume zu heizen, verwendeten die Römer Heißluft. In den Heizkammern, unter dem zu beheizenden Raum, wurden Holz verbrannt und die dadurch erhitzte Luft stieg durch Hohlräume nach oben und erwärmt Boden und Wände. Zudem kann bestaunt werden, wie ähnlich die Technik der damaligen Latrine einer teils heute noch gebräuchlichen Trockentoilette ist. Auf dem Weg zum Hauptgebäude des Landguts kommt man entlang eines angelegten Kräutergartens. Hier wird erklärt, um welche Kräuter es sich handelt und welchen Nutzen sie damals für die Römer hatten. Nieswurz, diente als Heilmittel bei Herz- und Stoffwechselkrankheiten. Im Eingangsbereich des Hauptgebäudeszeigen Tafeln die Besiedlung der Römer bis hin zu ihrer Ausbreitung über das Gebiet des heutigen Südwestdeutschland. Man erfährt, dass die Gutsanlage Hechingen-Stein in der Nähe einer wichtigen Römerstraße lag, die von Süden (Windisch/Schweiz) kommend das obere Neckargebiet erschloss. Im Hauptgebäude wird die Geschichte rund um die Überreste, Rekonstruktionen und Wohnräume vermittelt.

 

Hier wird Geschichte lebendig und greifbar

Die Ausstellung des Römischen Freilichtmuseums besteht nicht nur aus Rekonstruktionen, sondern auch aus Originalfunden, die die Zeit der Römer vor fast 2000 Jahren bildhaft darstellen. Die ersten Grabungen auf dem Gebiet der heutigen Ausstellungsfläche wurden 1978 vorgenommen. Zu sehen gibt es interessante Gegenstände aus Keramik, Metall und Glas, aber auch Sonderfunde wie einen bronzenen Kerzenständer oder den Kopf einer lebensgroßen Venusstatue aus Sandstein. Die Gegenstände, die aus den Grabungen ans Tageslicht gebracht wurden, finden ihren Platz in Vitrinen. Die Exponate werden besonders belichtet und so hervorgehoben. Auf zwei Wohnebenen befinden sich detailliert ausgestattete Wohnräume sowie Schlaf- und Esszimmer mit einer Küche. Im Untergeschoss erwarteten die Besucher eine Tonbildschau und ein Modell der Anlage. Im Außenbereich sieht man das Eingangstor der Anlage, Fahrzeugschuppen mit handwerklich-landwirtschaftlichen Geräten, eine Schmiede, einen sehr gut erhaltenen Tempelbezirk und eine Getreidemühle. Auf dem gut fünf Hektar großen Gutsgelände werden weiter Ausgrabungen durchgeführt, die von den Besucher*innen allerdings nur aus der Ferne beobachtet werden können. Die Präsentation neuerer Funde aus dem Tempelbezirk verdeutlicht besonders gelungen, wie Geschichte ausgehend von nur bruchstückhaft erhaltenen Überresten rekonstruiert werden kann. Durch die gelungene Kombination aus Originalen, Rekonstruktionen und wissenschaftlich fundierten Informationen können sich die Besuchenden ein lebhaftes Bild der römischen Siedlungsgeschichte der Region machen und gleichzeitig etwas über deren Erforschung erfahren.

 

Ausstellungsräume, Bild: Kim Scheiring.
Ausstellungsräume, Bild: Kim Scheiring.

Mediale Vermittlung

In den letzten Jahren hat das Freilichtmuseum in Hechingen-Stein in Bereich der medialen Vermittlung aufgerüstet. Erstmal ein guter Ansatz. Doch passieren wir auf unserer Tour beispielsweise ein Tablet und ein darüber angebrachter Beamer. Doch der tiefenschwarze Bildschirm bremst jeglichen Entdeckungsdrang:

das Gerät reagiert auf keinerlei Bedienung. Schade, weiter geht’s. Auch im hauseigenen Kino bleibt die Leinwand schwarz und auf Nach-frage erfuhren wir, dass man den kleinen Film nur auf Anfrage anstelle. Stromsparmaßnahme in Zeiten weniger Besuchender? Leider war zu beobachten, dass viele Besucher sich nicht extra bemühten, den Weg zum Kassenhäuschen zurückzulegen, um den Film starten zu lassen. Viele setzten den Rundgang ohne den Film fort.

 

All about the text

Text-Tafeln lassen sich beinahe bei allen Ausstellungsstücken finden. Oft lässt sich feststellen, dass Texttafeln ausgeblichen oder abgeblättert und somit schwerer lesbar sind. Vor allem für Menschen, die eine Sehbeeinträchtigung haben, kann das Lesen der Schrift eine Herausforderung darstellen. Auch andere Teile der Anlage wirken schlicht „nicht gut in Schuss“. Beispiele sind eine morsche Treppe, zum Aufstieg ins Obergeschoss des Hauptgebäudes, und die spärliche Beleuchtung mancher Räume, die es nahezu unmöglich macht, die Info-Tafeln zu lesen. Da stellt sich die Frage, ob das Museum auch für anderssprachige Interessierteausgelegt ist. Am Eingang wird man mit einem Schild begrüßt, dass auf deutsch, englisch und sogar französisch zum Besuch einlädt. Doch der Rundgang hält nicht das, was das Schild verspricht. Infotafeln sind immer nur vereinzelt und nicht durchgängig mit englischer Übersetzung versehen. Man wundert sich, nach welchem Kriterium entschieden wurde, welche Objekte eine Übersetzung erhalten. Das Museum bietet zwar keine französischsprachigen Führung an, jedoch ein englischsprachiges Booklet, das im Großen und Ganzen die Geschichte und einzelne Exponate erklärt.

 

Ein Spaß für die ganze Familie?

Ob alt, ob jung, ob klein, ob groß das Freilichtmuseum bietet Spaß, Spiel und Wissen. So gibt es erlebnisorientierte wie auch handlungsorientierte Zugänge, die besonders auf die jüngere Besucher*innen abzielen. Es gibt Togen zum Anprobieren und eine Station, an der die römischen Zahlen geübt werden können. Auch das Mahlen von Getreide, das Backen von Brot oder das Legen von Mosaiken kann mit Schulklassen gebucht werden. Kindern wird eine extra Führung angeboten. Trotzdem ist das Freilichtmuseum nicht allen Interessierten zugänglich. Geht man davon aus, dass jemand in seiner Mobilität eingeschränkt ist, so wird es dieser Person unmöglich gemacht einen Rundgang durch das Museum zu unternehmen. Weder die Wege sind befestigt, noch ist ein barrierefreier Zugang möglich.

 Eine Rezension von Kim Scheiring

 

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[1] Vgl. als ersten Einstieg Wikipedia-Beitrag: „Villa rustica“, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_rustica (zuletzt eingesehen am 16.06.2019). Für weiterführende Informationen vgl. Werner Tietz: Villa Rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern. München 2005.

[2] Vgl. http://www.villa-rustica.de/index.php/de/die-villa/eintrittspreise.html.

 

 

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