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Verschwörungstheorien und Spannungskurve: Die ZDF-Dokumentation „Johannes Paul I. und der Tod“ (1997)


Bild: Sibode1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons.*
Bild: Sibode1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons.*

„Aufklärung braucht Reichweite.“[1] Unter diesem Mantra produziert die ZDF-Redaktion um Guido Knopp historische Fernsehserien, die neben der Befragung von Zeitzeug*innen auch Dokumente aus Archiven zeigen sowie mithilfe von authentischen und nachgestellten Filmaufnahmen Hintergründe erklären. „Wenn Sie um 20:15 Uhr historische Themen anbieten, dann unter der Maßgabe, dass Geschichte spannender sein kann als jeder Krimi, dass sie szenisch dargestellt wird, Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens zeigt“, sagte Knopp 2008 in einem Interview.[2] Laut dem Historiker Rainer Wirtz zeichnen sich die Geschichtsbilder dieser „medial vermittelten Geschichte“ durch Personalisierung, Dramatisierung und Emotionalisierung aus.[3] Diese Charakteristika finden sich auch in dem 51-minütigen Film „Johannes Paul I. und der Tod“ der fünfteiligen ZDF-Reihe „Vatikan. Die Macht der Päpste“ aus dem Jahr 1997 wieder. Knopp geht hier den aus seiner Sicht mysteriösen Umständen des Todes von Johannes Paul I. (1912-1978) nach. „Die Methodik der Geschichtswissenschaft bietet ein scharfes Schwert, um Mythen und Manipulationen zu entlarven,“ erklärte Lutz Raphael, der Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, bei der Eröffnung des Historikertags in Leipzig 2023. Zwischen diesen Polen – Mythen dekonstruieren oder Spannung aufbauen – ist auch diese ZDF-Dokumentation zu verorten.

 

War es Mord?

Nach dem Vorspann, welcher den Morgen des 29. September 1978 und damit den Todestag von Albino Luciani beziehungsweise Johannes Paul I. rekonstruiert, klärt Guido Knopp vor der Kulisse der Vatikanstadt über die Reaktionen auf dessen Tod auf. Er schließt mit der Frage: „Starb er wirklich, wie der Vatikan verkündete, an einem Herzinfarkt? Oder wurde er das Opfer krimineller Machenschaften?“. Diese Leitfrage wird im Verlaufe des Films vor dem Hintergrund der kurzen Amtszeit des Papstes von nur 33 Tagen sowie der Verweigerung einer Obduktion wiederholt aufgegriffen. So begeben sich die Filmschaffenden auf die Suche nach Antworten, welche sich in drei Teile gliedern lässt: Beginnend mit der Mordtheorie des Bestseller-Autors David Yallop über die Biografie Johannes Pauls I. hin zur Auflösung und Aufklärung der Todesumstände. Der erste Part wird mit der Frage „Was verschweigt der Vatikan?“ eingeleitet. In diesem Teil kommt auch David Yallop zu Wort, der den Vatikan des Lügens bezichtigt. Daraufhin wird die Affäre um die Banco Ambrosiano sowie der Vatikanbank erzählt. Grund für den Skandal der Banco Ambrosiano in den 1980er Jahren waren Finanzunregelmäßigkeiten, der Präsident der Bank Roberto Calvi kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Johannes Paul I. deckte diese Affäre angeblich auf. Dies könnte womöglich zu seiner Ermordung geführt haben. Der zweite Teil beginnt mit der Frage „Das Geheimnis um den Tod des Papstes: Gibt sein Leben eine Antwort?“ und spannt den Bogen von der Geburt des Papstes über seinen Lebensweg hin zu seinem Tod. Der finale Teil präsentiert  die Position David Yallops, der zwar einen Kriminalroman, aber keinen Dokumentarbericht geschrieben hat.[4] Die Redaktion um Guido Knopp stellt daraufhin fest, dass die Legende vom Mord am Papst einer Überprüfung nicht standhält. Dennoch, so die Dokumentation, „raunen noch heute in der Gruft der Päpste Pilger, es sei Mord gewesen“.

 

Keine Zweifel an natürlicher Todesursache

Papst Johannes Paul I. wurde am Morgen des 29. September 1978 gegen fünf Uhr tot im Bett seines Schlafzimmers aufgefunden. Der Todeszeitpunkt wurde auf den 28. September auf ca. 23 Uhr geschätzt. Die Leiche saß aufrecht im Bett, lächelte und hielt eine Druckschrift in den Händen. Der Autor David Yallop veröffentlichte sechs Jahre nach dem Tod des Papstes ein Buch, welches die offizielle Darstellung in Frage stellt und den Tod, wie in der Dokumentation beschrieben, mit der Affäre um die Banco Ambrosiano in Verbindung bringt. Diese These wurde aber von mehreren Expert*innen, wie zum Beispiel den Journalisten John Cromwell und Stefania Falasca sowie dem Pathologen Hans Bankl, widerlegt.

 

„Was verschweigt der Vatikan?“

Die Filmschaffenden bedienen sich verschiedener spannungssteigernder Elemente. So beispielsweise während der anekdotisch erzählten Einleitung, die mit schnellen Umschnitten, dramatischer Musikuntermalung sowie den Originalaufnahmen der Leiche Lucianis arbeitet. Diese Elemente der Emotionalisierung finden sich im Laufe des Filmes immer wieder – beispielsweise durch die verschiedenen, temporeichen und spannungserzeugenden Musikthemen. Aber auch die verwendeten Beschreibungen wie „33 Tage Papst, 33 Tage Euphorie“ oder „Ein Papst wird nicht geschont“ sind Botschaften, welche bewusst eingesetzt werden, um Spannung und Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

 

Viele Interviewpartner, unveröffentlichte Filmaufnahmen, aber ein zusammenbrechender Spannungsbogen

Positiv ist zunächst die Auswahl der Interviewpartner: von dem Bruder und der Nichte des Papstes über dessen Mitarbeitende hin zum Ex-Ministerpräsidenten Italiens, Giulio Andreotti. Die Position der Interviewten vor dem immer gleichen Hintergrund erzeugt eine „Nullstellung“, das heißt, keiner der Interviewten wird herausgehoben oder in ein anderes Licht gesetzt. Die Narration  wird durch eine kluge Auswahl an Archivmaterialien ergänzt, darunter  interne Aufnahmen Johannes Pauls I. mit seinen Kardinälen sowie mit Kindern, welche zur Emotionalisierung und Dramatisierung beitragen.

 

Inhaltlich beschäftigt sich der Film vor allem im zweiten, längsten Teil sehr detailreich mit der Biografie des Papstes vor dessen nur 33-tägigen Pontifikat. Diese teils sehr langwierigen Passagen geben mit Ausnahme der Krankheitsgeschichte Lucianis keine Antworten auf die  Leitfrage. Auch der konstruierte Spannungsbogen über die von Knopp gestellte und von den Zeitzeugen untermauerte Frage nach den wahren Todesumständen, die einen möglichen Mord nicht ausschließen, so bricht dieser Spannungsbogen in den letzten Minuten zusammen. Durch die „Enthüllung“ der Funktion David Yallops als auch der Nichtanzweiflung natürlicher Todesursachen durch Expert*innen und Familie wird die zuvor aufgebaute Argumentation ad absurdum geführt. Zwar gibt es während des zweiten Parts auch immer wieder Hinweise auf die Krankheiten des Papstes (durch seinen  Bruder oder dem Sekretär des Kardinals), trotzdem steht die  Mord-These weiterhin im Raum. Diese Verschwörungsthese wird auch durch die bereits beschriebene Emotionalisierung sowie die Stilisierung des Elementes „Papst gegen Vatikan“ genährt: Häufig wird die Bescheidenheit und Bodenständigkeit Lucianis mit den harten Arbeitsbedingungen und der Verwaltung des Vatikans kontrastiert.

 

Eine Frage, die keiner Antwort bedarf?

Dieser abschließende Kritikpunkt stellt den Aufbau des gesamten Filmes in Frage. Die Aufklärung über die Position David Yallops sowie die Tatsache, dass Expert*innen und Familienmitglieder nicht an den natürlichen Todesumständen zweifeln, wird bewusst ans Ende des Filmes zurückgehalten. Andernfalls würde die Leitfrage – genau wie die Mord-These Yallops – keiner Überprüfung standhalten. Vielmehr wirkt der Spannungsbogen künstlich konstruiert, verstärkt durch die für Knopp typische Emotionalisierung und Dramatisierung.

 

Demgegenüber bewirkt diese, dass eine größere Zielgruppe erreicht und unterhalten wird, welche durch die vielfältige Auswahl der Zeitzeugen sowie des teils unveröffentlichten Archivmaterials einen Einblick in das Leben Johannes Paul I. erhält. Das Publikum erwartet einen spannend und emotional erzählter Dokutainment-Film, dessen historischer Mehrwert allerdings fraglich bleibt.

 

Ein Beitrag von Hendrik Schirner


Details zum Film auf einen Blick:

Titel: Johannes Paul I. und der Tod

Genre: Dokumentarfilm

Länge: 51 Minuten

Erscheinungsjahr: 1997

Regie: Sebastian Dehnhardt, Guido Knopp, Maurice Philip Remy

 

Nachweise:

Fischer, Thomas/Wirtz, Rainer (Hrsg.): Alles authentisch?, Konstanz 2008.

Frost, Simon: Interview mit Guido Knopp (26.10.2009): „Die friedliche Revolution war gefährdet“, URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/die-friedliche-revolution-war-gefahrdet-6791734.html (22.07.2023).

 

Fußnoten: 

[1] Frost, Simon: Interview mit Guido Knopp: „Die friedliche Revolution war gefährdet“, URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/die-friedliche-revolution-war-gefahrdet-6791734.html  (22.07.2023).

[2] Interview mit Badischer Zeitung, 15.03.2006, zit. nach: Wirtz, Rainer: Alles authentisch: so war’s, in: Fischer, Thomas; Wirtz, Rainer (Hrsg.): Alles authentisch?, Konstanz 2008, S. 11.

[3] Vgl.: Wirtz, Rainer: Alles authentisch: so war’s, S. 10.

[4] Yallop, David: Im Namen Gottes?, Bertelsmann 1984.

 

*Bilder: 

Sibode1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:TombaBeatoGiovanniPaoloI2022.jpg bzw. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/TombaBeatoGiovanniPaoloI2022.jpg


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