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Geschichtslernen digital: "History Timeline" im Test

Bild: Timo Mäule mit Screeninhalten von: App History Timeline, TIMLEG.
Bild: Timo Mäule mit Screeninhalten von: App History Timeline, TIMLEG.

 Ereignisse in einen größeren Verlauf einzuordnen ist für die Analyse von historischen Sachverhalten grundlegend und ein essentieller Bestandteil im Prozess Historischen Denkens. Wer sich zum besseren Verständnis einen ersten Überblick verschaffen will, ist mit der guten alten Zeitleiste nicht schlecht beraten. Neben den tabellarischen Überblicken in gedruckten Lehrwerken gibt es mittlerweile auch digitale Aufbereitungen. Eine interaktive Anwendung dieser Art ist „History Timeline“ von TIMLEG, einem Wiener App-Entwickler. Seit dem Release 2016 wurde die App Stand Januar 2020 rund 100.000 Mal heruntergeladen. Diese ist kostenlos und werbefrei. Wir haben diese App ausprobiert.

 

Die App öffnet mit dem Urknall. Zumindest ist es das, was im gröbsten Zoommodus auf der Zeitleiste zu sehen ist. So umfasst die erste Ebene prähistorische und historische Ereignisse, die sich zunächst im Takt von Jahrmilliarden aneinanderreihen. Man muss als Nichtpaläontologe wahrscheinlich einige Male zoomen, bis man sicheren Boden gewinnt und mit dem einen oder anderen Ereignis mehr anzufangen weiß. Das ist nicht ohne Reiz:  Die Art der Annäherung verdeutlicht die kurze Periode menschlicher Evolution in Relation zu Erd- und Naturgeschichte.

 

Grundsätzlich sind längere Perioden gestalterisch durch Markierungen am Anfang und Ende gekennzeichnet. Kürzere Zeitabschnitte sind als Balken dargestellt. Einzelne Daten und Balken sind dann auswählbar, durch einen Klick gelangt man auf verlinkte Wikipedia-Artikel.

 

Zoomt man soweit es geht – immerhin an die 30 Mal – ist der Zeitraum schon überschaubarer und überspannt weniger als ein Jahr.  Trotzdem läuft man Gefahr, bei der Fülle des Materials den Überblick zu verlieren: Ein buntes Gewirr von Ereignissen verschiedenster Zeiten und Räume wirkt auf den Benutzer zunächst völlig chaotisch zusammengewürfelt. Durch Kategorienfilter ist etwas Klarheit ins Datenknäuel zu bringen. Umso bedauerlicher, dass dabei die Überwindung einer eurozentrischen Geschichtserzählung versäumt wurde: Bei den Lebensdaten historischer Persönlichkeiten lediglich historische Akteur*innen aus Westeuropa berücksichtigt. Jedes Ereignis verfügt dann über einen prägnanten Kurztext und ist verlinkt auf einen einschlägigen Wikipedia-Artikel – allerdings immer nur auf die englischsprachige Version. 

Bild: App History Timeline, TIMLEG, Screenshot.
Bild: App History Timeline, TIMLEG, Screenshot.

 

Inhaltlich ist die App höchstens eine visualisierende Ergänzung zu Wikipedia, eine graphische Handreichung zur ersten Orientierung. Kriterien zur Kategorisierung und zur Erstellung der Einführungstexte werden nicht erläutert. Zwar findet man Angaben zu Verantwortlichen des Anbieters – die inhaltliche Autorenschaft jedoch bleibt intransparent. Wer ein fundiertes Hilfsmittel für wissenschaftliche Zwecke erwartet, macht hier einen Fehlgriff.

 

 

Es besteht die Möglichkeit, eigene Daten einzufügen, was grundsätzlich ein interessanter Aspekt für die Geschichtsvermittlung darstellt. Mit der Lesezeichenfunktion kann benutzerdefiniert strukturiert werden. Technisch macht die App keine Schwierigkeiten, braucht kaum Speicher oder Datenvolumen, ist allerdings nur für Android-Geräte verfügbar.

 

Insgesamt enttäuscht die ungelenke Art der Bearbeitung: einzelne der zahllosen Ereignisse können angewählt und bearbeitet oder zu den bestehenden noch mehr neu erstellt werden, viel schöner aber wäre eine Kombination mit einer Desktoplösung gewesen: Daten erzeugen am PC, Daten anzeigen am Smartphone, wie das etwa verschiedene Karteikartenprogramme mit ihren mobilen Ablegern mittlerweile großartig umzusetzen verstehen. Damit wäre auch eine Anwendung inner- und außerhalb des Unterrichts vorstellbar, wobei etwa Schüler*innen begleitend zum Stoff eigene Zeitleisten zur Orientierung erstellen könnten oder der Lehrer die chronologische Basisorientierung zur Verfügung stellt, auf die der Schüler dann regelmäßig zurückgreifen kann. Zur dynamischen Darstellung von Daten bieten digitale Lösungen nämlich deutlich mehr Möglichkeiten als traditionelle Printmedien. TIMLEG macht sie mit „History Timeline“ so aber noch nicht obsolet.

 

Ein Beitrag von Lukas Reischmann

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