“Eberhard [war] ein bekannter Antisemit und Karl [ein] bekannter Menschenhändler”, “eine Person, die man kritisch sehen muss”, “der Gründer der Stadt Tübingen?”, antworteten Tübinger Studierende, als wir, eine Gruppe von Geschichtsstudierenden, sie nach dem Namen ihrer Universität fragten. Diese und weitere Antworten, die wir in Vorbereitung auf die Online-Ausstellung erhalten haben, zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Namen der Universität über die Debatte hinaus nach wie vor aktuell ist, aber gleichzeitig ein Aufklärungsbedarf besteht.
Die Online-Ausstellung “‘Who the f*ck is Eberhard Karl?’ (K)ein neuer Name für die Universität Tübingen?” widmet sich den historischen Kontexten der Namensdebatte. Dabei erläutert das Studierendenprojekt historische Hintergründe zu den Namensgebern der Universität: Graf Eberhard im Bart und Herzog Carl Eugen. Auch diverse Namensdebatten der vergangenen Jahre werden aufgearbeitet. Zudem werden verschiedene aktuelle Perspektiven unter anderem in Form von Kurzinterviews festgehalten. Die Ausstellung lädt ein, die Erinnerungskultur und Identität der Universität Tübingen zu reflektieren und am Ende selbst an einer Umfrage teilzunehmen.


Was steckt hinter dem Universitätsnamen?
Graf Eberhard im Bart (1445-1496) gründete die Universität Tübingen mit Hilfe seiner Mutter Mechthild von der Pfalz und seines Onkels Ulrich V. im Jahr 1477. Im Zuge der Universitätsgründung wurde ein sogenannter “Freiheitsbrief” ausgestellt. Dieser regelte die Rechtsstellung der Angehörigen der Universität und ihrer Familien, welche eine hervorgehobene Stellung gegenüber normalen Stadtbürgern genossen. In diesem Brief wurde allen Jüdinnen und Juden das Wohnen im Stadtgebiet Tübingens verboten. Graf Eberhard wies in seinem 1492 verfassten Testament seine Nachfolger an, keine jüdischen Menschen auf dem gesamten württembergischen Gebiet ansiedeln zu lassen.
Beide Anweisungen stellen jedoch um 1500 keinen Einzelfälle dar. Andererseits schützten viele andere Herrscher die Juden vor Übergriffen, wofür sich einige das im Gegenzug von den Juden auch bezahlen ließen (so genannte „Schutzjuden“).

Herzog Carl Eugen (1728-1793) veranlasste am 17. Oktober 1769 die Umbenennung der Universität Tübingen, welche seit 1477 den Beinamen Eberhardina trug, zu Eberhardina Carolina. Mit der Umbenennung ehrte sich Carl Eugen selbst für seine Unterstützung der Universität Tübingen in den Jahren seit seinem Amtsantritt 1744.
In den Namensdebatten erhobene Vorwürfe gegen Carl Eugen umfassen seine absolutistische Herrschaftspraxis, die willkürliche und langjährige Inhaftierung von Kritikern ohne Prozess und Menschenhandel als Vermietung württembergischer Soldaten.
Die Kontroversen um die Württemberger Herzöge Eberhard I. im Bart und Carl Eugen sorgten bereits in den 1970er-Jahren für Diskussionen und Forderungen nach einer Umbenennung. Auch in jüngerer Zeit (2020 und erneut 2022) forderte der Studierendenrat die Umbenennung der Universität. Daraufhin wurde eine Historiker*innenkommission beauftragt, ein Gutachten zu erstellen, das die Namensgeber geschichtswissenschaftlich beurteilt und die Rezeptionsgeschichte des Namens darlegt. Der Antrag auf Umbenennung wurde vom Senat abgelehnt, mit der Begründung, die Namensgeber seien vor ihrem zeitgenössischen Hintergrund zu bewerten. Doch die Kritik hält auch nach der Entscheidung des Senats weiterhin an.
Vom Seminar zur Ausstellung
Die Online-Ausstellung entstand als Resultat zweier Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2024/25 und Sommersemester 2025. Initiiert und betreut wurde das Studierendenprojekt von Dr. Tjark Wegner (Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften) und Dr. Michael La Corte (Museum Universität Tübingen, MUT), unter anderem als Teil der interdisziplinären Masterprofillinie „Museum & Sammlungen“. Das Projekt entstand in Vorbereitung auf das kommende 550-jährige Universitätsjubiläum 2027.

Im ersten Seminar wurde ein kontextualisierender Blick auf die Namensgeber Eberhard im Bart und Carl Eugen geworfen und die inhaltlichen Grundlagen für die Ausstellung herausgearbeitet. Zudem wurde das Erarbeitete vor dem Hintergrund aktueller Erinnerungskultur und Namensdebatten diskutiert. Im darauffolgenden Semester befassten wir uns in einem Blockseminar damit, eine digitale Ausstellung zu den Namensgebern und den damit verbundenen Debatten zu erstellen. Die Ausstellung sollte sowohl über die historischen Grundlagen informieren, als auch den Verlauf der Debatte festhalten. Somit trägt das Projekt selbst zu Erinnerungskultur bei.
Konzeption der Ausstellung
Ziel war es, eine Ausstellung zu kuratieren, die neben Geschichtsstudierenden auch ein breiteres Publikum mit unterschiedlichen Wissensständen anspricht. Mittels Videos und Abbildungen entschieden wir uns, die Ausstellung visuell ansprechend zu gestalten und den Text aufzubrechen. Zudem sollte eine Umfrage die Besuchenden selbst zur Partizipation in der Debatte auffordern. Diskutiert wurde, wie historisch komplexe Inhalte verständlich und interessant dargestellt werden können. In der Debatte wurde deutlich, dass einige Begriffe nicht weggelassen werden konnten und daher an anderer Stelle gesondert erklärt werden müssen. Da die Erklärungen den Leseprozess aber nicht allzu sehr stören sollten, entschieden wir uns für ein extra Verzeichnis – ein „what is what“ und „who is who“ – am Ende des Textes, sodass sich Leser*innen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen über zentrale Personen und Begriffe informieren können.

Dort steht geschrieben: "Wir wöllent ouch und gebieten ernstlichen denen von Tüwingen, das sie kein juden, ouch sust keinen offen wucherer by in, in der stat oder in iren zwingen und bennen laussen wonhafft beliben."
Die Diversität an Meinungen in der Debatte um die (Um-)benennung der Universität Tübingen ist in Form von vier kurzen Meinungsstatements in der Ausstellung vertreten, von denen zwei für eine Umbenennung und zwei dagegen plädieren. Oberbürgermeister Boris Palmer, Prof. Dr. Bernd-Stefan Grewe (Institut für Geschichtsdidaktik und Public History), Prof. Dr. Sigrid Hirbodian (Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften) und Valerie Weber (Ernst-Bloch-Universität Hochschulgruppe), die alle in der Debatte involviert waren, haben sich netterweise dazu bereit erklärt, ihre Position zum Universitätsnamen in einem kurzen Statement darzulegen. Diese vier Statements sind als Videos in der Ausstellung zu finden. [1]
Um die Entwicklung des Uninamens seit der Gründung sowie die bereits in den 1970ern beginnende Debatte darzustellen, gibt ein Zeitstrahl einen knappen, aber vollständigen Überblick. Der Zeitstrahl historisiert die Debatte und basiert auf Quellen aus dem Universitätsarchiv Tübingen und dem Archiv der Fachschaftsvollversammlung. Beide Archive haben uns dankenswerterweise ihre Türen geöffnet und uns bei unserer Recherche unterstützt.
Nachdem die Ausstellung konzipiert wurde, musste eine passende Plattform für die Website gefunden werden. Gerade wegen des Zeitstrahls und der Tools für die Besuchendenumfrage war dies nicht so leicht. Um die von uns besprochenen Elemente in die Ausstellung integrieren zu können, entschieden wir uns so gegen Pageflow, einer Storytelling-Plattform, die auch von der Austellung “Koloniale Schatten” genutzt wurde und stattdessen für TYPO3, das für die regulären Webseiten der Universität verwendet wird. [2] Die Konzeption dieser Ausstellung hat uns verdeutlicht, wie Komplex der Prozess der Kuratierung einer Ausstellung ist und dass es unvermeidbar ist, Kompromisse einzugehen.

Ausstellungseröffnung
Die Online-Ausstellung wurde am 6. November 2025 in der Schlosskirche Hohentübingen eröffnet. Damit wurde die Arbeit von einem Semester, bei einigen Teilnehmer*innen auch von zwei Semestern, aus den Räumen des Hegelbaus der Öffentlichkeit übergeben und präsentiert.
Die Vernissage wurde durch einen einführenden Vortrag von Dr. Tjark Wegner eingeleitet, der die Zielsetzung und den Kontext des Universitätsjubiläums 2027 darlegte. Anschließend hielt Prof. Dr. Benigna Schönhagen (Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften) einen Vortrag über Erinnerungskultur mit Fokus auf die Universität Tübingen. Frau Schönhagen kritisierte konstruktiv die Erinnerungskultur an der Universität Tübingen, vor allem den fehlenden Impuls der Universitätsleitung, sich kontinuierlich kritisch mit der Universitätsgeschichte auseinanderzusetzen. Solche Impulse gingen währenddessen schon mehrmals von Studierenden, mit Unterstützung von Dozierenden, aus und mündeten schließlich in Ausstellungen und kritischer Auseinandersetzung. Am Ende der Vernissage stellten die mitwirkenden Studierenden ihren Arbeitsprozess und ihre Ergebnisse vor.
Die Eröffnung endete mit einem Umtrunk im Rittersaal des Schlosses Hohentübingen und sorgte für einen interessanten und lehrreichen Austausch zwischen Studierenden, Dozierenden und der Öffentlichkeit. Die Mischung aus vielen Studierenden, aber auch alteingesessenen Tübinger*innen zeigte, wie das Interesse an der Debatte über Generationsgrenzen hinaus besteht.
Ausblicke auf die Debatte
Die Universität Tübingen wird sich auch in Zukunft erneut stärker mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. So ruft Rektorin Prof. Dr. Dr. h.c. (Dōshisha) Karla Pollmann anlässlich des kommenden Jubiläums auf, “die eigene Identität zu ergründen und die eigenen Ziele zu hinterfragen.” [3] Die Online-Ausstellung bietet eine Möglichkeit zu (erneuter) Meinungsbildung und soll zudem zu einer Reflektion des Namens und der Erinnerungskultur der Universität Tübingen anregen.
Zum Schluss der Ausstellung wird in einer Umfrage nach der Meinung der Besucher*innen selbst gefragt. Soll die Universität einen neuen Namen kriegen? Und wenn ja, welchen?
Wir laden Sie herzlich ein, sich selbst einen Eindruck von der Ausstellung zu machen: https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/ausstellungen/online-ausstellungen/who-the-fck-is-eberhard-karl. (externer Link, 8.12.2025) Nehmen Sie auch gerne an der Umfrage am Schluss der Ausstellung teil.
Ein Beitrag von Lina Lang und Cornelius Scheid
Informationen zur Ausstellung und weiterführende Hinweise:
· Museum: Museum der Universität Tübingen, MUT
· Online verfügbar
· Link zur Ausstellung: https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/ausstellungen/online-ausstellungen/who-the-fck-is-eberhard-karl (externer Link, 8.12.2025).
Fußnoten:
[1] Bei der Umsetzung der Interviews und der Kameratechnik wurden wir freundlicherweise von Menitor Kadrija (Student der Kunstgeschichte) unterstützt.
[2] Nadja Mozdzen vom MUT half uns netterweise beim Erstellen der Website.
[3] Pollmann, Karla: Der Name der Universität Tübingen. Befassen wir uns kritisch mit unserer Geschichte. In: Website der Universität Tübingen, URL: https://uni-tuebingen.de/universitaet/profil/geschichte-der-universitaet/ name-der-universitaet/(23.11.2025).
Bilder:
*Abb. 1: Die Abbildung ist eine KI-generierte Verschmelzung von den zwei unteren Bildern von Eberhard im Barte und von Carl Eugen. Das Bild ist das Thumbnail des einleitenden Videos, der Werbeplakate und der Werbepostkarten.
**Abb. 2: Das Bild zeigt eine kolorierte Federzeichnung, 1550, von Eberhard im Barte, in Rüstung kniend dargestellt. In seiner Hand hält er eine Palme (sein Zeichen) mit dem Schriftband “Attempto” (sein Motto) herum gewickelt. Über ihm steht sein Name und Titel wie auch das Jahr 1493, “Eberhardus Barbatus dux Wirtembergensis, anno 1493”. Eberhard im Bart, Wikipedia, 2007, URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/82/900-101_Eberhard_im_Bart.jpg/960px-900-101_Eberhard_im_Bart.jpg (23.11.2025).
***Abb. 3: Das Porträt zeigt Carl Eugen von Württemberg von dem Maler Pompeo Batoni, 1753-55, gemalt. Es stellt Carl Eugen in einem Ganzkörperporträt in einem Gang dar, seine linke Hand ruht auf einer Säulenverzierung und seine rechte ruht auf seiner Hüfte. Zu seiner Rechten ist eine Statue der Göttin Athene, und auf einem Hocker, seine Herzogskrone wie auch sein Herzogstab. Herzog Carl Eugen von Württemberg, Wikipedia, 2010, URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/61/Carl_Eugen_von_Pompeo_Batoni.jpg/960px-Carl_Eugen_von_Pompeo_Batoni.jpg (23.11.2025).
****Abb. 4: Startseite der Online-Ausstellung “Who the f*ck is Eberhard Karl?”, Museum der Universität Tübingen MUT. Screenshot Lina Lang (23.11.2025).
*****Abb. 5: Das Bild zeigt einen Auszug aus dem Freiheitsbrief der Universität Tübingen von 1477. Dort steht geschrieben: "Wir wöllent ouch und gebieten ernstlichen denen von Tüwingen, das sie kein juden, ouch sust keinen offen wucherer by in, in der stat oder in iren zwingen und bennen laussen wonhafft beliben." Womit alle Juden/Jüdinnen die Ansiedlung in der Stadt Tübingen verboten wurde. Auszug aus dem Freiheitsbrief 1477, Universitätsarchiv Tübingen, Signatur: UAT U3. (abrufbar unter https://opendigi.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/UAT_U003#p=1 [zuletzt aufgerufen am 08.12.25]).
******Abb. 6: Auf dem Bild ist Prof. Dr. Benigna Schönhagen zu sehen wie sie ihren Vortrag hält, bei der Vernissage der Online-Ausstellung “Who the f*ck is Eberhard Karl” am 06.11.2025 in der Schlosskirche des Schloss Hohentübingen. Prof. Schönhagen während der Vernissage, Foto: Tjark Wegner.
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