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Die Bürgermeisterwahl 1954 – Abstimmung über die Vergangenheit

Hans Gmelin (links) und Theodor Haering 1954. Bild: Alfred Göhner/ Stadtarchiv Tübingen
Hans Gmelin (links) und Theodor Haering 1954. Bild: Alfred Göhner/ Stadtarchiv Tübingen

Wenige Familien haben die Geschichte des Schwabenlandes zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert so sehr geprägt wie die Mitglieder des Gmelin-Clans. Als Richter, Bürgermeister, Pfarrer und Professoren hatten sie großen Einfluss auf das städtische und universitäre Leben in Tübingen. Doch auch die akademisch-bürgerlichen Gmelins brachten einen braunen Spross hervor: Hans Gmelin, Tübinger Oberbürgermeister von 1954 bis 1974, spielte eine nicht unbedeutende Rolle im System des NS-Regimes.

 

 

„Herr Gmelin wird kaum behaupten können, daß ihm seine Tätigkeit in der Slowakei nicht Einblick in Dinge gewährt hätte, die heute jeden anständigen Deutschen mit Schauder und Scham erfüllen.“

 

 

Hans Gmelin im Dritten Reich

Gmelin wurde 1911 in Tübingen geboren und nahm im Sommersemester 1930 ein Jurastudium in seiner Heimatstadt auf. Im Zuge des Aufstiegs des Nationalsozialismus wurde Gmelin in der SA als Mitglied eines SA-Studentensturms aktiv. Weiterhin engagierte sich Gmelin als Führer einer SA-Sportmannschaft. 1937 trat er dann ebenfalls in die NSDAP ein. In seiner SA-Zeit lernte Gmelin Hanns-Elard Ludin kennen, dessen Bekanntschaft und Freundschaft sich später günstig auf seine NS-Karriere auswirkte. Gemeinsam gingen sie nach Pressburg, dem heutigen Bratislava, in der Slowakei, wo Gmelin als zweiter Gesandtschaftsrat hinter Ludin das dortige „Volkstumsreferat“ von 1941 bis 1945 leitete. In seiner Position trug Gmelin Mitverantwortung für die Verfolgung von Homosexuellen und Wehrdienstverweigerern innerhalb der deutschen Minderheit. Er war ebenfalls zuständig für die „Arisierung“ jüdischen Eigentums und beteiligte sich an der Ausarbeitung der diplomatischen Vereinbarungen, die die Deportation der slowakischen Juden nach Polen zum Ziel hatten. Als Ergebnis dieser Bemühungen wurden über 60.000 Menschen deportiert und in Ghettos oder Konzentrations- und Vernichtungslagern im deutschen Generalgouvernement in Polen ermordet.

 

„Daß ich persönlich Unrecht getan habe, wirft mir niemand vor und kann mir auch niemand vorwerfen“

 

Die Reintegration Gmelins nach Ende des Krieges

Gmelins Vorgesetzter Ludin wurde für seine Taten 1947 in Bratislava hingerichtet. Seine rechte Hand kam im Vergleich dazu relativ unbehelligt davon: Zu Kriegsende wurde Gmelin 1945 durch die Amerikaner festgenommen. Nach mehr als dreieinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft kam er in die französische Besatzungszone. Gmelin galt, wie so viele andere NS-Täter, als Mitläufer und wurde in seinem Entnazifizierungsverfahren als „minderbelastet“ eingestuft. Ohne weitere Konsequenzen fürchten zu müssen, setzte der Jurist 1949 seine Karriere im öffentlichen Dienst fort. Schnell stieg er vom Angestellten im Wirtschaftsministerium bis zum Oberregierungsrat auf. Ein klassischer „131er“: Dieser Artikel ermöglichte allen ehemaligen Beamten, die nicht als „NS-Täter“ eingestuft worden waren, eine Rückkehr in ihre alte Stellung.

 

Im Jahre 1954 ließ sich der 43-jährige, parteilose Gmelin zur Wahl des Tübinger Oberbürgermeisters aufstellen. Im Wahlkampf kristallisierten sich schnell die zwei großen Konkurrenten heraus: der amtierende Oberbürgermeister Wolf Mülberger und Gmelin. Im zweiten Wahlgang wurde Gmelin mit 55 Prozent der Stimmen gewählt. Auf die Frage, wie er diesen Wahlsieg errungen habe, charakterisierte Gmelin rückblickend einen maßgeblichen Beweggrund für die Tübinger Wähler und Wählerinnen als die „Frage, ob nun Leute wie ich, die sich in der Jugendzeit als SA-Leute, als Nationalsozialisten in Tübingen betätigt haben, aus einer aktiven Verantwortung ausgeschlossen sein sollten, obwohl nichts persönlich Belastendes an ihnen hängen geblieben war.“

 

Eine „Phase der Säuberung“ in Tübingen?

Gmelins Vergangenheit stellte einen so großen Bestandteil des Wahlkampfes und des öffentlichen Diskurses im Tübingen der 1950er Jahre dar, dass die Diskussion geradezu symbolhaft für die Auseinandersetzung der Tübinger Bevölkerung mit ihrer jüngsten Vergangenheit steht. In den Jahren nach dem Krieg wurde die Öffentlichkeit durch die französische Besatzungsverwaltung zu einer gewissen Aufarbeitung und Antworten auf die drängenden Fragen gezwungen. Verschiedene Gerichtsverfahren einhergehend mit der Entnazifizierung bedeuteten – trotz inkonsequentem Durchgreifen  – einen tiefen Einschnitt in das Leben vieler Tübingerinnen und Tübinger. Auch von Seiten der eingesetzten Stadtverwaltung, vor allem unter Oberbürgermeister Viktor Renner und Carlo Schmid, fanden sich Ansätze einer frühen Kultur des Erinnerns. Renner betonte schon in seiner ersten Amtssitzung nachdrücklich die Notwendigkeit politischer Säuberung und des Gedenkens an die jüdischen Opfer. Doch dass diese Gedanken nicht vom Großteil der Tübinger Bevölkerung geteilt wurden, stellte sich spätestens im Wahlkampf 1954 heraus.

 

„Weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben, wählen wir Hans Gmelin. Die Wählerfreunde von Hans Gmelin“

 

Gmelin bezog zum ersten Mal Stellung zu seiner Vergangenheit bei einer öffentlichen Kandidatenvorstellung Ende September 1954, nachdem seine berufliche Stellung in der Slowakei und seine SA-Zeit explizit angesprochen und diskutiert worden waren. Das „Schwäbische Tagblatt“ ließ diese Vorfälle selbst zwar relativ unkommentiert, gab aber viel Raum für eine intensive Diskussion in den Leserbriefen, die sich über Wochen hinzog. Für die einen (und natürlich auch Gmelin selbst) war das einzige, was man ihm vorwerfen könne, jugendlicher Idealismus, der ihn zum Nationalsozialismus trieb. Und schließlich habe er seine Fehler vor allen eingestanden und auch daraus gelernt. In den Augen von Gmelins Befürwortern hatte sich seine politische Einstellung radikal verändert. Gmelin war somit die personifizierte „zweite Chance“ für ehemalige NS-Aktivisten und Aktivistinnen. Er versprach einen „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit, den sich viele der Tübinger*innen in dieser Zeit sehnlichst wünschten.

 

„Wer aus der Vergangenheit gelernt hat, kann nur Mülberger oder Heuer wählen. Viele Tübinger“

 

Auf der Seite der Gmelin-Gegner zeigte sich ein generelles Unverständnis für die Bereitschaft der Öffentlichkeit, über eine solche Episode im Lebenslauf des Kandidaten hinwegzusehen. Der Theologieprofessor Gerhard Ebeling warf einigen Tübinger Bürgerinnen und Bürgern sogar vor, dass Gmelins allgemein bekannte NS-Vergangenheit für sie keine Bedenken, sondern gar eine Empfehlung bedeute. Auch Lilli Zapf, die sich intensiv mit den Schicksalen der Tübinger Juden und Jüdinnen auseinandergesetzt hatte, schrieb in einem Brief 1965 über den Wahlsieg Gmelins: „Es ist überhaupt unbegreiflich, wie dieser Mann als OB in Tübingen gewählt werden konnte. Es war damals unter den Andersdenkenden eine große Betrübnis und Aufregung, das möchte ich Ihnen ausdrücklich schreiben.“ Doch abgesehen von ihnen waren die meisten Bürger und Bürgerinnen glücklich mit dem Wahlergebnis und Gmelins Politik, so schrieb Lilli Zapf weiter: „Und nun wurde er vor 1-2 Jahren zum zweiten Mal gewählt. Man sagt ihm Umsicht und große Tüchtigkeit nach, auch, dass er sich in politischer Hinsicht ‚bekehrt‘ hätte.“

 

Auch die lautesten Gegenstimmen in Tübingen waren somit im Laufe der Jahre mehr oder weniger verstummt. Sie konnten schlussendlich nichts gegen die Meinung der Mehrheit ausrichten – nicht zur Zeit von Lilli Zapfs Brief 1965 und auch nicht ihm Wahljahr 1954. So trat Gmelin 1955 sein Amt als höchster Repräsentant der Stadt Tübingen an. In seiner 20-jährigen Amtszeit erfüllte er sein unausgesprochenes Wahlversprechen und Bedürfnis seiner Wählerinnen und Wähler. Denn mit einer Politik des Verdrängens und Verschweigens, propagierten Kriegsheldentums und Revanchismus ermöglichte Gmelin ihnen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und sich dem schmerzlichen Eingeständnis der eigenen Schuld zu entziehen.

Ein Beitrag von Lisa Blum


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