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Melegueta – ein westafrikanisches Gewürz in europäischen Küchen des Mittelalters

Bild: Shaddiii [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0).** Im Inneren der Melegueta-Beeren wachsen 60–100 bräunliche, 3¬4 mm große, körnige Samen, die zur Gewinnung des Gewürzes getrocknet werden.
Bild: Shaddiii [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0).** Im Inneren der Melegueta-Beeren wachsen 60–100 bräunliche, 3¬4 mm große, körnige Samen, die zur Gewinnung des Gewürzes getrocknet werden.

Denken wir heute an afrikanisch-europäische Beziehungsgeschichte, ist unser Bild wohl hauptsächlich durch die Zeit des Kolonialismus geprägt. Tabak, Kaffee und Kakao eroberten die europäischen Kolonialwarenläden, während die Menschen in den afrikanischen, südamerikanischen oder südasiatischen Herkunftsländern für den europäischen Konsumgenuss ausgebeutet und unterdrückt wurden. Ganze afrikanische Landstriche wurden nach den von dort stammenden Waren benannt: Goldküste, Sklavenküste oder auch Elfenbeinküste. Weniger bekannt dagegen ist die sogenannte Pfefferküste, deren Name sich auf eine heute kaum noch gebrauchte Pflanze zurückführen lässt – Melegueta. Ihre Samen verwendet man u. a. als Gewürz. Sie sind scharf und aromatisch im Geschmack, weshalb sie häufig fälschlicherweise als Melegueta-Pfeffer bezeichnet wurden und werden – eine Verwandtschaft mit dem schwarzen Pfeffer besteht jedoch nicht. [1] Melegueta stammt aus dem Gebiet des heutigen Liberia und der unteren Niger-Region an der Westküste Afrikas. Die Samen dieser Pflanze waren bereits im Mittelalter in Europa vor allem als „Paradieskörner“ bekannt.  Noch heute werden sie meist unter diesem Namen verkauft.

 

Der Weg nach Europa – vorkoloniale Handelsbeziehungen

Wie kam Melegueta bereits im Mittelalter von Westafrika nach Europa? Ganz genau können wir das heute noch nicht beantworten. Archäologische Funde zeugen von einem ausgeprägten transsaharischen Handelsnetzwerk, dass sich bereits seit dem 10. Jahrhundert n. Chr. von Ägypten bis zur westafrikanischen Atlantikküste erstreckte. Über diese Handelsrouten konnte Melegueta durchaus auch schon früh nach Ägypten und von dort aus weiter nach Europa gebracht worden sein – seit wann genau ist jedoch unklar. Spätestens für das 14. Jahrhundert finden sich Belege, dass das Gewürz von Mandingo-Händlern von den Anbaugebieten in Westafrika durch die Sahara zum Hafen in Munibarca an der Küste von Tripolis gebracht und von dort nach Europa überführt wurde.[2] Melegueta wurde dort zu so hohen Preisen gehandelt, dass sich sogar die hohen Transportkosten, die durch die lange und beschwerliche Reise der Kamelkarawanen durch die Sahara entstanden, rechneten.[3]

Bild: Herman Moll 1725 [public domain].*** Der Küstenabschnitt, aus dem Melegueta kam, wurde im 18. Jahrhundert nach dem Gewürz Melegueta-Küste, Pfefferküste oder Graincoast (von Grains of Paradise) genannt.
Bild: Herman Moll 1725 [public domain].*** Der Küstenabschnitt, aus dem Melegueta kam, wurde im 18. Jahrhundert nach dem Gewürz Melegueta-Küste, Pfefferküste oder Graincoast (von Grains of Paradise) genannt.

Diese transsaharische Handelsroute half den Westafrikaner*innen später, nicht von den portugiesischen Handelsbedingungen abhängig zu sein, als diese den Meleguetahandel per Schiff aufnahmen.[4] Im Jahr 1445 stieß der portugiesische Seefahrer Diogo Gomes im Gebiet des heutigen Gambia auf Melegueta. Fünfzehn Jahre später erreichten die Portugies*innen einen Küstenabschnitt, den sie später „Melegueta-Küste“ tauften (erste Erwähnung dieses Namens von Diogo Ribeiro im Jahr 1527).[5] Sie liegt im heutigen Liberia und Sierra Leone. Diese „Entdeckung“ geschah im Zuge der von der portugiesischen Krone beauftragten Suche nach einer Seeroute nach Indien, mit der eine Alternative zur etablierten Gewürzhandelsroute über das Rote Meer geschaffen werden sollte.[6] Dadurch erhofften sich die Portugies*innen, muslimische und venezianische Zwischenhändler auszubooten.[7]

 

Nur ein Pfefferersatzprodukt? – Die Verwendung in der europäischen Küche

Häufig wird argumentiert, dass Melegueta im Mittelalter lediglich als billigeres Ersatzprodukt für den teuren Pfeffer verwendet worden sei, bis die Seeroute nach Indien etabliert wurde.[8] Doch mittelalterliche und frühneuzeitliche Kochbücher deuten darauf hin, dass Melegueta in der europäischen Küche sehr geschätzt und durchaus vom Pfeffer unterschieden wurde. So findet sich im 1392–94 entstandenen Le Ménagier de Paris ein Rezept für den in Frankreich besonders beliebten Gewürzwein Hypocras:[9]

Bild: Bibliothèque nationale de France. Le Ménagier de Paris.**** Paradieskörner (hier: grains de paradis) werden hier zusammen mit weiteren Gewürzen in 44 verschiedenen Rezepten des Ménagier verwendet.
Bild: Bibliothèque nationale de France. Le Ménagier de Paris.**** Paradieskörner (hier: grains de paradis) werden hier zusammen mit weiteren Gewürzen in 44 verschiedenen Rezepten des Ménagier verwendet.

 

„To make hippocras powder, pound together a quartern of very fine cinnamon, selected by tasting it, half a quartern of choice cassia buds, an ounce of hand-picked, fine white Mecca ginger, an ounce of grains of paradise, and sixth of an ounce of nutmeg and galingale together.“[10] 

 

Die Erwähnung in Le Ménagier ist kein Einzelfall: In verschiedenen mittelalterlichen Rezeptsammlungen aus Frankreich, England, Italien und Deutschland finden sich Rezepte mit Melegueta – auch wenn die mit Pfeffer dominierten.[11] Teilweise werden die beiden Gewürze auch gemeinsam in einem Gericht verwendet. Dies spricht dafür, dass die Autor*innen den westafrikanischen Paradieskörnern durchaus eine eigene Geschmacksnote zuwiesen, die in manchen Rezepten dem Pfeffer vorgezogen wurde oder ihn ergänzte. Die Angabe beider Gewürze in denselben Kochbüchern zeigt, dass bewusst die Entscheidung für oder gegen eine Verwendung in bestimmten Rezepten getroffen wurde. Insgesamt fand Melegueta in Speisen und Getränken über die ganze Menüfolge hinweg – von der Vorspeise bis zum Dessert – Anwendung.

 

Rezeptsammlungen allein sind allerdings noch kein Beweis für den tatsächlichen Gebrauch von Melegueta. Archäologische Funde aus französischen oder norddeutschen Kloaken zeigen jedoch, dass das Gewürz tatsächlich den Weg in Europas Küchen fand.[12] Melegueta scheint demnach trotz oder vielleicht auch aufgrund seiner für Europäer*innen exotischen Herkunft von der westafrikanischen Küste im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit in großen Teilen Europas bekannt und beliebt gewesen zu sein. Dabei handelt es sich vielleicht nicht um den Ausdruck einer direkten Beziehungsgeschichte (wurde das Gewürz wohl über viele Zwischenhändler transportiert), wohl aber um den Nachweis von kulturellen und wirtschaftlichen Berührungspunkten zwischen den Regionen bereits vor der Kolonialzeit.

 

Ein Beitrag von Leonie Freudenfeld 


Fußnoten

[1] Vgl. van Harten, Melegueta Pepper, 208.

[2] Vgl. van Harten, Melegueta Pepper, 209.

[3] Vgl. Dalby, Dangerous Tastes, 48.

[4] Vgl. Elbl, Cross-Cultural Trade and Diplomacy: Portugese Relations with West Africa, 1441–1521, 174, 178.

[5] Vgl. Massing, Mapping the Malagueta Coast: A History of the Lower Guinea Coast, 1460–1510 through Portuguese Texts and Accounts, 331, 348, 360.

[6] Vgl. Mahn, Gewürze, 86.

[7] Vgl. Brotton, A History of the World in Twelve Maps, 188.

[8] Vgl. z. B. van Harten, Melegueta Pepper, 209; Mahn, Gewürze, 123.

[9] Vgl. Redon/Sabban/Serventi, Die Kochkunst des Mittelalters, 30.

[10] Greco/Rose, The Good Wifeʼs Guide, 329.

[11] Vgl. Curye on Inglysch: English Culinary Manuscripts of the Fourteenth Century (including the „Forme of Cury“), hg. v. Constance B. Hieatt / Sharon Butler, London / New York / Toronto 1985; Faccioli, Emilio, Arte della Cucina. Libri di Ricette. Testi sopra lo Scalco. Il Trinciante e i Vini. Dal 14 al 19 Secolo, Milano 1966, www.uni-giessen.de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachverwendung/gloning/tx/martino2.htm; Taillevent, Guillaume Tirel dit, Le Viandier (Manuscrit du Vatican), Genf 1967, www.uni-giessen.de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachverwendung/gloning/tx/vi-vat.htm; Wiswe, Hans, Ein mittelniederdeutsches Kochbuch des 15. Jahrhunderts, Braunschweigisches Jahrbuch 37 1956, www.uni-giessen.de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachverwendung/gloning/tx/mndk.htm.

[12] Vgl. Wiethold, „So nym witten ingever, muschatenblomen, paradiseskorne unde neghelken unde stod tosammende …“, 34, Diese Funde stammen aus der Frühen Neuzeit.

 

Literatur

Primärliteratur:

The Good Wifeʼs Guide. Le Ménagier de Paris. A Medieval Household Book, hg. v. Gina L. Greco / Christine M. Rose, Ithaca 2009.

Sekundärliteratur:

Brotton, Jerry, A History of the World in Twelve Maps, London 2012.

Dalby, Andrew, Dangerous Tastes. The Story of Spices, London 2000.

Elbl, Ivana, Cross-Cultural Trade and Diplomacy: Portugese Relations with West Africa, 1441–1521, in: Journal of World History 3 (1992), 165–204.

Elbl, Martin Malcolm, Art. Malaguetta [Grains of Paradise], in: John Block Friedman u.a. (Hrsg.), Trade, Travel, and Exploration in the Middle Ages. An Encyclopedia (The Routledge encyclopedias of the Middle Ages 5), New York, NY 2000, 353–355.

Küster, Hansjörg, Wo der Pfeffer wächst. Ein Lexikon zur Kulturgeschichte der Gewürze, München 1987.

Magnavita, Sonja, Sahara and West Africa, in: Erik Hermans (Hrsg.), A Companion to the Global Early Middle Ages, Leeds 2020, 333–348.

Mahn, Manuela, Gewürze. Geschichte – Handel – Küche, Stuttgart 2001.

Massing, Andreas, Mapping the Malagueta Coast: A History of the Lower Guinea Coast, 1460–1510 through Portuguese Texts and Accounts, in: History in Africa 36 (2009), 331–363.

Redon, Odile / Sabban, Françoise / Serventi, Silvano, Die Kochkunst des Mittelalters. Ihre Geschichte und 150 Rezepte des 14. und 15. Jahrhunderts, wiederentdeckt für Genießer von heute, Wiesbaden 1991.

Van Harten, A. M., Melegueta Pepper, in: Economic Botany 24 (1970), 208–216.

Wiethold, Julian, „So nym witten ingever, muschatenblomen, paradiseskorne unde neghelken unde stod tosammende …“. Der archäolgische Nachweis von Gewürzen im frühneuzeitlichen Lüneburg, in: Denkmalpflege in Lüneburg (2000), 29–36.

 

Bildnachweise

* Ypey, Adolphus: Vervolg ob de Avbeeldingen der artseny-gewassen met derzelver Nederduitsche en Latynsche beschryvingen, hg. von Kurt Stüber. Eersde Deel 1813, Tab. 87. Page URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Amomum_grana_paradisi_Ypey87.jpg (Zugriff: 22.03.2021). File URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/51/Amomum_grana_paradisi_Ypey87.jpg (Zugriff: 22.03.2021).

 

** Copyright by Shaddiii [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]. Page URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grains_of_paradise_(Aframomum_melegueta).jpg (Zugriff: 22.03.2021).

File-URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Grains_of_paradise_%28Aframomum_melegueta%29.jpg (Zugriff: 22.03.2021).

 

*** Herman Moll 1725 [public domain]. Page URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guinea_map_1725.jpg (Zugriff: 22.03.2021).

File URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Guinea_map_1725.jpg (Zugriff: 22.03.2021).

 

**** Miniatur aus Le Ménagier de Paris, 15th century. Bibliothèque nationale de France. Ms. A de l’édition du baron J. Pichon (Paris, 1846, 2 vol. in-8°). — N° 836 de la Bibliothèque protypographique de Barrois. http://archivesetmanuscrits.bnf.fr/ark:/12148/cc43674d (Zugriff: 22.03.2021).


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