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Stuttgart erinnert an den Nationalsozialismus Teil 1: Die Anfänge


In ganz Deutschland erinnern Denkmäler an die Gräueltaten des NS-Regimes. Diese Denkmäler gelten allem voran als Mahnung für zukünftige Generationen. Doch reichen derartige Formen der Erinnerungskultur aus, um den Opfern gerecht zu werden und gleichzeitig an dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern?


Bild: Beyza Gücyeter.
Bild: Beyza Gücyeter.

Auf dem Stauffenbergplatz im Stuttgarter Stadtzentrum befindet sich ein Mahnmal, das den Opfern des Nationalsozialismus gedenken soll. Das Mahnmal besteht aus vier steinernen Würfeln mit einer Kantenlänge von zwei Metern. Während sich drei der Würfel auf dem Boden befinden, hängt der vierte schräg in der Luft und scheint das ganze Konstrukt beinahe zum Einsturz zu bringen. 

 

Erbaut wurde es von dem deutschen Bildhauer Elmar Daucher. Bereits 1963 stand die Idee der Errichtung eines Mahnmales in Stuttgart fest. Mithilfe eines Wettbewerbs, angeregt durch Stadtratsmitglied Eugen Eberle, versuchte man eine*n geeignete*n Bildhauer*in zu finden, der*die dieses auf Basis eines Textes des deutschen Philosophen Ernst Bloch kreieren sollte.  Am 08. November 1970 wurde das Denkmal schließlich auf dem Stauffenbergplatz eingeweiht. Dies hatte nicht zuletzt mit der historischen Bedeutsamkeit des Datums als auch des Ortes zu tun. Der Stauffenbergplatz in Stuttgart ist Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg gewidmet, dem Hauptakteur des Attentates auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Auch der 08. November ist von historischer Relevanz für die deutsche Geschichte, denn im Jahr 1923 begann an diesem Tag der sogenannte „Hitler-Ludendorff-Putsch“. Die Bedeutsamkeit des Mahnmales am Stauffenbergplatz wird im Hinblick auf diesen Kontext nun noch ersichtlicher. Der Text, den Ernst Bloch verfasst hat, findet sich am Boden auf einer Granitplatte in der Mitte des Denkmals wieder. Darauf ist zu lesen:                                   

Bild: Beyza Gücyeter.
Bild: Beyza Gücyeter.

 

  

„Verfemt

Verstossen

Gemartert

Erschlagen

 Erhängt Vergast

 Millionen Opfer der

 nationalsozialistischen

Gewaltherrschaft

beschwören dich

 Niemals wieder“

 

 

  

Das unauffällige Mahnmal

Auf dem ersten Blick scheint nicht erkennbar zu sein, wem oder was das Denkmal am Stauffenbergplatz gewidmet wurde. So laufen täglich wohl hunderte Stadtbummler*innen Stuttgarts ahnungslos an den großen Steinquadern vorbei. Erst beim genaueren Hinschauen entdeckt man zwischen den vier Steinquadern die Inschrift mit dem Text Ernst Blochs, welche sich über den Boden streckt. Die beiden kleinen Steintafeln, die neben dem Denkmal platziert sind, fallen aufgrund der Größe des Mahnmals ebenfalls erst dann auf, wenn man es vollständig umkreist hat. Während sich auf der rechten Steintafel noch einmal der Text Ernst Blochs wiederfindet, steht auf der Linken folgende Information:   

 

Bild: Beyza Gücyeter.
Bild: Beyza Gücyeter.

„Das Mahnmal

zur Erinnerung

an die Opfer der

nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

wurde 1970 gestaltet

Von Elmar Daucher

Den Text schrieb

Ernst Bloch“

 

Doch die Unauffälligkeit des Mahnmals scheint nicht das einzige Problem zu sein. Wenn man einen Blick auf den Schriftzug am Boden des Mahnmals erhaschen will, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass einem der unangenehme Geruch von Urin entgegentritt. In und um das Mahnmal herum sind zudem vereinzelte Bierflaschen aufzufinden. Die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) scheint mit diesem Problem vertraut zu sein und versichert, dass das Mahnmal tatsächlich täglich gereinigt werden würde; zumindest zwei Mal in der Woche mit Hochdruckreinigern. Trotz all der Bemühungen bleibt der Geruch noch immer haften.[1]

 

Derartige Bedingungen erinnern an die Debatte um das Mahnmal für die Opfer des Holocaust in Berlin, denn auch dieses wird unter anderem oft nicht als ein Mahnmal wiedererkannt. Zudem wird es für Fotoshootings, als Picknickort oder für andere akrobatische Spiele missbraucht.[2] Wenn Denkmäler dieser Art so zweckentfremdet werden, können sie ihre Funktion als Gedenkstätten und Mahnung überhaupt noch erfüllen?

 

Ein Beitrag von Beyza Gücyeter

Fußnoten:

[1] Vgl. Schöll, Torsten: Mahnmal wird als Toilette missbraucht, in: Stuttgarter Zeitung, 11.05.2020, URL: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stauffenbergplatz-in-stuttgart-mahnmal-wird-als-toilette-missbraucht.14b45998-ebea-4bea-ac3d-d14502cb3620.html (abgerufen am 09.03.2022).

[2] Vgl. Deutsche Welle (www.dw.com): „Yolocaust“ greift respektlose Mahnmal-Besucher an, in: DW.COM, o. D., URL: https://www.dw.com/de/yolocaust-greift-respektlose-mahnmal-besucher-an/a-37186335 (abgerufen am 09.03.2022).


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Kommentare: 1
  • #1

    M.E. (Donnerstag, 09 Juni 2022 13:55)

    Sehr schön geschrieben! Es ist wirklich schade, wie respektlos mit solch wichtigen Denkmälern umgegangen wird.

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