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Reihe: Queere Erinnerungskultur in Stuttgart und Umgebung 4/4 - Lebendige Erinnerungsorte in Stuttgart

Lesen Sie hier den Rahmentext sowie Teil 2 und Teil 3 dieser Blogreihe!


Der Eingang zum ehemaligen Kings Club in der Calwer Straße in Stuttgart ist immer noch am roten Schild mit der Krone zu erkennen (© Timo Mäule).
Der Eingang zum ehemaligen Kings Club in der Calwer Straße in Stuttgart ist immer noch am roten Schild mit der Krone zu erkennen (© Timo Mäule).

Die Kultur des Erinnerns als ein Mittel für Zusammenhalt, das vor allem aus einer Protestgeschichte entstanden ist, erklärt auch, warum manch ein Gedenkort der queeren Community im Land so gar nicht dem entspricht, was man sich typischerweise darunter vorstellt.

 

Mercury, Halding-Hoppenheit und der Kings Club

Die Erwähnung von Freddie Mercury in der Landeshauptstadt hat noch mehr mit Stuttgart zu tun und bietet eine Überleitung zu den untypischen Erinnerungsorten in der Stadt. Wenn es Mercury für Auftritte nach Stuttgart verschlug, zog er danach durch die einschlägigen Clubs und Bars in der Innenstadt. Vor allem sein mehrfacher Aufenthalt im Kings Club ist dokumentiert. Der Club zog bis Februar 2020 viele, auch überregionale Gäste an. 1977 in der Calwer Straße eröffnet und ab 1989 in der Lautenschlager Straße beheimatet, war die Disco der bekannteste Szenetreffpunkt in Baden-Württemberg. Das freie und auch unbeschwerte Feiern ohne Diskriminierung ist noch bis heute ein politischer Akt in der Szene. Razzien und die öffentliche Diskriminierung waren bis in die frühen 2000er-Jahre auch im Kings Club keine Seltenheit. Noch 2019 kam es zu einem Polizeieinsatz, der an die Vorgänge früherer Zeiten erinnerte und deshalb von großen Teilen der Stadtgemeinschaft scharf verurteilt wurde.

 

Die Betreiberin des Clubs war ab 1989 Laura Halding-Hoppenheit. In Stuttgart besaß sie zeitweise mehrere Szenebars, den Club und ein Café. Nicht nur Freddie Mercury kannte sie persönlich, auch Stars wie der Stuttgarter Modedesigner Harald Glööckler oder der Fernsehjournalist Markus Frank gehörten zu ihren Gästen. Im Kings Club hing Halding-Hoppenheits Porträt über dem Sitzbereich nahe der Tanzfläche. Laura Halding-Hoppenheit wurde im Lauf der Jahre zu einem Idol der lokalen Szene. Sie erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter 2013 den „PositHIV-Preis“ für die Arbeit in der sexuellen Aufklärung und AIDS-Prävention und 2014 das Bundesverdienstkreuz. Sie ist auch Ehrenmitglied des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD). Schließlich widmete ihr Deutschlands bekanntester homosexueller Regisseur Rosa von Praunheim einen Film mit dem Titel Laura – Das Juwel von Stuttgart (2014). Sie selbst wurde dadurch zu einer Figur, mit der sich die Szene identifizieren kann. Auf jeder Pride-Parade in der Landeshauptstadt fährt sie als Beifahrerin auf einem Trike mit und wird von den Zusehenden bejubelt. Sie und ihr Kings Club sind so zu ungewöhnlichen, aber weit über Stuttgart hinaus wichtigen Erinnerungsorten geworden.

 

Im Winter 2019 kündigte ihr Club eine kurzzeitige Schließung wegen Sanierungsarbeiten an. Nachdem er dann nach dem ersten Lockdown in der Corona-Pandemie ersatzweise an anderer Stelle kurze Zeit wieder geöffnet hatte, ist der Club seit Sommer 2020 dauerhaft geschlossen. Bis heute weist das Schild „Kings Club“ in der Calwer Straße auf die ehemalige Location des Clubs hin. Ein mit Graffiti besprühtes Rolltor ist vor dem ehemaligen Eingang des Clubs heruntergelassen. Die Erinnerung an den Club, die auch durch mündliche Überlieferung innerhalb der Community funktioniert, wird bis heute wachgehalten. Denn mit dem Kings Club ist der einzige inklusive Szeneclub in Stuttgart verschwunden. Bis auf Fetischclubs, die nur einen kleineren Teil der Community ansprechen, ist in der Landeshauptstadt nichts geblieben. Der Großteil der Community muss sich nun mit wenigen einschlägigen Bars und einer unregelmäßig stattfindenden queerfreundlichen Wanderparty an wechselnden Locations zufriedengeben. Diese Unterrepräsentation der queeren Partyszene verstärkt die mythische Bedeutung des Kings Clubs für die lokale Erinnerungskultur.

 

 

Die ehemaligen Gestapo- und Polizeizentrale „Hotel Silber“ in Stuttgart (© Timo Mäule).
Die ehemaligen Gestapo- und Polizeizentrale „Hotel Silber“ in Stuttgart (© Timo Mäule).

Das Hotel Silber

Ein weiterer Erinnerungsort in Stuttgart, der weitaus negativere Assoziationen mit der Vergangenheit hervorruft, liegt am Rande des neu gestalteten Dorotheenquartiers im Süden des Stadtzentrums. Das ehemalige Hotel Silber beherbergt seit 2018 eine Erinnerungsstätte. Hier waren während der NS-Zeit die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und nach 1945 die Kriminalpolizei untergebracht. Beiden Organisationen fielen dabei auch queere Personen zum Opfer. Die Geschichte aller verfolgten Gruppen wird in einer Ausstellung im ersten Obergeschoss des Gebäudes erzählt.. Gerade homosexuelle Menschen kamen in diesem Gebäude unter zumeist ungeklärten Umständen ums Leben. Die Ausstellung zeigt die Verschleierung dieser Ermordungen anhand gefälschter Sterbeurkunden auf. Dadurch, dass es sich um einen authentischen Ort der Verfolgung handelt und die Erinnerung an die Verbrechen dort durch die Ausstellung wachgehalten wird, funktioniert er ebenfalls als ein lebendiger Erinnerungsort. Er ermöglicht den Besuchenden, der Geschichte von queeren Opfern nahezukommen. Durch die Verknüpfung der Leidensgeschichte aller Opfer von Nationalsozialismus und Polizeigewalt trägt er die Erinnerung an queere Geschichte an eine breitere Öffentlichkeit. Das ehemalige Hotel dient damit nicht exklusiv der Community, sondern vielmehr der Gesamtbevölkerung als informativer Erinnerungsort.

 

Die Weissenburg

Neben konkreten Orten und Personen, die queere Geschichte in Stuttgart erlebbar machen, kümmern sich gerade auch lokale Vereine um die Erinnerungskultur. Vor allem der Verein „Weissenburg e. V. – Zentrum für LSBTTIQ Stuttgart“ betreibt mit dem sogenannten Café Weissenburg in der Weissenburg Straße seit 1996 eine Anlaufstelle für Jung und Alt. Der Verein organisiert unter anderem auch Events, die sich mit der Vergangenheit der Bewegung auseinandersetzen. Sein langes Bestehen und seine Tätigkeit in der Bewahrung queeren Lebens in Stuttgart hat auch ihn zu einem Ort der lebendigen Erinnerung an die Vergangenheit gemacht.

 

Seine Tätigkeiten sind aber vor allem auch auf die Zukunft gerichtet. So ist der Verein Kooperationspartner des „Regenbogenhauses Stuttgart“. Die Idee hinter dem Projekt ist, eine zentrale Anlaufstelle für LSBTTIQ-Personen zu schaffen sowie Beratung und Information an einem gemeinsamen Ort anzubieten. Beteiligt am Projekt sind die Stadt Stuttgart, die AIDS-Hilfe Stuttgart e. V., das Projekt „100 % Mensch Stuttgart“, der Lesben- und Schwulenverband Baden-Württemberg, Mission Trans* e. V., Fetz e. V. und die Interessengemeinschaft CSD Stuttgart e. V. Es zeigt sich an solchen Projekten, wie eng alle Institutionen, die durch die Geschichte der queeren Bewegung im Land entstanden sind, heute miteinander verknüpft sind. Die Erinnerung an queere Geschichte hat in Stuttgart nicht nur gefruchtet und öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt, sondern auch konkrete Verbesserungen für die Community auf den Weg gebracht. Die Kooperation zwischen öffentlichen Einrichtungen und den LSBTTIQ-Vereinigungen funktioniert dabei über die Grenzen der Hauptstadt hinaus.

 

Gegenwärtige Erinnerungskultur in Baden-Württemberg

Die Weissenburg und der Kings Club erinnern als Safe Spaces einer sehr positiven Geschichte. Das Hotel Silber – und auch die betrachteten AIDS-Denkmäler – funktionieren hingegen als Orte der Mahnung und behandeln negative Ereignisse in der queeren Geschichte. Sowohl negative als auch positive Erinnerungsorte zeigen, wie wechselvoll LSBTTIQ-Vergangenheit war. An den verschiedenen Orten zeigt sich, dass queere Erinnerungskultur genauso divers ausgestaltet ist wie die Community selbst. Die diverse erinnerungskulturelle Aufbereitung der LSBTTIQ-Geschichte in Baden-Württemberg hat damit auch zu einer breiteren Akzeptanz der queeren Community beigetragen. Dies zeigt sich an vielen weiteren Projekten im Land. Das Tübinger Stadtmuseum hat mit einer Sonderausstellung 2021/22 „Queer durch Tübingen – LSBTTIQ in Tübingen und Region seit dem Mittelalter bis heute“ damit begonnen, nach den Geschichten von LSBTTIQ-Menschen in den eigenen Archiven zu suchen und ihre Schicksale aufzuarbeiten.

 

Auch andere Projekte beschäftigen sich mit der Erinnerung an die Geschichte der Szene. Der Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte in Baden-Württemberg“ wurde bereits 2016 vorgestellt und soll als breiter Maßnahmenkatalog gegen Diskriminierung wirken. Das Ministerium für Soziales und Integration legte darin unter anderem die Würdigung der LSBTTIQ-Geschichte und die Aufarbeitung der Verfolgung homosexueller Menschen in Baden-Württemberg als Ziel fest. Ein Forschungsprojekt der Universität Stuttgart widmet sich seitdem diesen Themen. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg veröffentlichte 2018 den Sammelband Späte Aufarbeitung. LSBTTIQ-Lebenswelten im deutschen Südwesten, der sich erstmals im Land mit der Aufarbeitung der LSBTTIQ-Landesgeschichte beschäftigt. Die Historikerin Nina Reusch fasst darin die Erfolge queerer Erinnerungsarbeit zusammen:

 

„Was bisher größtenteils im Kontext der lesbischen, schwulen und queeren Subkulturen stattfand und auch vorwiegend dort rezipiert wurde, wird aktuell in andere Bereiche getragen und bekommt damit eine größere Reichweite.“[1]

 

Auch das Online-Projekt „Der Liebe wegen“ (externer Link) möchte queere Erinnerung an Verfolgung und Ausgrenzung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rufen und widmet sich dazu vor allem lesbischer und schwuler Geschichte. Weitere Initiativen, Gruppen und Vereine aus dem Land sind außerdem über das Netzwerk LSBTTIQ gesammelt erreichbar.

 

Die historischen Linien der LSBTTIQ-Bewegung können von den ersten Ausschreitungen bei „Stonewall“ über die Protestkultur gegen Strafrechtsparagrafen und den Kampf um Anerkennung in der AIDS-Pandemie bis hin zu den Pride-Paraden der Gegenwart gezogen werden. Das Gedenken an die Geschichte wurde innerhalb der Community weiter tradiert. Die Entstehung von Gedenkorten ist vor allem ihr zu verdanken. Positive Bezugspunkte der Community in der Vergangenheit dienen als Identifikationsanker. Negative Geschichte dient hingegen als Mahnung – sowohl an die Öffentlichkeit als auch an die Community selbst. Mit Denkmälern an die AIDS-Pandemie, Szeneclubs und Cafés sowie Identifikationspersonen sprengt queeres Erinnern die Konventionen der „klassischen“ Erinnerungskultur. Die Schaffung von mythisch-historischen Bezugspunkten fördert dabei vor allem die jüngere aktivistische Kultur der Szene. Sie lässt Pride-Paraden zu Erinnerungsevents werden, die die Geschichte und die Interessen der Community in die Gesellschaft tragen. Dank der Paraden und der aktiven Geschichtstradierung schaffen es LSBTTIQ-Menschen langsam, aber sicher, Einzug in die öffentliche Erinnerungskultur des Landes Baden-Württemberg zu halten.

 

Ein Beitrag von Timo Mäule

 

Dieser Text entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Seminar für Zeitgeschichte und am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen, in der sich Studierende im Sommersemester 2022 mit weiteren Erinnerungsorten in Baden-Württemberg beschäftigt haben. Er wurde für die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg unter https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/queere-erinnerungskultur-in-stuttgart#c99636 (externer Link) publiziert.

 


Fußnoten:

[1] Nina Reusch: Geschichte werden, Geschichte machen. In: Martin Cüppers/Norman Domeier (Hrsg.): LSBTTIQ-Lebenswelten im deutschen Südwesten, Stuttgart 2018, S. 205.

 

(Weiterführende) Literatur:

Beck, David: HIV und Aids – Geschichte einer Pandemie (externer Link) (= SWR2 Wissen, 01.12.2020).
Bruns, Manfred: 
Die Schwulenbewegung in Deutschland. Von § 175 über die neuen Schwulengruppen zur Bürgerrechtsbewegung (=LSVD.de).
Cüppers, Martin/ Domeier, Norman (Hrsg.): Späte Aufarbeitung. LSBTTIQ-Lebenswelten im Südwesten. Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Bd. 50, Stuttgart 2018. (
Link zum Shop , externer Link)

Reusch, Nina: Geschichte werden, Geschichte machen. In: Martin Cüppers/Norman Domeier (Hrsg.): LSBTTIQ-Lebenswelten im deutschen Südwesten, Stuttgart 2018, S. 205.


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Bild: Der Kuckuck, 12.01.1930.
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