Förderprogramme für Geschichtsprojekte

Ein Gespräch mit Frau Annemarie Hühne.

 

Annemarie Hühne hat Kommunikations- und Geschichtswissenschaften (Bachelor) und Public History (Master) studiert. Nach dem Studium war sie als Bildungsreferentin im Anne Frank Zentrum tätig. Sie ist heute Teamleiterin im Bereich „Auseinandersetzung mit der Geschichte“ bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.  Die Aufgabe der Stiftung ist es, sich sowohl für die Überlebenden des nationalsozialistischen Unrechts, als auch für Menschenrechte und Völkerverständigung einzusetzen. Sie wurde im Jahr 2000 von der deutschen Bundesregierung und der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft gegründet.

 

Für mich sehr beeindruckend war, dass Sie als Abiturientin ein FSJ in der KZ-Gedenkstätte Moringen gemacht haben: Wieso haben Sie sich dazu entschieden, sich nach dem Abitur diesem Thema zu widmen?

Während der Schulzeit habe ich mich immer für Geschichte interessiert und mochte auch das Schulfach, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass man mit diesem Studium einen Job finden kann. Ich war die erste in meiner Familie, die Abitur gemacht hat, daher war ein Geschichtsstudium für meine Eltern auch sehr weit weg. Ich hatte daher vor, Lehrerin zu werden, denn damit konnten sie und ich etwas anfangen. Gleichzeitig wollte ich nicht gleich studieren, da ich mit 18 Jahren noch jung war und mich gern freiwillig engagieren wollte. Das FSJ Kultur sprach mit sofort an, da es viele Einrichtungen mit historischen Bezügen gab und gleichzeitig auch ein bisschen Vorbereitung für den Lehrer*innen-Beruf sein konnte. Während der Zeit in der KZ-Gedenkstätte Moringen habe ich viele verschiedene Dinge gelernt. Neben Öffentlichkeitsarbeit, Abrechnungen und Archivarbeit haben mir die Führungen am meisten Freude gemacht. Durch die Beratung des Gedenkstättenleiters habe ich dann auch erkannt, dass man Geschichte studieren kann und es ein breites Berufsfeld gibt. Heute habe ich nun Geschichte studiert und bin nicht Lehrerin geworden. 

Bild: Annemarie Hühne/ Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Bild: Annemarie Hühne/ Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".

Sie haben im Master Public History in Berlin studiert, was hat Sie dazu bewogen, sich auf das Feld der Public History zu konzentrieren?

Auch das hat mit meiner Zeit in der Gedenkstätte zu tun. Ich fand das Geschichtsstudium toll, aber es war für mich zu wenig praktisch. Die vielen Texte lesen und schreiben, das machte mir Spaß, aber ich fragte mich immer: für wen mach‘ ich das eigentlich? Ich wollte das historische Wissen „unter die Leute bringen“ und dafür erschien mir der Public History Master die richtige Entscheidung zu sein!

 

Sie arbeiten bei der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Was genau ist die Aufgabe dieser Stiftung?

In der Stiftung leite ich ein Team im Bereich „Auseinandersetzung mit der Geschichte“. In meinem Team haben wir verschiedene Förderprogramme, in denen wir in Mittel- und Osteuropa Projekte unterstützen.

 

Wie muss man Sich Ihre Arbeit bzw. Ihren Arbeitsalltag vorstellen?

Mein Arbeitsalltag besteht aus dem Schreiben und Beantworten vieler Emails, aber auch aus Besprechungen zu inhaltlichen, organisatorischen und administrativen Fragen. Im Fokus der Arbeit steht die Förderung von Projekten. Dazu bereiten wir Ausschreibungen vor, begutachten die Anträge und stellen Bewilligungen aus. Danach betreuen wir die Projekte, in dem wir Vernetzungsangebote schaffen und auch sonst die Träger in der Administration unterstützen.

 

Inwiefern versuchen Sie, junge Menschen durch digitale Projekte zu erreichen?

Die Stiftung unterstützt in erster Linie Projekte, die dieses Ziel verfolgen. Außerdem versuchen wir Menschen auch in der Entwicklung der Förderprogramme einzubeziehen, da wir mit der Förderung auch die Bedarfe der Personen decken wollen.

 

Wir haben mit Ihnen bei unserer Sitzung ein Gedankenprojekt durchgemacht, indem Sie uns gezeigt haben, wie Ihre Stiftung auswählt, ob sie ein Projekt fördert oder nicht. Könnten Sie nochmal wiederholen, was wichtig ist, um Unterstützung für ein eigenes Projekt zu bekommen.

Ich möchte zuerst sagen, dass mir diese Übung viel Spaß gemacht hat, weil es spannende Ideen in der Gruppe gab und ich denke, dass dies auch für die Studierenden eine gute Übung für „Geschichte in der Praxis“ war. Das Wichtigste ist, dass die Idee im Gesamten stimmig ist und die Ziele mit der Zielgruppe zusammenpassen. Außerdem sollte deutlich werden, dass es einen Bedarf gibt und man diesen auch wirklich überprüft hat. Daneben sollte erkennbar sein, dass man sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat, aber gleichzeitig auch immer offen für Impulse von außen ist. Außerdem fallen uns natürlich die Projekte ins Auge, die einen neuen Ansatz oder eine neue Zielgruppe erreichen wollen. Auf administrativer Seite ist es wichtig, dass die genannten Aktivitäten mit den Posten im Finanzplan zusammenpassen. Auch das zeigt, dass man das Projekt gut durchdacht hat. Ebenso sollte der Zeitplan realistisch sein. 

 

Was bedeuten für Sie die Worte Erinnerung, Verantwortung, Zukunft?

Das ist eine große Frage, zu der man sicherlich einen ganzen Aufsatz schreiben kann. Ich denke, dass die Schwerpunkte der Stiftung, die auf diesen drei Worten aufbauen, das sehr gut wiedergeben. Erinnerung heißt an die Opfer zu erinnern um daraus die Verantwortung für die Gegenwart abzuleiten und eine demokratische und friedliche Zukunft zu gestalten.

 

In Ihren Projekten geht es sehr oft um die NS-Zeit, sie beschäftigen sich folglich auch mit der Erinnerungskultur in Deutschland, wo durch erklären Sie sich, dass es heute teilweise eine Tendenz der Verharmlosung, der deutschen NS-Verbrechen gibt?

Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Wissenschaftler*innen, ich kann da nur Vermutungen anstellen. Ich denke, dass die NS-Zeit für viele sehr weit weg ist, aber wenn wir bedenken, wie weit andere historische Epochen weg sind und wir uns heute immer noch mit der Antike, dem Mittelalter usw. beschäftigen, sollte uns doch die NS-Zeit sehr nahe sein. Außerdem sehe ich einen Unterschied in Deutschland und anderen Ländern. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit hat nie flächendeckend stattgefunden. Die Frage nach der Täterschaft in der eigenen Familie stellen sich nur sehr wenige Menschen. Unsere MEMO-Studie 2018 und 2019 hat dies auch gezeigt. Doch diese Auseinandersetzung ist wichtig, um zu verstehen, wie die Verbrechen passieren konnten, aber auch welche langfristigen Wirkungen es für alle betroffenen Menschen hat. Außerdem sehe ich Schwierigkeiten im Geschichtsunterricht, der nur selten eine Verbindung in die Gegenwart schafft. Zumindest war das bei mir so, aber ich lerne immer mehr Lehrer*innen kennen, die das anders machen. Eine große Wirkung hat in diesem Zusammenhang auch die AfD, die als Partei im Bundestag geschichtsrevisionistische Aussagen verbreitet und damit die Verharmlosung der NS-Verbrechen salonfähig macht.

 

Unsere Veranstaltung hatte „Public History“ als Leitthema: Wie würden Sie diesen Begriff definieren?

Für mich heißt es, einen Weg zu finden, wie die Auseinandersetzung mit Geschichte für alle gesellschaftlichen Gruppen erfolgen kann. Denn die Beschäftigung mit der Geschichte ist wichtig für unsere Identität.

 

Sie haben Geschichte studiert, was fasziniert Sie daran?

Am Anfang haben mich vor allem die sehr alten Sachen interessiert, weil die Faszination darin lag, dass die Dokumente noch erhalten sind und wir damit in eine andere vergangene Welt eintauchen können. Heute fasziniert mich mehr der Zusammenhang mit der Gegenwart. Was macht es mit mir, wenn ich mich mit Geschichte auseinandersetze? Was hilft es mir bei meiner eigenen Verortung in Gegenwart und Zukunft?

 

Was würden Sie StudentInnen raten, die gerne in der historisch politischen Bildung arbeiten möchten?

Es einfach ausprobieren! Ich denke, dass es hilfreich ist, sich mit Didaktik auseinanderzusetzen, da sie wichtige Hilfestellungen geben kann. Aber gleichzeitig muss man es auch einfach ausprobieren: wie kann ich den Menschen etwas vermitteln? Wie komme ich mit ihnen ins Gespräch? Was macht es mit ihnen?

 

Noch eine Frage zum Schluss. Was wünschen Sie sich für die deutsche Erinnerungskultur?

Ich wünsche mir, dass es nicht die eine Erinnerungskultur gibt, die alle übernehmen müssen. Das wäre für mich undemokratisch. Ich wünsche mir viele Erinnerungskulturen, die von verschiedenen Gruppen, Einrichtungen und Menschen gestaltet werden, die manchmal zu Debatten führen, manchmal gemeinsames Herausstellen, aber insgesamt immer zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte lebendig ist und viele Menschen anspricht, bewegt und bildet. 

 

Ein Beitrag von Lucia Böck

Quellen zu diesem Text

Infospalte


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