Studium zwischen zwei Stühlen: Die Kuratorin Florentine Schmidtmann

Die Kuratorin Florentine Schmidtmann, Bild: Florentine Schmidtmann
Die Kuratorin Florentine Schmidtmann, Bild: Florentine Schmidtmann

Die Zeit der DDR in das Bewusstsein des ‚Westens‘ zu rücken, das ist Florentine Schmidtmann ein großes Anliegen. Mit viel Engagement und Herzblut arbeitet sie heute als Kuratorin in Potsdam.

 

Frau Schmidtmann, Sie haben zuerst Kulturwissenschaften studiert. Was hat Sie dazu bewogen, zu Public History zu wechseln?

Am Anfang meines Studiums fand ich Geschichte nicht sonderlich attraktiv. Als ich dann für mein Erasmusjahr im Bachelor ein Semester in Krakau war, habe ich mich sehr intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt. Gerade in den Gedenkstätten geht es ja um die Vermittlung von Geschichte, da habe ich dann Blut geleckt und mich für zwei Masterstudiengänge beworben: Osteuropastudien und Public History […].

 

Warum sind Sie für ihr Erasmusjahr gerade nach Krakau gegangen?

Ich fand Osteuropa schon immer ganz spannend und habe auch in Frankfurt an der Oder studiert. Das liegt direkt an der Grenze zu Polen. Dort hatte ich auch Seminare in Polen. Dann kam eines zum anderen. Ich lernte Polnisch, Krakau wurde mir als wunderschöne Stadt verheißen und schon stand mein Plan fest.

 

Hatten Sie einen Schwerpunkt bzw. Lieblingsthema im Studium?

Zu Anfang meines Bachelors waren es gerade die deutsch-polnischen Beziehungen mit ihrer langen Geschichte. Was ich auch sehr spannend fand, war der Sozialismus als politische Ideologie und dabei besonders die Phase des Postsozialismus in Osteuropa. Zu meiner Zeit in Polen wurde gerade ‚20 Jahre Solidarność‘ gefeiert. Der Prozess, wie sich eine Gesellschaft nach dem Sozialismus in eine Demokratie transformiert hatte und wie sie daran erinnert, faszinierte mich. Als ich dann aus Polen zurückkam und mit Public History anfing, war das Thema unseres Jahrgangs die Analyse der Friedlichen Revolution und der Feierlichkeiten. Da habe ich mich dann noch mehr mit der DDR beschäftigt. […]

 

Gab es auch Momente, an denen Sie an der Fächerwahl Public History gezweifelt haben?

Ja, auf jeden Fall. Für mich war der Studiengang inhaltlich nicht besonders vertieft. Es ist mehr ein Vermittlungswissen beziehungsweise Praxiswissen. Trotzdem war es aber auch nicht so, dass wir die ganze Zeit nur Praxis gemacht haben. Wir haben die Praxis analysiert. Man steht im Public History Studium ein bisschen zwischen den Stühlen. Wahrscheinlich ist das von Jahrgang zu Jahrgangunterschiedlich und man muss sich auch selbst seine Projekte suchen. Rückblickend würde ich aber sagen, es war für mich ideal. Ich sehe mich doch eher als Praktikerin.

 Aus der Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt", Bild: Florentine Schmidtmann
Aus der Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt", Bild: Florentine Schmidtmann

 Wie sind Sie zu Ihrer jetzigen Arbeitsstelle gekommen - gab es vielleicht irgendetwas, das Ihnen bei der Bewerbung besonders geholfen hat?

Ich hatte das nie so geplant, wie es jetzt gekommen ist. Grundsätzlich war meine Strategie schon, meine eigene Nische zu suchen. Was meinen weiteren Weg sehr geprägt hat, war das Praktikum im ‚Wende Museum‘ in Los Angeles. Ich bin da dann rausgegangen und obwohl ich das Praktikum für mein Studium gar nicht mehr gebraucht hätte, war es eine ganz besondere Erfahrung. Da hatte ich dann auch für mich ganz klar gesagt, ich will auf jeden Fall DDR und Museum machen.

 

Danach habe ich im Anschluss zwei Jahre im ‚DDR-Museum Lernort Demokratie‘ in Pforzheim gearbeitet. Das ist das einzige DDR-Museum im ehemaligen „Westen“, also schon wieder eine Besonderheit. Dort war ich als frischgebackene Uni-Absolventin Kuratorin für die neue Dauerausstellung. Im Anschluss habe ich mich dann entschieden, meine Promotion zu schreiben und bin dazu wieder nach Potsdam ans Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) gegangen. Während ich auf Stipendien wartete, gab es im ZZF selbst eine neue Stelle zum „Grenzprojekt Potsdam“ und es wurde jemand gesucht, der das bearbeitet. Im Anschluss daran habe ich bei noch einem Ausstellung-Projekt am ZZF gearbeitet. Dafür habe ich dann auch eine Zeit lang meine Promotion unterbrochen, um richtig mitzuarbeiten.  Schließlich hatte ich mich auf die Kuration zur Sonderausstellung ‚30 Jahre Deutsche Einheit - 30 Jahre Brandenburg‘ beworben. An dieser arbeite ich jetzt aktuell, sie wird im Oktober 2020 eröffnet.

 

Was macht man nun als Kuratorin? Was sind Ihre Aufgaben?

Ein Museum ist immer eine Reduktion beziehungsweise eine Auswahl von Inhalten und eine besondere Art von Narration. Und ein*e Kurator*in fragt: Was sind die wichtigen Punkte? Was könnte man anschaulich darstellen? Wie könnte man aber vielleicht auch ein paar Dinge aufbrechen? Neue Sichtweisen herstellen oder vielleicht auch Verwunderliches. Wie zum Beispiel bei meinem aktuellen Projekt zu Brandenburg. Da bin ich gerade dabei, eine Karte zu Brandenburg zu erstellen, die mit dem Licht in Städten und auf dem Land arbeitet. Sprich um Berlin herum ist ganz viel Licht, es gibt aber auch ganz düstere Stellen in Brandenburg. Was ich immer mehr merke, ist, dass es gar nicht so sehr darum geht, inhaltlich ein Profi auf dem Gebiet zu sein. Es macht natürlich schon Sinn, gerade für diese Ausstellung, wenn ich DDR-Expertise mitbringe. Aber gleichzeitig bin ich keine Landeshistorikerin. […] Klassische Aufgaben sind dann das Auswählen von Objekten und Bildern, das Abklären von Bildrechten, sowie das Schreiben von Texten. Die Vielseitigkeit ist das, was den Beruf so reizvoll macht.

Bild: Florentine Schmidtmann
Bild: Florentine Schmidtmann

Was war für Sie das bisher spannendste Projekt?

Das spannendste Projekt war auf jeden Fall die Arbeit im DDR-Museum in Pforzheim. Die außergewöhnliche Sammlung und die Zielsetzung, dass es eine Ausstellung für Leute wird, die selber die DDR erlebt haben, die gar keinen Bezug zur DDR haben, die jung sind, die alt sind - es war eine ganz bereichernde Zeit.

 

Sie sind seit 2012 Gründungsmitglied der Gruppe past[at]present. Können Sie darüber noch etwas mehr erzählen? Was machen Sie dort genau?

Das ist eine Gruppe, die aus unserem Studiengang Public History entstanden ist. Dort haben wir mit Hilfe unserer Dozenten einen Audiowalk entwickelt. Dieser basiert auf einem Roman von Volker Kutschers. Er erwähnte dort einen Pogrom von 1931 am Kurfürstendamm, am jüdischen Neujahrstag. Wir haben recherchiert und haben die Ergebnisse auf die Straße gebracht: Man kann dort entlanglaufen und sich die Geschichte nochmal erhören. Nach sehr viel positiver Resonanz haben wir beschlossen, genau in diesem Bereich weiterzumachen. Wir haben dann ein Geochaching-Projekt auf dem Berliner Tempelhofer Feld mit realisiert. Und gerade startet ein Projekt in Freiburg zum Umgang mit der ehemaligen jüdischen Synagoge. Past[at]Present ist für mich ein sehr wichtiges Netzwerk. Wir haben uns alle weiterentwickelt, aber die meisten sind doch in diesem Berufsfeld geblieben. Es ist schön, immer wieder zusammenzukommen und zu gucken, was die anderen machen. Und es ist toll zu wissen, dass man mit der Gruppe Projekte starten kann - was einfach Spaß macht!

 

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das man beachten muss, wenn man Public History studiert?

Ich glaube, man muss sich selbst auch ein bisschen um Projekte kümmern und muss in diesem Studiengang selbst aktiv sein. […] Man sollte Interesse haben an den verschiedenen Berufsfeldern und einfach offen sein. Es hat sehr viel mit Eigeninitiative zu tun. Das ist eine gute Vorbereitung für das Berufsfeld: Man wird nicht bedient, sondern man muss selber ran.

 

Was würden Sie sich selbst als Tipp mitgeben, wenn Sie sich jetzt im Studium begegnen würden?

Auch einfach mal mutig sein. […] Ich hab‘ ganz viele unterschiedliche Sachen gemacht, das hat mich und meinen Lebenslauf bereichert […].

 

Ein Interview von Anika Birker

Quellen zu diesem Text

Links zu den Projekten von Florentine Schmidtmann (externe Links*):

www.past-at-present.de

www.pforzheim-ddr-museum.de

www.grenze-potsdam.de

www.ost.berlin/blog

 

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