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Reinhard Lempp – ein Tübinger Psychiater in der Kritik (2/2)

Triggerwarnung: Der Artikel bespricht sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen – auch in inzestuösen Konstellationen – und dessen Legitimation und Verharmlosung. Wer sich diesem Thema gerade nicht widmen möchte, sollte diesen Artikel überspringen.

 

Hier geht es zum ersten Teil des Beitrags!


Der renommierte Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhard Lempp galt lange als Vordenker seines Fachs. Der Beitrag ordnet Lempps Positionen in ihren historischen Kontext ein und zeigt, wie wissenschaftliche Autorität zur Verharmlosung sexualisierter Gewalt beitragen konnte.


Die Argumentationsstruktur: Systematische Entlastung der Tat

Im Einzelnen stützte Lempp seine These von der angeblichen Unschädlichkeit pädosexueller Handlungen auf mehrere Argumente. Zunächst führte er an, dass pädosexuelle Delikte so häufig verbreitet seien, dass eine generelle Annahme nachhaltiger seelischer Schäden nicht plausibel sei. [21] Es sei nicht glaubhaft, „daß es sich bei den vielen Betroffenen jeweils um Menschen handelt, die in ihrer seelischen Entwicklung nachhaltig und merkbar geschädigt seien“, [22] so Lempp. Zeigten die Betroffenen dennoch psychische Auffälligkeiten oder traumatisiertes Verhalten, suchte Lempp die Ursachen außerhalb des sexuellen Missbrauchs. Schäden könnten dann entstehen, wenn ein sogenannter „Gewöhnungsfaktor“ entstehe, erklärte er. Dies habe er bei „eine[r] Gruppe von 4 Kindern“ [23] beobachtet, „die sich in einer gewissen Weise daran gewöhnt hatten, mit einem alten Mann sexuelle Spielereien zu treiben“. [24] Auch dieser Zustand sei allerdings reversibel, so vermutete Lempp. Insbesondere „bei Kindern vor Erreichen der Vorpubertät“ [25] sei eine „entsprechende ‚Entwöhnung‘“ [26] in einem guten Umfeld durchaus möglich. Nachhaltige Schädigungen erklärte Lempp stattdessen vor allem mit den Reaktionen des Umfelds. Diese könnten den betroffenen Kindern „etwa dadurch, daß sie gezwungen waren, gegen den Vater Stellung zu nehmen“, [27] nachhaltig schaden. Auch hier liege „[e]ine unmittelbare Schädigung durch die sexuellen Handlungen […] nicht nahe“. [28] Dass betroffene Kinder vor Gericht häufig durchaus „den Eindruck seelisch belasteter und damit wohl auch geschädigter Kinder machen“ [29], führte Lempp daher nicht auf den Missbrauch, sondern auf die Belastungen durch dessen öffentliche Aufarbeitung zurück. „Allein über solche sexuellen Dinge vor einem Kreis erwachsener Menschen reden zu müssen“ [30], belaste die Kinder angeblich „mehr als die Tat selbst, ja es belastet die Kinder oft ganz allein“ [31], so behauptete Lempp.

 

„Am ehesten wird man eine nachhaltige seelische Beeinträchtigung in zwei oder drei Fällen annehmen, in welchen ältere Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren in einem längeren sexuellen Abhängigkeitsverhältnis zum Vater oder zu einer vaterähnlichen Person standen und im Zuge einer psychischen Reifung sich von diesen väterlichen Bezugspersonen lösen wollten.“ [32]

 

Selbst in diesen Fällen sei es aber „nicht die eigentliche umschriebene sexuelle Handlung (…), die zur seelischen Belastung und Beeinträchtigung führte“ [33], stellte er klar – das zumindest habe seine „genauere[…] Analyse“ [34] ergeben. [35] Verantwortlich für die Traumatisierung der Kinder machte Lempp stattdessen die Reaktion des Täters auf den Lösungsprozess aus diesem sexuellen Verhältnis. Interessant ist hier, dass Lempp das „Abhängigkeitsverhältnis“ der Kinder zum Täter durchaus erkennt, es aber nicht problematisiert.

 

Schuldgefühle als „Beweis“ für Einvernehmlichkeit 
Dieses Abhängigkeitsverhältnis und die inhärente Machtdynamik von Verbindungen zwischen Kindern und Erwachsenen ignorierte Lempp. Er behauptete sogar, dass kindliche Schuldgefühle nach Missbrauchserfahrungen als Indiz für eine Einvernehmlichkeit der sexuellen Handlungen zu werten seien. Angeblich entstünden diese Schuldgefühle nur, wenn die Kinder „das verbotene Tun nicht widerwillig, nicht gezwungenermaßen, sondern wenigstens zum Teil aus eigener Intension (…), sei es aus Neugierde, sei es auch zur eigenen Lustbefriedigung“ [36] getan hätten. Hätten Kinder die Handlung tatsächlich gegen ihren Willen erlebt, so Lempps Logik weiter, hätten sie sich stattdessen „in der Regel“ [37] beeilt, „durch sofortige Mitteilung ihre eigene Unschuld feststellen zu lassen“. [38]
Damit deutete Lempp typische Folgen sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen als Beleg für dessen Freiwilligkeit. Schuldgefühle, Schweigen oder ambivalente Gefühle sind jedoch keine Hinweise auf Einvernehmlichkeit, sondern häufige Folgen von Manipulation, Einschüchterung, Scham, Loyalitätskonflikten und der Angst und Abhängigkeit vom Täter. [39] Er verkennt, dass Kinder aufgrund ihres Alters und des Machtgefälles gegenüber Erwachsenen nicht über die Voraussetzungen für eine informierte und freiwillige Einwilligung in sexuelle Handlungen verfügen. [40] Indem er von betroffenen Kindern ein sofortiges Offenlegen der Tat erwartete, verkehrte er zentrale Dynamiken sexuellen Missbrauchs ins Gegenteil und verschob die Verantwortung implizit auf die Opfer. Diese sollten doch erst einmal „beweisen“, dass sie den Übergriff nicht gewollt hätten. 
Lempps Aufsatz ist  kein wissenschaftlicher Beitrag im eigentlichen Sinne. Er ist ein Dokument subjektiver Überzeugungen, die mit dem Anschein von Expertise verkleidet werden. Er stützt seine Thesen nicht auf externe empirische Forschung, sondern wesentlich auf eigene Fallbeispiele, über die er selbst die Deutungshoheit beanspruchte. Betroffene kommen dabei nicht zu Wort – allein Lempps Interpretation ihres Verhaltens wird als „Beweis“ seiner Thesen angeführt. Diese Interpretation scheint von vornherein darauf ausgerichtet, den sexuellen Missbrauch zu entlasten. Wo Traumatisierung sichtbar wird, wird eine andere Ursache gefunden. Wo Abhängigkeit erkennbar ist, wird sie nicht problematisiert. Das Schweigen der Betroffenen wird als Mitschuld und sogar Beweis für Einvernehmlichkeit gelesen: Jeder Befund wird so gedreht, dass der Missbrauch selbst folgenlos erscheint. 


 

„Universitäts-Nervenklinik aus der Luft (AK 541L63 Gebr. Metz)“, Ansichtskarte des Verlags Gebrüder Metz, vermutlich 1963, Digitalisat über Wikimedia Commons.
„Universitäts-Nervenklinik aus der Luft (AK 541L63 Gebr. Metz)“, Ansichtskarte des Verlags Gebrüder Metz, vermutlich 1963, Digitalisat über Wikimedia Commons.

 

Von der Theorie in die Praxis?
Lempp wurde 1970 von einem Sonderausschuss des Bundestages als Experte in die Strafrechtsreform-Debatte eingeladen. [41] Die befragten Expert*innen verneinten kollektiv eine direkte Kausalität zwischen Sexualkontakten mit Erwachsenen und dauerhaften psychologischen Schäden bei Kindern. [42] Diese Expert*innenmeinung hatte reale Folgen in der öffentlichen Wahrnehmung und Interpretation pädosexueller Delikte: 1976 formulierte „Der Spiegel“ es als angebliche „Tatsache“, dass schädliche Einflüsse auf Kinder „nur die unter Drohungen und mit Gewalt vorgenommenen sexuellen Handlungen“ [43] hätten, „in allen anderen Fällen setzt erst die Reaktion der Erwachsenen den Schaden“. [44] 

Diese Vorstellung lähmte den gesellschaftlichen Diskurs: Schließlich wird hier die gesellschaftliche Reaktion auf pädosexuelle Delikte als Ursache für die Traumatisierung der Opfer gelesen – und förderte somit das Schweigen. So auch in Tübingen. Anfang der 1970er Jahre gründeten Studierende und Mitarbeitende der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie – wohl mit Kontakten zu Lempp als dem damaligen Ordinarius – eine sozialtherapeutische Wohngruppe als Gegenmodell zur autoritären Heimerziehung der Nachkriegszeit. [45] Der Leiter dieser Wohngruppe, ein Medizinstudent namens M.Z., missbrauchte mindestens zwei der ihm anvertrauten Jungen sexuell und wurde 1979 rechtskräftig verurteilt. [46] Eine inhaltliche Aufarbeitung blieb allerdings aus – wie Soziologin Helga Dill 2023 in ihrem Abschlussbericht der Aufarbeitungsstudie zu „Pädagogische Nähe und mögliche sexuelle Grenzverletzungen beim Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V. 1976 – 1982“ [47] festhielt. Stattdessen stand die organisatorische Fortführung der Wohngruppen im Vordergrund. Über und mit den betroffenen Jugendlichen und die sexualisierte Gewalt wurde kaum gesprochen. Dieses Schweigen ist die Konsequenz einer Theorie, die sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern als nicht schädigend erfasst, sondern stattdessen die öffentliche Auseinandersetzung mit diesen als traumatisierend und belastend für die Opfer interpretiert. Nach dieser Prämisse besteht kein Raum, um das Geschehene zu benennen, ohne nicht erst das Trauma der Betroffenen hervorzurufen. Dieses Schweigen und Nicht-Problematisieren hilft Täter*innen, unentdeckt zu bleiben und ihre Handlungen zu verheimlichen. Tom S., der maßgeblich an der „Wiederentdeckung“ des Aufsatzes von 1968 beteiligt war und als 16-Jähriger in einer Wohngruppe des „Vereins für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen“ in Tübingen gelebt hatte, formulierte es im Interview mit der Südwestpresse folgendermaßen [48]: „[Lempp] hat dem sexuellen Missbrauch von Kindern die theoretische Legitimation gegeben.“ [49]

Von Seiten der Universität Tübingen hat es zum problematischen Erbe des Kinder- und Jugendpsychiaters bisweilen noch keine Stellungnahme gegeben.

 

 Ein Beitrag von Lydia Eich


Fußnoten:

[21] Vgl. Lempp, Kinder als Opfer von gewaltlosen Sittlichkeitsdelikten, S. 2267 

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Ebd.

[27] Ebd.


[28] Ebd.

[29] Ebd. S. 2268.

[30] Ebd. 

[31] Ebd. 

[32] Ebd. S. 2267.

[34] Ebd.

[35] Ebd.

[36] Ebd. S. 2266.

[37]  Ebd. 

[38] Ebd. 

[39] Vgl. Morrison, Sarah Elizabeth/Bruce, Caroline/Wilson, Sarah: Children's Disclosure of Sexual Abuse. A Systematic Review of Qualitative Research Exploring Barriers and Facilitators. In: Journal of Child Sexual Abuse, 27,2 (2018), S. 176-194, URL: https://eprints.gla.ac.uk/154897/7/154897.pdf (29.06.2026, Externer Link). S. 13-23; McElvaney, Rosaleen: Disclosure of ChildSexual Abuse: Delays,Non-disclosure andPartial Disclosure. What the Research Tells Us and Implications for Practice In: Journal of Child Sexual Abuse, 24,3 (2015), S. 155-230, URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/car.2280 (29.06.2026, Externer Link). 163f. 

[40] Vgl. PH Ludwigsburg: Lempp.

[41] Vgl. Herzog, Dagmar: Sexuelle Traumatisierung und traumatisierte Sexualität. Die westdeutsche Sexualwissenschaft im Wandel, In: Baader, Meike Sophia/Jansen, Christian/König, Julia/Sager, Christin (Hrsg.): Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Köln, Weimar, Wien 2017, S. 37-54. S46f

[42] Vgl. ebd. 

[43] Mann mit Mantel In: Der Spiegel 28 (1976) URL: https://www.spiegel.de/politik/mann-mit-mantel-a-8608a400-0002-0001-0000-000041237652?context=issue (29.06.2026, Externer Link).

[44] Mann mit Mantel In: Der Spiegel 28 (1976) URL: https://www.spiegel.de/politik/mann-mit-mantel-a-8608a400-0002-0001-0000-000041237652?context=issue (29.06.2026, Externer Link).

[45] Vgl. Dill, Helga: Pädagogische Nähe und mögliche sexuelle Grenzverletzungen beim Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V. 1976 – 1982. S. 16.

[46] Vgl. ebd. S. 49–52.

[47] Vgl. ebd. 

[48] Lohr, Sabine: Wenn Missbrauch verharmlost wird – Opfer erinnert sich. In: Südwestpresse 02.02.2026, URL: https://www.swp.de/lokales/tuebingen/reformpaedagogik-in-tuebingen-die-legitimation-des-missbrauchs-78555907.html (29.06.2026, Externer Link)

[49] Ebd. 

 

Nachweise:

Günter: Lempp.; Lempp, Reinhart: Seelische Schädigung von Kindern als Opfer von gewaltlosen Sittlichkeitsdelikten. In: Neue Juristische Wochenschrift 21 (1968), S. 2265–2268.

 gl. Morrison, Sarah Elizabeth/Bruce, Caroline/Wilson, Sarah: Children's Disclosure of Sexual Abuse. A Systematic Review of Qualitative Research Exploring Barriers and Facilitators. In: Journal of Child Sexual Abuse, 27,2 (2018), S. 176-194, URL: https://eprints.gla.ac.uk/154897/7/154897.pdf (29.06.2026, Externer Link).

McElvaney, Rosaleen: Disclosure of ChildSexual Abuse: Delays,Non-disclosure andPartial Disclosure. What the Research Tells Us and Implications for Practice In: Journal of Child Sexual Abuse, 24,3 (2015), URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/car.2280 (29.06.2026, Externer Link). 

Pädagogische Hochschule Ludwigsburg: Prof. Dr. Reinhart Lempp. URL: https://www.ph-ludwigsburg.de/hochschule/profil/ehrungen/prof-dr-reinhart-lempp (29.06.2026).

Herzog, Dagmar: Sexuelle Traumatisierung und traumatisierte Sexualität. Die westdeutsche Sexualwissenschaft im Wandel, In: Baader, Meike Sophia/Jansen, Christian/König, Julia/Sager, Christin (Hrsg.): Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Köln, Weimar, Wien 2017. 

Mann mit Mantel In: Der Spiegel 28 (1976) URL: https://www.spiegel.de/politik/mann-mit-mantel-a-8608a400-0002-0001-0000-000041237652?context=issue (29.06.2026, Externer Link).

Vgl. Dill, Helga: Pädagogische Nähe und mögliche sexuelle Grenzverletzungen beim Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V. 1976 – 1982.

Lohr, Sabine: Wenn Missbrauch verharmlost wird – Opfer erinnert sich. In: Südwestpresse 02.02.2026, URL: https://www.swp.de/lokales/tuebingen/reformpaedagogik-in-tuebingen-die-legitimation-des-missbrauchs-78555907.html (29.06.2026, Externer Link). 

 

Abbildung: 

Wikimedia Commons: Universitäts-Nervenklinik aus der Luft (AK 541L63 Gebr. Metz). Ansichtskarte des Verlags Gebrüder Metz (AK 541L63, vermutlich 1963). Verfügbar unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Universit%C3%A4ts-Nervenklinik_aus_der_Luft_(AK_541L63_Gebr._Metz).jpg (Zugriff: 07.07.2026).


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Bild: diebefreiung.br.de abgerufen am 24.06.2020.
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Screenshot der Homepage des KZ Hailfingen-Tailfingen
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Abb.: Staatsarchiv Ludwigsburg: Liste „Todesstrafen“, 1945. Staatsarchiv Ludwigsburg, Signatur EL 902/20 Bü 79227, via Wikimedia Commons, Public Domain.
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Titelbild des Audiowalks, Links: Anatomiehörsaal aus dem Jahr 1936. Copyright: Universitätsarchiv Tübingen S19/35-5 Nr. 123; Rechts: Gräberfeld X, Foto: Jonas Metten.
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