· 

Simón Bolívar – Freiheitskämpfer oder Diktator?


Bei einem Blick auf die Länder Südamerikas fällt auf, dass sich sechs der dort liegenden Staaten einen Mann zu ihrem Nationalhelden auserkoren haben: Simón Bolívar. Bis heute wirkt sein Erbe nach, mit Bolivien ist sogar ein ganzes Land nach seiner Person benannt, rund um den Globus tragen Straßen seinen Namen, eine „Bolivarstraße“ gibt es unter anderen in München und Dresden. Während er von vielen Südamerikaner*innen regelrecht als Held verehrt und als „El Libertador“ gefeiert wird, kritisieren andere heute sein zentralistisches Machtverständnis und charakterisieren ihn als autokratischen Staatenlenker. Sind solche Ehrungen also heute noch angebracht?

Ob Bolívar eher als Befreier oder Diktator verstanden werden sollte, lässt sich nur vor dem Hintergrund seiner Ideen, seinen tatsächlichen Taten und aus dem historischen Kontext heraus bewerten.


Abb. 1: Politische Karte Amerikas um das Jahr 1790, Brading, David. Bourbon Spain and its American Empire. Cambridge 1987, S. 121.*
Abb. 1: Politische Karte Amerikas um das Jahr 1790, Brading, David. Bourbon Spain and its American Empire. Cambridge 1987, S. 121.*

Bolívar wurde 1783 in Caracas zu einer Zeit geboren, in der das spanische Imperium noch zu den größten seiner Zeit zählte, auch wenn sein Zenit bereits überschritten war. Mexiko, Mittel- und der größte Teil von Südamerika wurden von Spanien kontrolliert. [1] Der junge, privilegiert auf einer aufgewachsene Bolívar erfuhr von klein auf soziale Ungleichheiten und beobachtete die koloniale Ausbeutung. Da er gut ausgebildet war, konnte er hierin das eigentliche Problem hinter der politischen Instabilität und den sozialen Spannung erkennen. [2] Dabei verdankte er seine gut situierte Position den Erträgen der Kakao-Plantagen seiner Familie, die viele Sklaven beschäftigte . Von den Ideen der europäischen Aufklärung inspiriert, setzte er sich in seinen frühen Schriften für Volkssouveränität, eine verfassungsmäßig garantierte Ordnung und die Abschaffung rassistischer Hierarchien ein, insbesondere auch für das Ende der Sklaverei ein. [3]

Bei diesen Schriften allein sollte es jedoch nicht bleiben: Nach seinen Reisen durch Europa, während der er bereits 1805 einen Schwur geleistet hatte seine Heimat zu befreien, begründete er 1807 nach seiner Rückkehr eine kreolische Verschwörergruppe mit dem klaren Ziel, Lateinamerika von Spanien loszulösen. Grund hierfür war, dass die „criollos“, d.h. die in Südamerika geborenen Spanier*innen wie Bolívar, oft gegenüber den in Europa geborenen Spaniern in vielerlei Hinsicht gezielt von der spanischen Krone benachteiligt wurden. [4] Als nach der napoleonischen Invasion Spaniens, in Venezuela 1810 eine Widerstandsbewegung gegen die spanischen Kolonialherren entstand, schloss sich Bolívar umgehend dem bewaffneten Aufstand an. Lange Verhandlungen sowie viele blutige Kampfhandlungen später entstand schließlich die erste venezolanische Republik unter der Führung Francisco de Mirandas. Deren Verfassung entsprach Bolívars persönlichen Überzeugungen, sie sah unter anderem eine föderale Republik mit Gewaltenteilung und gestuftem Wahlrecht vor. [5]

1812 allerdings scheiterte die Republik nach entscheidenden militärischen Niederlagen gegen die spanische Armee. Nach Ansicht Bolívars und auch der Mehrheit der Historiker*innen lag das hauptsächlich an der Uneinigkeit unter den Revolutionären. [6]

 Abb. 2: Portrait Simón Bolívar von Arturo Michelena, Foto: Wilfredo, Public Domain, via: wikimedia commons.**
Abb. 2: Portrait Simón Bolívar von Arturo Michelena, Foto: Wilfredo, Public Domain, via: wikimedia commons.**

Diese Niederlage zwang Bolívar ins Exil und radikalisierte seine Ansichten zur politischen Ordnung in einem befreiten Südamerika. So lehnte er nun nicht nur den Föderalismus entschieden ab, sondern hielt nun auch die Werte der Aufklärung, die seine Jugendzeit entscheidend geprägt hatten, als für die Revolution ungeeignet. So schrieb er:

Die Regierung [der ersten venezolanischen Republik] begründete ihre Politik auf einer falsch verstanden Menschlichkeit.[...] Sind sie [die Bürger] schädlich und aufrührerisch, muss sich die Regierung schrecklich zeigen und sich mit einer den Gefahren entsprechenden Stärke wappnen, ohne Rücksicht auf Gesetze oder Verfassungen; sonst werden Glück und Friede nicht wiederhergestellt.“ [7]

Stattdessen betonte er fortan die Notwendigkeit einer starken Führung für Südamerika, die bei seinem ersten Revolutionsversuch so entscheidend gefehlt habe. Damit propagierte er aber eher eine diktatorisches Regime als eine demokratische Organisation der befreiten Völker Südamerikas.

 

War Bolívar damit zum Vorläufer späterer südamerikanischer Autokraten geworden?

So einfach ist es natürlich nicht. Seinen Ruhm und die Heldenverehrung verdankte Simón Bolívar seinen zwischen 1813 und 1824 erfolgten, extrem erfolgreichen militärischen Operationen, welche zum Erfolg der Unabhängigkeitbestrebungen in Venezuela, Bolivien, Ecuador, Peru und Neugranada gegen die spanische Krone geführt hatten. Dies alles kulminierte schließlich 1819 in der Gründung des Staates Großkolumbien, dessen Führung er als indirekt gewählter Präsident auch selbst übernahm. Dabei war er mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet. [8] Für diese Zeit kann Bolívar durchaus als Befreier gesehen werden. Für die Südamerikaner*innen erlangte er nicht nur die Unabhängigkeit von Spanien und politische Selbstbestimmung, sondern setzte sich auch – zumindest programmatisch - für soziale Reformen und die Abschaffung der Sklaverei ein. [9]

Allerdings sollten seine Vorstellungen an der Realität scheitern. Die neuen Teilgebiete waren sehr heterogen, sie wurden von inneren Konflikten, Machtkämpfen, und differierenden regionalen Interessen geprägt, sodass sich Bolívar schnell mit zentrifugalen Kräften konfrontiert sah, die den neuen Staat zu zerreißen drohten. Seine Antwort war ein zunehmend zentralistisches, präsidiales Regierungsmodell. Dies wird besonders in der von ihm selbst geschriebenen Verfassung von 1826 deutlich, in der ein auf Lebenszeit gewählter Präsident vorgesehen war, der auch seinen eigenen Nachfolger bestimmen sollte. Bereits einige Zeitgenossen erkannten hierin seine Entfernung von republikanischen Idealen und kritisierten sein zunehmend autoritäres Durchgreifen. [10] Mit der Begründung, dass sonst Staatszerfall und Bürgerkrieg drohten, ernannte sich Bolivar 1828 zum Diktator Großkolumbiens. Doch ein Attentat im selben Jahr verdeutlichte, wie sehr seine Autorität zu diesem Zeitpunkt bereits untergraben war. Sein Projekt einer geeinten südamerikanischen Nation scheiterte letztlich an Widerständen gegen sein autoritäres, undemokratisches Staatsmodell. Nach seinem Rücktritt 1830 starb Bolívar politisch isoliert, enttäuscht und ohne die von ihm erhoffte Einheit. [11]

Die Bewertung seiner Rolle hängt somit stark von der Perspektive des jeweiligen Betrachters ab. Als militärischer Anführer bleibt er unbestritten ein Befreier: Ohne seine Führung wären die Unabhängigkeitsbewegungen kaum erfolgreich gewesen. Seine Vision von Freiheit war jedoch nicht liberal-demokratisch geprägt, sondern von einer Art Führergedanken geleitet. Er wollte die Völker Südamerikas zwar befreien, aber auch um diese zu lenken. An dieser Stelle knüpfen tatsächlich südamerikanische Autokraten, wie etwa Maduro oder Chavez an, indem sie ihren autokratischen Regierungsstil mit Verweis auf die Handlungen Bolívars zu legitimieren versuchen. [12] 

 

Abb. 3: Statue von Simón Bolívar in Paris, Bild: jebulor, Public Domain, via: wikimedia commons.***
Abb. 3: Statue von Simón Bolívar in Paris, Bild: jebulor, Public Domain, via: wikimedia commons.***

War Simón Bolívar nun also ein Befreier oder ein Diktator?

Die historische Realität führt zu der Erkenntnis, dass die Bestandteile der anfangs gestellten Frage sich nicht gegenseitig ausschließen. Auf der einen Seite war der frühe Bolívar ein Befreier, weil er koloniale Unterdrückung beendete und soziale Ungleichheit anprangerte. Auf der anderen Seite kann er im späteren Teil seines Lebens als Diktator gesehen werden, weil er angesichts politischer Krisen autoritäre Machtmittel einsetzte und der Demokratie sowie der unkontrollierten Freiheit der Völker ablehnend gegenüber stand. Ob man ihn nun hauptsächlich als einen heldenhaften Befreier versteht, der zum Diktator wider Willen wurde, um seinen Staat vor dem Zerfall zu bewahren oder als einen Revolutionär mit Idealen, der auf dem Weg in die Freiheit diese selbst einschränkte, um seine Macht zu sichern, entscheidet sich schlussendlich damit, auf welchen Lebensabschnitt man als Historiker*in bei der Betrachtung der Person Bolívars den Fokus legt. Hierin bemisst sich folglich auch die Antwort auf die Frage, ob Ehrungen wie die Benennung von Straßen nach ihm heute noch zeitgemäß sind - es gibt sowohl für als auch gegen die Ehrung wichtige Argumente, die es gegeneinander abzuwiegen gilt. Meiner Meinung nach sollte im Einzelfall entschieden werden, ob die Möglichkeit einen zweifelsohne sehr erfolgreichen jugendlichen Freiheitskämpfer zu ehren das Risiko wert ist, dass die zwangsläufig mitschwingenden autoritären Züge seiner späteren Jahre in den Vordergrund geraten könnten. In jedem Fall aber bleibt Simón Bolívars historisches Vermächtnis und die Gewissheit, dass die Geschichte Südamerikas ohne ihn eine ganz andere gewesen wäre.

 

Ein Beitrag von Florian Wesenberg 

 


Fußnoten:

[1] Gabriel, Lisa-Marie. Neuzeitliche Kolonialismen: Das Kolonialreich Spanien. Der Aufstieg des spanischen Kolonialreiches an der Wende zur frühen Neuzeit. In: historia scribere Bd. 8 (2016), S. 167.

[2] Bernecker, Walther. Simón Bolívar. In: Werz, Nikolaus (Hrsg.): Populisten, Revolutionäre, Staatsmänner. Politiker in Lateinamerika, Frankfurt am Main 2010, S. 84.

[3] Castro-Klarén, Sara. Framing Pan-Americanism. Simón Bolívar’s Findings. In: The New Centennial Review. Bd. 3 (2003), S. 27.

[4] Page, Tiffany. Race, Ethnicity, and Politics in Venezuela. In: Sáenz, Rogelio et al. (Hrsg.):

The International Handbook of the Demography of Race and Ethnicity. Dordrecht 2015, S. 113f. 

[5] Bernecker. Simón Bolívar 2010: S. 85f.

[6] Stingl, Robert. Der Mythos Bolívar. Dissertation. Diplomarbeit an der Uni Wien. Wien 2008. S. 59-64.

[7] Bolívar, Simón. Manifesto Cartagena. Jamaika 1815, S. 9-12.

[8] Bernecker. Simón Bolívar 2010: S. 93.

[9] Stingl, Robert. Der Mythos Bolívar. Wien 2008. S. 74.

[10] Bernecker. Simón Bolívar 2010: S. 93f.

[11] Ulmcke, Christine: Volksheld und Symbol der Unabhängigkeit Lateinamerikas.

In: Deutschlandfunk (2005) URL: https://www.deutschlandfunk.de/volksheld-und-symbol-der- unabhaengigkeit- lateinamerikas-100.html (19.11.2025).

[12] Landivar Ana und Sören Scholvin: Die ‚Bolivarische Revolution‘ nach Hugo Chávez.

In: Giga Institute (2013) URL: https://edoc.vifapol.de/opus/volltexte/2014/5260/pdf/gf_ lateinamerika_1303.pdf (25.11.2025).

 

Nachweise:

Bernecker, Walther. Simón Bolívar. In: Werz, Nikolaus (Hrsg.): Populisten, Revolutionäre, Staatsmänner. Politiker in Lateinamerika, Frankfurt am Main 2010, S. 84.

Bolívar, Simón. Manifesto Cartagena. Jamaika 1815, S. 9-12.

Castro-Klarén, Sara. Framing Pan-Americanism. Simón Bolívar’s Findings. In: The New Centennial Review. Bd. 3 (2003), S. 27.

Gabriel, Lisa-Marie. Neuzeitliche Kolonialismen: Das Kolonialreich Spanien. Der Aufstieg des spanischen Kolonialreiches an der Wende zur frühen Neuzeit. In: historia scribere Bd. 8 (2016), S. 167.

Landivar Ana und Sören Scholvin: Die ‚Bolivarische Revolution‘ nach Hugo Chávez.

In: Giga Institute (2013) URL: https://edoc.vifapol.de/opus/volltexte/2014/5260/pdf/gf_ lateinamerika_1303.pdf (externer Link, 25.11.2025).

Page, Tiffany. Race, Ethnicity, and Politics in Venezuela. In: Sáenz, Rogelio et al. (Hrsg.):

The International Handbook of the Demography of Race and Ethnicity. Dordrecht 2015, S. 113f. 

Stingl, Robert. Der Mythos Bolívar. Dissertation. Diplomarbeit an der Uni Wien. Wien 2008. S. 59-64.

Ulmcke, Christine: Volksheld und Symbol der Unabhängigkeit Lateinamerikas.

In: Deutschlandfunk (2005) URL: https://www.deutschlandfunk.de/volksheld-und-symbol-der- unabhaengigkeit- lateinamerikas-100.html (externer Link, 19.11.2025).

 

Bilder:

*Abb. 1: Politische Karte Amerikas um das Jahr 1790, Brading, David. Bourbon Spain and its American Empire. In: Bethell,Leslie (Hrsg.): Colonial Spanish America. Cambridge 1987, S. 121.

**Abb. 2: Portrait Simón Bolívar von Arturo Michelena, Foto: Wilfredo, Public Domain, via: wikimedia commons. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_Sim%C3%B3n_Bol%C3%ADvar_by_Arturo_Michelena.jpg (externer Link).

***Abb. 3: Statue von Simón Bolívar in Paris, Bild: jebulor, Public Domain, via: wikimedia commons. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Statue_Simon_Bolivar_Paris.jpg (externer Link). 

Infospalte


Bild: Max Witzler/ Clara Kessler.
Bild: Max Witzler/ Clara Kessler.
Bild aus: Kolonie und Heimat 1910-11, No. 42, S. unbekannt; Kopie.
Bild aus: Kolonie und Heimat 1910-11, No. 42, S. unbekannt; Kopie.

 

Verwandte Themen:

Koloniales Erbe

 

 

Folge uns auf  Twitter:



Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Institut für Geschichtsdidaktik und Public History

Wir bieten Ihnen interessante Informationen und Wissenswertes über Geschichte in unserem Alltag und für die Schule: von Ausstellungsrezensionen über Unterrichtsmaterial bis hin zu Reise- und Fortbildungstipps. Alles was Geschichtsinteressierte begeistert – Klicken Sie sich schlau!