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Sindelfingen: Mehr als Industrie an der A81!

Das Stadtmuseum Sindelfingen. Bild: Timo Mäule.
Das Stadtmuseum Sindelfingen. Bild: Timo Mäule.

Fährt man von Stuttgart aus Richtung Bodensee, muss man über die Autobahn 81 unweigerlich an einer Stadt vorbei, die vielen nur als Industriestadt bekannt ist: Sindelfingen. Von der Autobahn kann man sich die großen Fabrikhallen in Ruhe ansehen – man steht ja doch meistens im Stau. – Das alles vermittelt keinen besonders idyllischen ersten Eindruck. Dabei wissen viele gar nicht, dass Sindelfingen tatsächlich einen sehr schön herausgeputzten, historischen Ortskern besitzt. Mitten im Zentrum dieser Altstadt befindet sich das seit 1958 bestehende Stadtmuseum. Mit einer Dauer- und wechselnden Sonderausstellungen, lockt das Museum vor allem regionale Besucher*innen an. Vom vierten Jahrtausend vor Christus, über die Zeit der Römer und das Mittelalter hinweg, bis hin zur jüngeren Stadtentwicklung, deckt die Ausstellung inhaltlich einen großen Zeitraum ab. Doch lohnt sich überhaupt ein Besuch in einem so kleinen, lokalhistorischen Museum?

 

Eines steht fest: schön herausgeputzt hat man sich

Das Museum überrascht mit seinen großzügigen Räumlichkeiten: über vier Stockwerke hinweg erstreckt sich die Ausstellung. Der Zugang erfolgt durch eine modern in das historische Gebäude eingefasste Glastür. Trotz des ebenerdigen Zugangs besitzt das Haus jedoch keinen Aufzug, was es Besucher*innen im Rollstuhl unmöglich macht, die Ausstellungen anzusehen. Nun steht man also im Eingangsbereich und damit direkt in der Ausstellung. Kein Empfangs-Tresen. Kein ‚Willkommen‘. Das ist erst einmal etwas verwirrend. Nach kurzer Orientierung stellt man  fest, dass man sich in der Antike befindet – also inhaltlich. In Schaukästen kann man sich hier vor allem regionale Funde ansehen. Darunter Skulpturen, Pfeilspitzen, Germanisches und Römisches. Auf einfachen Texttafeln werden die Gegenstände erklärt und auch durch Nachbildungen der Originalstücke veranschaulicht. An sich ist das Ganze sehr übersichtlich gestaltet.

Gründungsurkunde der Stadt Sindelfingen. Bild: Timo Mäule, mit Genehmigung des Stadtmuseums.
Gründungsurkunde der Stadt Sindelfingen. Bild: Timo Mäule, mit Genehmigung des Stadtmuseums.

Tübingen vs. Sindelfingen

Verlässt man die Antike, findet man am Treppenaufgang die Gründungsurkunde der Stadt Sindelfingen. 1263 wurde die Stadt neben dem bereits bestehenden Chorherrenstift gegründet. Hier wird es für Tübinger*innen interessant: Denn die Gründung der Eberhard Karls Universität Tübingen stand in direktem Zusammenhang zur Sindelfinger Stadtgeschichte. Im 15. Jahrhundert war Sindelfingen und damit die Martinskirche württembergisches Chorherrenstift. Da Tübingen den Titel nicht innehatte, musste erst eine Genehmigung für die Verlegung des Stifts nach Tübingen beim Papst eingeholt werden. Andernfalls wäre eine Universitätsgründung nur in Sindelfingen möglich gewesen. Diese Genehmigung holte sich ‚Graf Eberhard im Bart‘ 1476 ein und konnte somit 1477 Württembergs erste Universität in Tübingen eröffnen. (Eine Autobahnanbindung haben die Tübinger dafür aber noch immer nicht…!)

 

Dunkle Zeiten

Im ersten Stock begegnet man nun endlich einem Museumsmitarbeiter. Er schickt mich nach links in einen sehr dunkel gehaltenen Raum. Hier ist eine hölzerne Bauernstube aus dem 19. Jahrhundert nachgebaut. Wenn man nicht wüsste, dass man sich im ersten Stock eines Fachwerkhauses befindet, könnte man meinen, man befände sich in einem von Engelbert Humperdinck inszenierten Bühnenbild aus Hänsel und Gretel. Die Aufmachung hilft dabei, sich in das Leben der Menschen im 19. Jahrhundert hinein zu versetzen – düster und arbeitsam muss es der Rekonstruktion nach gewesen sein.

 

Für Architekten

Über einen Treppenabsatz gelangt man in einen Raum, der ein großes Modell der Stadt Sindelfingen zum Ende des 19. Jahrhunderts zeigt. Es ist schon zu erahnen: Hier geht es um Architektur in Sindelfingen. An einzelnen, frei im Raum stehenden Tafeln, kann man sich die verschiedenen Fachwerkhäuser und deren Geschichte ansehen. Interessant sind die kleinen Modelle der abgezimmerten Fachwerkgerippe, welche das statische Holzbalkensystem eines Fachwerkhauses zeigen.

Medienstation zur Hexenverfolgung. Bild: Timo Mäule, mit Genehmigung des Stadtmuseums.
Medienstation zur Hexenverfolgung. Bild: Timo Mäule, mit Genehmigung des Stadtmuseums.

Der fremde dunkle Mann

Auch in Sindelfingen gab es – wie in vielen anderen deutschen Städten auch – Hexenverfolgungen. An einer Audiostation im nächsten Raum kann man sich das ‚Geständnis‘ der damals vermutlich 85-jährigen Barbara Breuninger anhören. Sie gestand unter Folter, mehrfach Unzucht mit einem fremden, dunklen Mann getrieben zu haben. Für diesen Teufelspackt musste sie auf dem Scheiterhaufen sterben. Insgesamt standen in Sindelfingen zwischen 1562 und 1684 nachweislich 34 Frauen zeitweise unter Hexereiverdacht. Davon wurden 19 Frauen verurteilt und hingerichtet.

 

Lokalpatriotisch

Nun sind wir im obersten Stock angelangt. Hier geht es um die jüngere Geschichte Sindelfingens. In der Sonderausstellung zur 750-jährigen Stadtgeschichte, kann man sich Fortschritt, Daimler und den Zweiten Weltkrieg im Schnelldurchlauf in einem Film ansehen. Schaukästen informieren über verschiedenste jüngere Ereignisse und bekannte Gesichter aus der Stadt. Eben alles, auf das die Sindelfinger stolz sind.

 

Zielgruppe gesucht!

Das Museum bietet neben einem extra Entdeckertag auch ein Ankreuzquiz für Kinder. Zu empfehlen ist die Ausstellung für ein regionalgeschichtlich interessiertes Publikum, dass sich innerhalb relativ kurzer Zeit einen guten Überblick über Sindelfingen verschaffen möchte. Innerhalb von zwei Stunden lässt sich alles erkunden. Für die Sonderausstellungen bietet das Museum zudem externe Veranstaltungen und Führungen an. Aktuell sind dabei die beiden Sonderausstellungen ‚Staunen, nichts als Staunen‘ und ‚Lebensfäden – 150 Jahre Webschule Sindelfingen‘ anzusehen.

 

Lohnt sich ein Besuch?

Ja, … aber. Man sollte sich bewusst machen, dass es sich bei Sindelfingen um eine Stadt mit rund 65.000 Einwohnern handelt. Das Museum erzählt also vor allem Geschichten „im Kleinen“. Regionalgeschichte informiert über die Mentalität der ‚Einheimischen‘ oder eben der eigenen Nachbarn– den Bogen zu den großen Kausalverbindungen sucht man hier aber vergeblich. Wenn Sie also mal wieder als Pendler auf der A81 im Stau stehen sollten, dann fahren Sie doch einfach mal von der Autobahn ab und besuchen Sie das Stadtmuseum. Von 5000 Jahren Kompaktgeschichte haben Sie mehr als von drei Stunden Stop & Go!

 

Eine Beitrag von Timo Philipp Mäule

Quellen zu diesem Text

 


Daten im Überblick

Museum: Stadtmuseum Sindelfingen

Ausstellungen: Dauerausstellung und wechselnde Sonderausstellungen

Sonderausstellungen: Staunen, nichts als Staunen (bis zum 19.04.2020) und Lebensfäden – 150 Jahre Webschule Sindelfingen (bis zum 08.12.2019).

 

Kontakt: Lange Straße 13, 71063 Sindelfingen

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 15 – 18Uhr, Sonn- und Feiertag 13 – 18Uhr. 

Eintrittspreise: kostenlos

Führungen: an gesonderten Terminen (siehe Website), Beginn immer um 15:30Uhr, kostenlos

Link zur Homepage: https://www.sindelfingen.de/,Lde/start/Freizeit+Tourismus/Galerien+und+Museen.html (externer Link, letzter Zugriff 06.11.2019)


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