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Die Dose der Pandora

Im November 2014 wurde eine kleine Zuckerdose aus Porzellan für 3.500 £ in einem Londoner Auktionshaus versteigert. Umgerechnet in ein studentisches Budget entspricht das 1.250 Mittagessen in der Tübinger Mensa, 2.857 Cappuccino aus dem Kaffeeautomaten oder eben 6.154 Packungen raffiniertem Zuckers aus dem Discounter. Warum füllte man im 18. Jahrhundert den heute so billigen Zucker in Luxusgefäße aus Silber oder Porzellan? Museen in Paris und London verfügen über umfangreiche Sammlungen von Zuckerdosen. Sie sind Relikte aus einer Zeit, in der Zucker so wertvoll war, dass man ihn als Luxusgut inszenierte. Die meisten stammen aus dem 18. Jahrhundert, als niederländische und englische Handelskompanien den Konsum von Luxusgütern und den materiellen Wohlstand der Eliten in bis dato nie gekannte Höhen trieben. 

„Sklaven müssen sein, sonst wäre der Zucker zu teuer.“ ― Charles de Montesquieum, Bild: Timo Mäule
„Sklaven müssen sein, sonst wäre der Zucker zu teuer.“ ― Charles de Montesquieum, Bild: Timo Mäule

Die Schattenseiten dieser ökonomischen Erfolgsgeschichte waren bekannt, wurden aber beim Genuss ausgeblendet: Der Zucker stammte aus den Plantagen der Karibik, wo er angebaut, das Zuckerrohr in glühender Hitze geschnitten und gepresst wurde. Seinen Aufstieg hatte das Süßungsmittel verschiedenen Faktoren zu verdanken. Im 17. Jahrhundert wurde immer mehr Tee, Kaffee und Kakao nach Europa importiert. Während diese Getränke in ihren Herkunftsländern ohne Süßstoff mit leichtbitterer Note genossen wurden, hatten die reichen und adligen Europäer – die zu den wenigen gehörten, die sich diesen Luxus leisten konnten – schon damals einen süßen Zahn und „würzten“ ihre Getränke mit einem ordentlichen Löffel Zucker. Von gesundheitlichen Bedenken oder der Warnung vor negativen Konsequenzen war man am französischen und englischen Königshof noch weitentfernt. Mediziner aus dem arabischen Raum wiesen gar auf die positiven Nebeneffekte des Konsums hin. Gelehrte wie der Perser Avicenna (980-1037) – der häufig mit dem Satz: „Was mich angeht, so hat mir alles, was süß ist, niemals geschadet!“, zitiert wird ­­– galten in der europäischen Medizin bis zum 17. Jahrhundert als richtungsweisend. Ernährungsberater und Superfood-Anhänger würden ob dieser Aussage heute nur vehement mit dem Kopf schütteln.

Grafik von Timo Mäule
Der Dreieckshandel vereinfacht dargestellt, Bild: Timo Mäule

Aber nicht nur wegen seines ambivalenten Rufs in der Gesundheitsbranche sollte man dem Alltagsprodukt Zucker historische Aufmerksamkeit schenken, sondern auch weil dessen Produktion untrennbar mit der Geschichte der Sklaverei verbunden war. Mit dem Bekanntwerden Amerikas und der karibischen Inseln durch Christoph Kolumbus 1492 nahm die Zuckerproduktion Fahrt auf. Historiker bezeichnen den entstehenden Handel über den Atlantik häufig als „Dreieckshandel“: Europa lieferte Manufakturprodukte, Alkohol und Schusswaffen, in Afrika wurden Arbeitskräfte versklavt, verkauft und nach Amerika verschifft und in Amerika fand sich das Zuckerrohr als Rohstoff. „Dreieckshandel“ sei hierfür allerdings ein verfehlter Begriff, meint die Künstlerin und Journalistin Nadja Ofuatey-Alazard. Er reihe versklavte Menschen „in eine Verwertungskette mit anderen Waren ein und bedient damit nicht nur die verachtende Logik der Kommodifizierung von Menschen, sondern verschleiert zugleich die prozessualen Ausmaße von Versklavung und deren rassistische Grundlage.“ Die unscheinbaren Kristalle in der kleinen Zuckerdose haben keine weiße Weste, sondern eine blutige Vergangenheit – die Zeit nach der Entdeckung Amerikas wird nicht ohne Grund Zeitalter des „Blutzuckers“ genannt.

Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich eine der karibischen Inseln, die französische Kolonie St. Domingue, das heutige Haiti, zum weltweit größten Exporteuer für Zucker entwickelt. Im Jahr 1770 wurden allein dort 60.000 Tonnen Zucker produziert – die Nachbarinsel Jamaika produzierte bei halber Fläche 36.000 Tonnen. In dieser Zeit erklärte der französische König Louis XV. die Porzellanmanufaktur Sèvres zum königlichen Lieferanten. Überall in Europa entstanden Porzellanmanufakturen, beispielsweise wurde auch im sächsischen Meißen eine Manufaktur gegründet. Sie ist bis heute weltweit bekannt für höchste Qualität und filigran gefertigtes Porzellan – wie früher das chinesische Porzellan aus Jingdezhen.

Ansicht einer Zuckerplantage, Bild: Historical postcard of Indonesia [Public domain]
Ansicht einer Zuckerplantage, Bild: Historical postcard of Indonesia [Public domain]

Die Mode des feinen Tischgeschirrs kam auf, da edle Gewürze und Zutaten aus fernen Ländern wie Kaffee, Tee, Kakao oder eben Zucker eine dementsprechend luxuriöse Präsentation verlangten. Doch wie so häufig bei begehrten Produkten hielt der Trend nicht lange an. Der Anthropologe Sidney Mintz bringt es auf den Punkt: „1650 eine Rarität, 1750 ein Luxusgut, wurde aus dem Zucker nach 1850 ein schlichter Bedarfsartikel.“ Während der Zucker sich zum Massenprodukt entwickelte und die Sklaverei im 19. Jahrhundert nach und nach abgeschafft wurde, blieben die schlechten Produktionsbedingungen erhalten. Erst als in Europa und Nordamerika der Rübenzucker den kolonialen Rohrzucker ablöste, wurde auch die Versklavung der Plantagenarbeiter beendet – als letztes in Brasilien im Jahr 1888.

 

Heute sind Zuckerdosen genauso erschwinglich wie der Zucker selbst, aber ihre edlen Vorgänger lassen erahnen, welchen Reichtum der heutige Feind gesunder Ernährung einst verkörperte.

Ein Beitrag von Carina Moser


Die Lizenz inklusive des Urhebers findet sich unter den Bildern.

Externe Links zu den gezeigten Bildern:

Oberes und mittleres Bild: 

(C) Timo Mäule (Institut)

Unteres Bild:

Page-URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sugar_Plantation.jpg

File-URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f7/Sugar_Plantation.jpg

(externe Website, letzter Zugriff: 30.06.2019)

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