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Opium: Eine Welt verfällt dem Rausch

 

 

 

"Die Droge der Entrückung tat ihre Wirkung, die Schwere wurde aufgehoben, und angenehme Vorstellungen, oft erotischer Art, erfüllten ihn. Darauf folgte die bleierne Müdigkeit und schließlich ein narkotischer Schlaf. Der Kater kam nach dem Erwachen und mit ihm der unüberwindliche Wunsch nach der nächsten Pfeife.“

 

 

 

So schildert Matthias Seefelder, ehemaliger Industriemanager, den physischen Effekt von Opium. Und wie auf den Rausch ein anschließender Kater folgt, so sind auch die Konsequenzen des Rauschmittels auf die Weltgeschichte verheerend. Wie kam es zur Kultivierung der Droge? Weshalb wurden wegen einer kleinen Pflanze zwei Kriege ausgetragen? Und was hatte die deutsche Hafenstadt Hamburg mit alldem zu tun? 

A smoker with huge head exhales cigar smoke which forms the Wellcome L0011076 Bild: Thomas Worth [CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)]

Erstmals schriftlich erwähnt wird Schlafmohn, die Pflanze aus dem Opium gewonnen wird, im 4. Jahrtausend vor Christus. Damals wurde sie in Ägypten bereits als nützliche Pflanze angebaut. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Bronzezylinder, die als Opiumpfeifen gedient haben sollen. Durch Schnitte in die unreife Samenkapsel des Schlafmohns setzt sich eine milchige Flüssigkeit ab, die später getrocknet als Rohopium geerntet werden kann. Neben den Ägyptern fanden die Römer großen Gefallen am sonderbaren Mittel, das der Gesundheit wie auch den kreativen Fähigkeiten diente. Von den Römern geliebt, war der Rausch den frühen Christen unheimlich. Voll Hoffnung auf die Erlösung im Jenseits mussten die Christen als Sünder das Leid auf Erden ertragen, eine Linderung durch Drogen war ihnen nicht gestattet.

Opium war schon lange Teil der chinesischen Kultur gewesen, doch erst im 17. Jahrhundert mit dem Aufstieg der europäischen Kolonialmächte fingen die Importe nach China rasant an zuzunehmen. Die Chinesen boten hochwertige Waren wie Porzellan, Seide oder Tee zum Handel an. Besonders der schmackhafte Tee erfreute sich in England im Laufe des Handels mit Kolonialwaren schnell großer Beliebtheit und gilt bis heute als Nationalgetränk der Insel.

 

Die Chinesen wiederum hatten weniger Interesse an den westlichen Produkten, da sie ihrer Meinung nach oft nicht die gleiche Qualität besaßen. Erst die East India Company fand einen Weg, den Handel mit China anzutreiben: statt mit Silber konnte man die chinesischen Exporte auch mit Opium bezahlen. Dieses Opium mussten bengalische Bauern im indischen Herrschaftsgebiet der Kompagnie anbauen, der Opiumexport wurde zu einer britischen Erfolgsgeschichte. Nicht lange, und die Droge entfaltete ihre Wirkung.

 

Zwischen 1820 und 1837 nahm der chinesische Opiumkonsum massiv zu und es entstanden unzählige Opiumhöhlen, in denen sich Millionen von Chinesen bewusstlos rauchten. Der chinesischen Regierung gelang es nicht mehr, die Verbreitung der Droge einzudämmen – das Land war dem Rausch verfallen.

1839 wurde daher ein kaiserliches Edikt verabschiedet, das Ausländern den Handel mit der Droge verbieten solle. Mehrere tausend Tonnen Opium sollten vernichtet werden. Dieser Entschluss löste den Ersten Opiumkrieg zwischen England und China aus (1839-1842). Die Niederlage Chinas sollte den zunehmenden Zerfall der kaiserlichen Macht mit sich gebracht haben, der den Zweiten Opiumkrieg (1856-1860) begründete. Letztlich konnten die Briten ihren Opiumexport nach China weiterhin durchsetzen und den europäischen Einfluss in China festigen, wie noch kein Land zuvor.

Neben der Legalisierung des Opiumhandels wurde den Kolonialherren erlaubt, christliche Missionen in China zu errichten. Diese halbkoloniale Regierung über das Reich brachte Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich das Ende der Qingdynastie mit sich.

Dieser von den Briten durchgesetzte Opiumkonsum hatte auch zur Folge, dass die Europäer sich ein neues Klischee vom Chinesen schufen. Für Johann Gottfried Herder glichen sie einer "einbalsamierten Mumie" (Johann Gottfried Herder), deren Drogenabhängigkeit sie faul und träge machte.

 

Doch diese Drogenpolitik schlug nach Europa zurück und die Opiumwelle fand auch hier ihre Opfer. Seeleute und chinesische Auswanderer verbreiteten sie in amerikanischen und europäischen Hafenstädten – auch in Hamburg, wo bald Opiumhöhlen entstanden. Oft waren es ausgerechnet Wäschereien und "Grünwarengeschäfte", wo illegal Opium konsumierbar war. In den neuen Opiumhöhlen berauschten sich bis zu 100 Menschen gleichzeitig an Opiumpfeifen und gaben sich dem giftigen Genuss völlig hin. Neben Hafenarbeitern waren es gerade Intellektuelle, die Gefallen am Rauschmittel fanden. Bis in die späten 1930er gab es zahlreiche Opiumhöhlen rund um Hamburg, durch polizeiliche Beschlagnahmungen und die sogenannte "Chinesenaktion" 1944 sollten die letzten Lokale beseitigt werden.

Bayer Heroin bottle Bild: Mpv_51 [Public domain]

Zu den verhafteten Personen zählten nicht nur chinesische Opiumschmuggler – es wurden regelrecht alle „asiatisch aussehenden Menschen“ in St. Pauli von der Gestapo festgenommen. Sie wurden in Gestapo-Gefängnissen qualvoll misshandelt, starben in Arbeitslagern der SS sowie im Konzentrationslager in Hamburg Neugamme. Hier mussten sie teilweise Drogenexperimente der KZ-Ärzte durchleiden.

 

Schnell erkannte man auch in Deutschland das Suchtpotenzial des Rauschmittels, vor allem nachdem Forschern die Isolierung des wichtigsten Inhaltsstoffes gelungen war: das Schmerzmittel Morphin. Trotz des weltweiten Verbots von Opium wurde bis heute kein Rauschmittel entdeckt, das Schmerzen so erfolgreich unterdrücken kann. Spätestens 1896 mit der synthetischen Gewinnung des Rauschgifts Heroin – damals noch als Schmerz- und Hustenmittel von dem Unternehmen Bayer verkauft – war die Gefahr der Pflanze im weltweiten Bewusstsein angekommen und lange dominierte das Rauschmittel den westlichen Drogenmarkt.

 

Deswegen ist es kaum verwunderlich, dass das Verbot des Opiumkonsums bis 1929 auf sich warten ließ, während Bayer den Handel erst 1958 komplett einstellte. England und die anderen Kolonialmächte zwangen mit dem Opium das chinesische Kaiserreich in die Knie und trieben China wirtschaftlich wie auch politisch in den Ruin. Mit blutigen Kriegen setzte England den Import einer Droge durch, um die eigene hegemoniale Stellung zu sichern und für totale Abhängigkeit Chinas zu sorgen. Die Rauchschwaden des Opiumgenusses hingen eine lange Zeit nach der Abhängigkeit noch in der Luft, mit den Folgen und der Demütigung hatte das Land Jahrzehnte danach noch zu kämpfen.

 

Ein Artikel von Jennifer Francke


Die Lizenz inklusive des Urhebers findet sich unter den Bildern.

Externe Links zu den gezeigten Bildern:

Oberes Bild: 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_smoker_with_huge_head_exhales_cigar_smoke_which_forms_the_Wellcome_L0011076.jpg

Unteres Bild:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bayer_Heroin_bottle.jpg

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