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Mussolinis Kolonialmuseum


Im Jahr 1923 eröffnete Benito Mussolini höchstpersönlich eine neue Ausstellung im Palazzo della Consulta, mitten in der römischen Altstadt. Neben kunstvoll gestalteten Waffen aus Äthiopien gab es ziegenlederne Tanzschuhe aus Eritrea und Malereien mit Szenen aus Somalia zu sehen. Das Museo Coloniale di Roma war ein Propagandaprojekt, das Italien als Kolonialmacht präsentierte.

„Roma imperiale“ – mit dieser faschistischen Verheißung versprach Benito Mussolini 1925 Rom zum zweiten Mal zum Zentrum eines Weltreichs zu machen. In dem Vorhaben, ein mare nostrum unter italienischer Vorherrschaft wieder zu beleben, kam der italienischen Kolonialpolitik eine bedeutende Rolle zu. Neuere Forschungen belegen, dass sich die Gebiete, die Italien seit 1912 auf dem afrikanischen Kontinent okkupierte, weder machtpolitisch noch ökonomisch relevant für dieses Projekt erwiesen. Vielmehr war der Kolonialbesitz in Afrika von symbolischem Wert für Mussolinis Großmachtfantasien.[1]

Heute arbeitet ein Team aus italienischen Museumsethnolog*innen bereits seit mehreren Monaten an einer Ausstellung über die Geschichte eben dieses Kolonialmuseums. Erste Ergebnisse sind jetzt im Museo delle Civiltà[2] im römischen EUR-Viertel als Intervention in der dortigen Dauerausstellung zu sehen. 

 

Museumsammlungen sind Wissensspeicher. Historische Artefakte und andere Objekte erzählen Geschichten über die Menschen und das Leben in vergangenen Zeiten. Wie Museen geführt werden und nach welchen Kriterien dort gesammelt und ausgestellt wird, ist immer auch Spiegel der politischen Funktion, die eine Gesellschaft ihrer Geschichte und ihren Geschichtsbildern zumisst. Die Sammlung des Museo Coloniale di Roma ist eine Quelle für die koloniale Geschichtspolitik, wie sie im faschistischen Italien seit den 1920er Jahren betrieben wurde. Benito Mussolinis Regime nutzte Ausstellungen dazu, eine eigene Geschichtserzählung zu konstruieren und dadurch die eigene Kolonialpolitik zu legitimieren.

 

Das Fundament des faschistischen Museumsprojekts bildete eine Sammlung, die bereits seit 1914 in Genua aufgebaut worden war.[3] Zeit ihres Bestehens trug die Sammlung über 12.000 Objekte aus den von Italien kolonisierten Gebieten, beispielsweise im heutigen Äthiopien, Eritrea, Libyen und Somalia, zusammen: Ausgrabungsfunde, Militaria, aber auch Gesichtsmasken aus Gips, die als rassenkundliche Anschauungsobjekte genutzt wurden, waren Teil der Sammlung. Vor allem aber waren es Gebrauchs- und Alltagsgegenstände, die den italienischen Besucher*innen „zu Hause“ das Leben in den Kolonien und deren wirtschaftliches Potenzial näherbringen sollten.

In den Räumlichkeiten des damaligen Kolonialministeriums – heutiger Sitz des italienischen Verfassungsgerichts – wurde eine Art „Mustermesse“[4] errichtet, die die verschiedenen Rohstoffe und Arbeitskräfte aus den eigenen Kolonien präsentierte.[5] Antike Ausgrabungsstücke aus Libyen wurden neben Modellen faschistischer Regierungsgebäude inszeniert – als Beleg für die Größe des römischen Imperiums „damals wie heute“. [6] Umbenannt in Museo dell‘Africa italiana, füllte es 1935 sechsunddreißig Ausstellungsräume.[7]

Blick in die Foyer-Ausstellung des Museo delle Civiltà. Bild: Anna Valeska Strugalla.
Blick in die Foyer-Ausstellung des Museo delle Civiltà. Bild: Anna Valeska Strugalla.

Die prokolonialpropagandistische Museumsarbeit wurde auch nach dem Ende des italienischen Faschismus 1943 weiterbetrieben: Auf die kriegsbedingte Schließung der Ausstellung 1939 bis 1945 folgte 1947 die Neueröffnung als Museo africano.[8] Nachdem das Kolonialministerium in Rom 1953 aufgelöst wurde, zog die Ausstellung noch mehrmals um, wurde in den 1970er Jahren eingelagert und geriet seitdem in Vergessenheit.[9]

Über eine Revision der Bestände aus Mussolinis Kolonialmuseum diskutiert die italienische Kulturpolitik bereits seit mehreren Jahren, 2016 entstand das konkrete Vorhaben, Objekte aus der Sammlung neu zu präsentieren. Seit 2017 sind die Bestände des ehemaligen Kolonialmuseums Teil der Sammlung des Museo delle Civiltà.[10]

Eine kleine Interventionsausstellung im Foyer des Hauses geht seit März 2022 exemplarisch auf die Geschichte des faschistischen Kolonialmuseums ein. Hier haben die zuständigen Kuratorinnen des Museums in mehreren Vitrinen und Objektpräsentationen die eigene Institutionsgeschichte zum Thema gemacht. Die Exponate und Informationstafeln, aber auch der Webauftritt des Museums dokumentieren einen Aufarbeitungsprozess „in the making“. Eine umfangreiche Präsentation über das Kolonialmuseum soll in den kommenden zwei Jahren realisiert werden.[11]

 

Neben einzelnen chronologischen Stationen liefert die Schau auch Einblicke in die historische Sammlungs- und Dokumentationsarbeit des eigenen Hauses: Ein aufgeklappt ausgestelltes Inventarbuch macht nachvollziehbar, mit welchen Informationen Objekte in die Sammlung aufgenommen wurden. Historische Fotografien des Museumsdepots geben eine Vorstellung davon, wie (dicht an dicht) Sammlungsgegenstände gelagert wurden. Eine Installation aus Inventar-Kärtchen gibt Aufschluss, wie Objekte gekennzeichnet und kategorisiert wurden. Die Ausstellungsstücke aus dem Museumsalltag vergangener Tage werden dabei wie Kunstobjekte präsentiert. Eine tiefergehende Kontextualisierung oder eine ergänzende Vermittlungsebene sind nicht Teil der Intervention.

 

Vitrine mit Fotografien, die so auch in der ehemaligen Kolonialausstellung gezeigt wurden (Museo delle Civiltà). Bild: Anna Valeska Strugalla.
Vitrine mit Fotografien, die so auch in der ehemaligen Kolonialausstellung gezeigt wurden (Museo delle Civiltà). Bild: Anna Valeska Strugalla.

So kann man selbst zwar keine Hand-On-Erfahrung an den Museumsdokumenten machen, erhascht aber einen Blick hinter die Kulissen des Museums, der zum Nachfragen anregt: Wie viele dieser Inventarbücher gibt es? Informationen liefert ein Inventarbuch? Wo lagern Museumsobjekte heute? Nach welchen Prämissen und in welchen Kategorien wurde gesammelt? Die Objektpräsentationen regen mehr Fragen an, als dass sie Informationen liefern – eine Präsentation eines Arbeitsstandes, offenbar.

Ganz konkret auf das ehemalige Kolonialmuseum bezieht sich die Ausstellung vor allem an einer Station: Hier werden Fotografien und Objekte ausgestellt, die so auch in der von Mussolini eröffneten Schau zu sehen waren: Gezeigt wird beispielsweise ein Kompass, den der Orientalist Enrico Cerulli auf seinen Erkundungsreisen 1927 in Äthiopien nutzte. Die Reise, die er unternahm, wird heute als Grundlage für die folgenden italienisch-äthiopischen Verträge gewertet. Fotografien aus der „Handels-Abteilung“ des Kolonialmuseums dokumentieren Fischereiszenen, wobei die Fischer vor allem als primitive Arbeiter dargestellt werden: so sind die Abbildungen allein mit der Anmerkung „il pescatore a corpa nuda“, also mit „der nackte Fischer“ versehen.[12]

 

Exkurs: Das Ethnologische Museum als Teil des EUR-Viertels

Auch ein ziemlich ramponiertes Modell des sogenannten EUR-Stadtviertels ist Teil der Ausstellung. Es lenkt den Fokus auf den historischen Ort, an dem das Museum heute steht: Der monumentale Museumsbau an der Piazza Guglielmo Marconi ist Teil jenes Areals, das Mussolini als Repräsentations-Quartier anlässlich der Weltausstellung 1942, der Esposizione Universale Romana, aus dem Boden stampfen ließ, das die Beständigkeit des faschistischen Regimes versinnbildlichen sollte und Rom „ans Meer“ (Roma al Mare!“[13]).[14] Dabei steht dieses Projekt nicht nur für den Versuch der Mussolini-Diktatur, die faschistische Ideologie und Lebensweise durch Architektur und Städteplanung in den Lebensalltag der Menschen zu implementieren, sondern auch für die Verdrängung der faschistischen Vergangenheit: Das Muster-Viertel blieb nach Mussolinis Tod und dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst unfertig stehen, bevor man in den 1950er Jahren ein Wohnviertel um die bereits bestehenden Prachtbauten anlegte. Das Papp-Modell der EUR verschwand im Depot – ein paar zentrale Orte hatte man aus unbekannten Gründen herausgebrochen (vgl. Abb. 3).

Das zukünftige Museo italo africano ‚Ilaria Alpi‘ soll nach der italienischen Journalistin benannt werden, die 1994 im Alter von 32 Jahren während eines Auslandsaufenthalts in Somalia erschossen wurde. Sie war damals in das ostafrikanische Land gereist, um über mögliche Waffentransporte zwischen Italien und Somalia zu recherchieren. Ihr Name steht für einen Generationenwechsel in der Museumsarbeit und will die heutigen Beziehungen zwischen Italien und den ehemals kolonisierten Regionen in den Vordergrund rücken.

Das geplante Museum wird die gleichen Objekte zeigen, die auch 1923 in der Propaganda-Ausstellung zu sehen waren, so erklärt es eine der zuständigen Kurator*innen, Gaia Delpino, des Museo delle Civiltà gegenüber einer Journalistin der Neuen Zürcher Zeitung. Jedoch wollen sie die Stücke anders präsentieren und kritische Fragen an sie richten.[15]

 

Wann genau das neue Museum eröffnet, ist noch nicht kommuniziert. Laut Delpino sei für Interessierte bis dahin aber auch eine Besichtigung im Lager möglich.[16]

 

Ein Beitrag von Anna Valeska Strugalla


Literatur:

Bauer, Franz J.: Rom im 19. und 20. Jahrhundert. Konstruktion eines Mythos, Regensburg 2009.

Blogbeitrag auf dem Blog des Museo delle Civiltà: „Depositi aperti“, 28.10.2021, unter: https://museocivilta.cultura.gov.it/depositi-aperti-news/ (30.12.2022). 

Delpino, Gaia: Un museo di propaganda, un museo chiuso e occultato, un museo da rimeditare e riaprire: dal Museo coloniale al Museo italo africano “Ilaria Alpi”, unter: https://www.asaiafrica.org/blacklivesmatter-italia-asai/un-museo-di-propaganda-un-museo-chiuso-e-occultato-un-museo-da-rimeditare-e-riaprire-dal-museo-coloniale-al-museo-italo-africano-ilaria-alpi/ (30.12.2022)

Wysling, Andres: Rom: Kolonialgeschichte im Magazin des Museo Italo Africano, in: NZZ, unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/rom-kolonialgeschichte-im-magazin-des-museo-italo-africano-ld.1632405 (30.12.2022). 

 

Fußnoten:

[1] Vgl. Bauer, Franz J.: Rom im 19. und 20. Jahrhundert. Konstruktion eines Mythos, Regensburg 2009, S. 267.

[2] Das ethnologische Museum Roms wurde 1876 als Museo Nazionale Preistorico Etnografico gegründet.

[3] In der „Esposizione internazionale di marina e igiene marinara – Mostra coloniale italiana di Genova“.

[4] Vgl. Wysling, Andres: Rom: Kolonialgeschichte im Magazin des Museo Italo Africano, in: NZZ, unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/rom-kolonialgeschichte-im-magazin-des-museo-italo-africano-ld.1632405 (30.12.2022).

[5] Vgl. Delpino, Gaia: Un museo di propaganda, un museo chiuso e occultato, un museo da rimeditare e riaprire: dal Museo coloniale al Museo italo africano “Ilaria Alpi”, unter: https://www.asaiafrica.org/blacklivesmatter-italia-asai/un-museo-di-propaganda-un-museo-chiuso-e-occultato-un-museo-da-rimeditare-e-riaprire-dal-museo-coloniale-al-museo-italo-africano-ilaria-alpi/ (30.12.2022).

[6] Wysling, Andres: Rom: Kolonialgeschichte im Magazin des Museo Italo Africano, in: NZZ, unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/rom-kolonialgeschichte-im-magazin-des-museo-italo-africano-ld.1632405 (30.12.2022).

[7] Vgl. Eingangstafel, Foyerausstellung Museo delle Civiltà.

[8] Vgl. Eingangstafel, Foyerausstellung Museo delle Civiltà.

[9] Vgl. Wysling, Andres: Rom: Kolonialgeschichte im Magazin des Museo Italo Africano, in: NZZ, unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/rom-kolonialgeschichte-im-magazin-des-museo-italo-africano-ld.1632405 (30.12.2022).

[10] Delpino, Gaia: Un museo di propaganda, un museo chiuso e occultato, un museo da rimeditare e riaprire: dal Museo coloniale al Museo italo africano “Ilaria Alpi”, unter: https://www.asaiafrica.org/blacklivesmatter-italia-asai/un-museo-di-propaganda-un-museo-chiuso-e-occultato-un-museo-da-rimeditare-e-riaprire-dal-museo-coloniale-al-museo-italo-africano-ilaria-alpi/ (30.12.2022), Fußnote 5. Vgl. auch https://museocivilta.cultura.gov.it/depositi-aperti-news/ (13.01.2023).

[11] Auskunft der Museumsinformation an die Autorin, 23. Dezember 2022.

[12] Vgl. Vitrine in der Ausstellung, Abb. 2.

[13] Bauer, Franz J.: Rom im 19. und 20. Jahrhundert. Konstruktion eines Mythos, Regensburg 2009, S. 269.

[14] Vgl. Bauer, Franz J.: Rom im 19. und 20. Jahrhundert. Konstruktion eines Mythos, Regensburg 2009, insbesondere Kapitel III „Monumental und modern: E 42/ EUR – Ein Viertel für ein Viertes Rom.

[15] Vgl. Wysling, Andres: Rom: Kolonialgeschichte im Magazin des Museo Italo Africano, in: NZZ, unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/rom-kolonialgeschichte-im-magazin-des-museo-italo-africano-ld.1632405 (30.12.2022).

[16] Vgl. Wysling, Andres: Rom: Kolonialgeschichte im Magazin des Museo Italo Africano, in: NZZ, unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/rom-kolonialgeschichte-im-magazin-des-museo-italo-africano-ld.1632405 (30.12.2022).


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