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Neurechter Mythos? Die Brüder Hepp in Tübingen

Das Milieu der „Neuen Rechten“ gilt als eher undurchsichtiges Forschungsgebiet. Wissenschaftler*innen, die im politischen Spektrum links von rechts stehen, wird wenig Zugang zur rechts-intellektuellen Szene gewährt. Die Quellen rechter Literatur sind durchdrungen von ideologischem Gedankengut. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Ideologie verschwimmen. Bei einer Recherche zu einem neurechten Netzwerk in Süddeutschland stößt man dabei schonmal auf verschiedenste Ungereimtheiten. Ein Recherche-Resümee.

Zeichung von Marcel Hepp. Bild: Zeichnung von Timo Mäule, angelehnt an eine Fotografie.**
Zeichung von Marcel Hepp. Bild: Zeichnung von Timo Mäule, angelehnt an eine Fotografie.**

 

Recherchiert man zum Thema Neue Rechte in und um Tübingen, tauchen bereits bei der ersten Google-Suche zwei Namen auf: Marcel und Robert Hepp, beides ehemalige Studenten an der Universität Tübingen. Die auffindbare Literatur zu den Brüdern ist rar und stammt größtenteils aus einer Quelle, dem Autorennetzwerk der als nationalkonservativ zu bezeichnenden Zeitschrift Sezession. In diesen Artikeln werden besonders die Errungenschaften des Marcel Hepp herausgestellt. Durch Verbindungen zu anderen rechten Vorbildern, wie beispielsweise Armin Mohler, sollte er im Verlauf seines Lebens zum persönlichen Referenten und angeblich auch engen Freund von Franz Joseph Strauß werden.[1]

 

 

Die Brüder Hepp hatten den in der konservativen Szene populären Autor Mohler schon vor ihrem Studium an der Universität kennengelernt. Er war durch seine Dissertation „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ bekannt geworden und sollte später eine Art Mentor für Marcel Hepp werden. Außerdem prägte er den Terminus der Konservativen Revolution als Sammelbegriff für die antidemokratische Entwicklung der Weimarer Republik vor deren Ende.[2] Er stand zudem mit Carl Schmitt in Kontakt, einem nationalsozialistischen Staatsrechtler, der in Nazideutschland am Entwurf der Nürnberger Gesetze beteiligt gewesen war und beinahe wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei den Nürnberger Prozessen angeklagt worden wäre.[3] Schmitt hatte sich in einem Briefwechsel mit Mohler über Marcel Hepp erkundigt und schien Potenzial in ihm zu sehen.[4] Folgt man diesem Narrativ, hatten die Brüder Hepp bereits im Jahre 1959 an der Universität Tübingen eine rechte Studentenvereinigung mit dem Namen Katholische Front gegründet.[5]

 

 

Hier wurde es bei der Recherchearbeit nun wirklich interessant: Eine rechte Studentengruppe an der Universität Tübingen – dafür müssten sich doch Nachweise finden lassen. Vielleicht taugt die Studentengruppe sogar für einen Blogbeitrag auf Historischer Augenblick? Als dann bei der ersten Suche auch noch eine Fußnote in dem von Armin Mohler herausgegebenen Buch „Carl Schmitt - Briefwechsel mit einem Schüler“[6] auftauchte, die Näheres zur Geschichte der Vereinigung an der Universität preisgab, begannen die Nachforschungen in den Uniarchiven. In der Fußnote heißt es unter anderem:

 

 

„Die ‚Katholische Front‘, später ‚Konservative Front‘, war ein Werk der Brüder (Karl) Marcel Hepp (1936-1970) und Robert Hepp (geb. 1938) aus dem oberschwäbischen Dorf Langenenslingen (zu dem verwaltungsmäßig auch Wilflingen gehört). Es handelt sich um eine 1959 an der Universität Tübingen gegründete rechte Studentenbewegung, die sich im gleichen Jahr auf Druck des Bischofs von Rottenburg aus einer ‚Katholischen‘ in eine ‚Konservative Front‘ umwandeln mußte [sic!]. […]“.[7]

 

 

Im Tübinger Universitätsarchiv fand sich jedoch nichts Eindeutiges zu einer Katholischen oder Konservativen Front.[8] Weder die in einem Sezessions-Artikel genannten Flugblätter[9] noch ein Existenznachweis in den Auflistungen ehemaliger und aktueller Verbindungen und Bewegungen. In der Chronik der Studentenbewegungen der 68er, die auch die 50er Jahre umfasst existiert kein Nachweis.[10] Nur in einer Biografie von Götz Schmidt fand sich schließlich ein Verweis auf eine Veranstaltung, die um 1960 in Tübingen zum Thema „Die konservative Revolution“ stattgefunden hatte. Dieser Nachweis belegt allerdings nicht mehr als einen Veranstaltungsabend unter der Bezeichnung Konservative Front und legt zudem nahe, dass es sich bei der Front nur um ein einmaliges Unterfangen der beiden Brüder Hepp gehandelt habe, deren Aktionen nie stattgefunden hätten.[11] Letztendlich blieb noch eine Möglichkeit eines Nachweises offen: Sollte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart tatsächlich der Bezeichnung Katholische Front widersprochen haben, müsste es dafür eventuell ein schriftliches Zeugnis geben. Solch eine Intervention der Kirche würde zudem dem Anspruch der Sezession-Autoren gerecht, die Bewegung als wichtige rechtskonservative Gruppierung in Tübingen anzuerkennen. Das Archiv der Diözese fand allerdings keinerlei Notiz zu solch einem Vorgang in den 50er Jahren. In den von der Diözese herangezogenen Aktengruppen zum Hochschulwesen „insbesondere zur Hochschulseelsorge an der Universität Tübingen, sowie zu (katholischen) studentischen Verbindungen und politischen Gruppierungen“[12] wurde keinerlei Verweis auf die Katholische oder Konservative Front gefunden.

 

 

Also alles nur Mythos? 

 

Nein, vermutlich nicht – wäre es doch dreist eine konservative Studentenbewegung mehrerer Personen nur zur Mythos-Generierung eines Marcel Hepps zu erfinden. Schließlich könnte so etwas irgendwann einmal auffliegen. Vermutlich handelte es sich um eine eher kleine Bewegung, ohne Durchschlagskraft und mit wenigen Mitgliedern – mehr um einen Freundeskreis, der einer Bezeichnung als Bewegung nicht festzuhalten wert war?

 

Eines zeigt der Fall ganz deutlich auf: Was wahr und was erfunden ist, kann man nicht mehr unterscheiden. Der Nachweis für die Existenz der Bewegung kann vermutlich nur durch Zeitzeugen erbracht werden. Ob die Hepps also schon von ihrem Studium an als zukünftige Vordenker der Neuen Rechten taugten, bleibt fraglich. Die Spuren verlaufen im Sand. Doch sollte man dann noch an den Mythos einer konservativen Bewegung unter Leitung der beiden rechten Studenten glauben?

 

Ein Kommentar von Timo Mäule


Überblick zum Thema Neue Rechte: https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/284268/was-die-neue-rechte-ist-und-was-nicht  (externer Link, letzter Zugriff 26.02.2020)


Ich danke im Speziellen dem Universitätsarchiv Tübingen, dem Archiv der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Sarah Elisabeth Huber für die Unterstützung bei der Recherche.


Fußnoten:

[1] Vgl. Weiß, Volker: Er forderte die Revolution von rechts. In: DIE ZEIT ²⁹2016.

[2] Vgl. Pfahl-Traughber, Armin: Die „Neue Rechte“ in Frankreich und Deutschland. Zur Entwicklung einer rechtsextremistischen Intellektuellenszene. Internet Archive 2009, letzter Zugriff am 24.02.2020: https://web.archive.org/web/20091211072619/http://www.polwiss.fu-berlin.de/fsi/bernie/rrtraughber.htm

[3]  Vgl. Wieland, Claus Dietrich: Carl Schmitt in Nürnberg (1947). In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Heft 1 (1987), S. 96–122.

[4] So in: Carl Schmitt an Armin Mohler, Brief vom 19.01.1960.

[5] So z.B. dargestellt in: Wegner, Nils: Alter Rechter, junger Rechter, kein Rechter – Mohler, Hepp, Strauß. In: Sezession 67 (2015).

[6] Schmitt, Carl: Brief 225. In: Armin Mohler (Hg.): Carl Schmitt – Briefwechsel mit einem seiner Schüler.

[7] Ebd. S. 268f.

[8] Durchsucht wurden: Flugblattsammlungen (UAT S 3 und UAT S 4), Akademisches Rektoramt (UAT 117E) im Speziellen (durch Sichtung) UAT 117E/2744, UAT 117E/2745, UAT 117E/2746 und UAT 117E/2747, sowie die Datenbank des Archivs für alternatives Schrifttum (http://afas-archiv.de/) (externer Link, letzter Zugriff am 26.05.2020). (Recherche-Stand: 26.05.2020). Eine weitere Recherche ist bei neuen Indizien vorgesehen.

[9] Vgl. Wegner, Nils: Alter Rechter, junger Rechter, kein Rechter – Mohler, Hepp, Strauß. In: Sezession 67 (2015), S. 9.

[10] Vgl. Wischnath, Michael (Ed.): Studentenbewegung und studentischer Protest in Tübingen »1968« – Eine Chronik. Tübingen 2009.

[11] Schmidt, Götz: Siebenknie. Eine Kindheit und Jugend in Kriegs- und Nachkriegszeit. Norderstedt 2016, S. 172f.

[12] Zitiert aus Geschäftszeichen: DAR_761.61/18 der Diözese Rottenburg-Stuttgart des Bischöflichen Ordinariats, Archiv. Die gesamte Mitteilung ist bei Angabe Ihres Namens abrufbar. Siehe unten.*

 

Achtung: Bei der in den Fußnoten angegebenen Literatur kann es sich teilweise um ideologisch geprägte Schriften handeln. Bitte beachten Sie dies bei Ihrer Recherche.


*Die Pressemitteilung in Schriftform liegt derzeit nicht zur öffentlichen Publikation vor. Bei Wunsch nach Einsicht schreiben Sie uns eine E-Mail. Wir werden die Genehmigung zur Veröffentlichung dann bei der Diözese anfragen. 

**gezeichnet und anschließend überarbeitet unter der fotografischen Vorlage aus dem Artikel: DER SPIEGEL 6/1969 'Dümmlich verschleiert'. TPM. Im Sinne des Art. 5 Abs. 3 GG.


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