Frauen werden in der Darstellung von Kriegen und Genoziden meist nur als Opfer dargestellt. Das trifft auch für den Genozid in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwest-Afrika zu. Aber waren etwa die Herero-Frauen nur passive Opfer? Inwiefern besaßen sie geschlechterspezifische Handlungsspielräume und wie leisteten auch sie Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft?
Im Mittelpunkt steht die kritische Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung indigener Frauen als passive Akteurinnen kolonialer Gewalt. Aus historischer und geschlechtertheoretischer Perspektive heraus wird gezeigt, wie Herero-Frauen gesellschaftliche Verantwortung trugen, geschlechterspezifische Handlungsspielräume nutzten und spezifische Formen des Widerstands gegen die deutsche Kolonialherrschaft entwickelten.
Hinweis: In diesem Beitrag wird von einem binären Geschlechtersystem ausgegangen, da es in den Quellen so vorgegeben wird.

Historischer Kontext - Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika
Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika wurde 1883 durch erste Erwerbungen von deutschen Kaufleuten an der südwestlichen Küste begründet.[1] Als Reaktion auf deutsche Emigrationswellen sollte sie zu einem attraktiven Ziel für deutsche Siedler werden. Von Anfang an wurde deshalb Deutsch-Südwestafrika als ein Ort stilisiert, an dem deutsche Bürger*innen wieder zu einem „einfacheren“ Leben, wie in vorindustriellen Zeiten, zurückkehren konnten.
Mit den ab 1884 geschlossenen Schutzverträgen zwischen einzelnen Chiefs und der deutschen Kolonialverwaltung wurde die „Schutzherrschaft“ über Deutsch-Südwestafrika offiziell durchgesetzt. Während der deutschen Kolonial-Herrschaft brach am 12. Januar 1904 der sogenannte „Herero-Krieg“ als Teil eines größeren Krieges der deutschen Kolonialmacht gegen mehrere Völker Zentralnamibias aus.Dabei wurde ein Genozid an Herero und Nama verübt. [2] Obwohl sich der Beginn 2024 schon zum 120. Mal jährte, erfolgte die Anerkennung der Kolonialverbrechen als Genozid erst sehr spät (2022). [3] Dieser Umstand allein verweist bereits auf den langwierigen Prozess der Aufarbeitung deutscher Kolonialherrschaft und der unter ihr begangenen Verbrechen. Dabei lässt sich vor allem bei der Thematisierung des Genozids eindeutig feststellen, dass die Betroffenen oft „nur“ als Opfer wahrgenommen werden - ihnen wird ihre Handlungsmacht, ihre „Agency“ abgesprochen. In der öffentlichen Meinung und in vielen geschichtswissenschaftlichen Darstellungen beschränkt sich die Auseinandersetzung mit dem Thema Widerstand noch sehr häufig auf männliche Widerstandsformen [4] und indigene Frauen werden in „[...] passive and dependent social roles“ [5] gedrängt. Um die damit vorgenommene Reproduktion von kolonialen Denkmustern zu verhindern, wird im folgenden Beitrag der Widerstand gegen die Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika am Beispiel der Herero-Frauen untersucht. Der Fokus ergibt sich zum einen durch die Quellenlage und zum anderen durch die besondere Betroffenheit dieser Gruppe in Bezug auf die Kolonialpolitik in Deutsch-Südwestafrika. Dabei soll vorab an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass alle namibischen Communities, nicht nur Herero und Nama, von der Kolonisierung betroffen waren und es nach wie vor sind. [6]
Herero-Frauen als Akteurinnen
Vor der Kolonisierung nahmen Herero-Frauen eine zentrale gesellschaftliche Position innerhalb ihrer Community ein. Bereits in der Mythologie der Entstehungsgeschichte der (Ova-)Herero wird die Stellung der Frauen deutlich: „As the first to emerge was the woman Kamangarunga, the women in the Ovaherero are traditionally the head of the family.“ [8] Kamanagarungas Tochter Kazu wird außerdem als „[...] original mother of the Ovaherero people […]“ [9] beschrieben.
Der Mythos zeigt, welche wichtige Rolle Frauen in der Spiritualität der Herero spielten: Sie wurden als traditionelles „Oberhaupt der Familie“ beschrieben. [10] Das spiegelt sich auch darin wider, dass die Ethnologie die Ovaherero als eine matrilineare Gesellschaft beschrieb, bei der die Mutterlinie niemals enden konnte. [11] Ein besonderer Fokus wurde also auf die Rolle von Frauen als Mütter gelegt. Es sei eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe „neues Leben zu schenken“. Deutlich wird das beispielsweise auch in der überliefernten (Nach-)Erzählung eines jungen Herero Mädchens, das den Genozid überlebte und das sich nach der Ermordung ihrer Eltern an die eindringlichen Worte ihrer Mutter erinnerte:
„Nobody else owns your life; you are obliged to keep it and remember that you are to be a mother one day. Never give your life away easily because you are obliged to give life to others.“ [12] Ihre Mutter hatte sie dazu angehalten, niemals aufzugeben und das Leben weiter zu geben.
Aufgaben und Stellung von Herero Frauen waren dabei auch untrennbar mit Orten und ihrer zugrundeliegenden Organisation verbunden, besonders wichtig waren dabei die Heimstätten von Herero-Familien. [13] Diese Heimstätten bestanden aus mehreren Hütten, etwas entfernt wurde auf der Weidefläche das Vieh gehalten. Dabei galt die Weidefläche als Allgemeingut und konnte nicht zum Besitz Einzelner werden. [14] Die kleinen Hütten, die so genannten „Onjou“ [15], wurden von den Frauen erbaut und ihnen auch allgemein zugeordnet. [16]
Herero Frauen konnten also eigenen Besitz haben, diesen verwalten und vererben und galten im Vergleich mit anderen Communities in Namibia vor der Kolonisierung durch die Deutschen als relativ gut gestellt. [17] Die ihnen dabei zugeordnete Mutterrolle war besonders wichtig: Kinder zu bekommen, wurde als zentrale Lebensaufgabe beschrieben und Herero-Frauen wurden sozial an diesen Erwartungen gemessen.

Der "Herero-Krieg"
Ein besonders brutales und einschneidendes Kapitel der deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika waren der Krieg und der darin verübte Genozid. Bereits in den von beiden Konfliktparteien benannten Gründen, die zum Ausbruch des Krieges führten, werden genderspezifische Aspekte deutlich. Beide erhoben schwerwiegende Vorwürfe von sexualisierter Gewalt: Auf Seite der Herero wurden sie zur Legitimation des Kriegs angeführt, auf deutscher Seite waren sie oft Propaganda. Dabei wurden sowohl die weiblichen als auch die männlichen Mitglieder der afrikanischen Bevölkerung als „sexuelle und politische Aggressoren gebrandmarkt“ [18], vor allem Herero und Nama. Am 12. Januar 1904 überfielen bewaffnete Herero-Kämpfer unter der Führung von Samuel Maharero Farmen und Ortschaften von Siedlern, über 120 Menschen wurde dabei ermordet. Außerdem sabotierten sie Eisenbahnlinie, zerstörten Brücken und belagerten zentrale Orte, darunter Windhoek. [17] Anfangs waren die deutschen „Schutztruppen“ deutlich unterlegen, im Laufe des Krieges wurde allerdings weitere Unterstützung aus dem deutschen Kaiserreich entsandt. In der Schlacht am Waterberg im Sommer 1904 fiel schließlich die Entscheidung über den Ausgang des Krieges. Zuvor hatten deutsche Truppen unter dem Kommando von Generalleutnant Lothar von Trotha die Herero am Waterberg weitergehend eingekreist. Erklärtes Ziel war die Vernichtung der Herero und zu einem späteren Zeitpunkt auch der Nama. [18] Der Großteil der Herero versuchte noch während der Kämpfe in die angrenzende Omaheke-Wüste zu fliehen. Viele von ihnen wurden erschossen, außerdem wurden die lebensnotwendigen Wasserstellen und Fluchtwege durch die deutschen Truppen besetzt. Tausende Herero starben in der Wüste durch den gezielt herbeigeführten Tod durch Verhungern, Verdursten oder Entkräftung. Dieser Vernichtungsfeldzug wurde erst im Dezember 1904 beendet. Überlebende Herero und Nama wurden in Folge dessen in Konzentrationslager interniert und dort zur Zwangsarbeit eingesetzt und waren menschenverachtenden Bedingungen ausgesetzt. [19]
Die Lebensrealitäten und Räume aller betroffenen Communities wurden auf brutalste Weise zerstört und besetzt. Im Kampf um Leben und Tod ergaben sich andere Aufgaben, jeder und jede musste eine neue Rolle übernehmen. Wie aber sollten Herero-Frauen angesichts dieser kollektiven Gewalt überhaupt noch irgendeine Form von Widerständigkeit entwickeln können? Dazu mehr im zweiten Teil des Beitrags: Weiblicher Widerstand in Deutsch-Südwestafrika (2/2).
Ein Beitrag von Heriett Müller
Fußnoten:
[1] Häussler, Matthias / Eckl, Andreas: Dekolonisieren heißt differenzieren. Die komplexe Vernichtungsgeschichte der OvaHerero und Nama. In: Häussler, Matthias (Hrsg.): Staatlichkeit und Gewalt im kolonialen Namibia (1883–1915). Akteure und Prozesse, Weilerswist 2024, S. 25.
[2] Krüger, Gesine: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907. In: Berding, Helmut (Hrsg.): Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 133, Göttingen 1999, S. 45.
[3] Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Zur Anerkennung kolonialen Unrechts als Völkermord. Intertemporales Völkerrecht im Kontext des deutsch-namibischen Versöhnungsabkommens (WD 2-3000-094/22). Berlin 2023.
[4] Gebhardt, Mareike: Widerstand. Kritische Perspektiven auf die Politische Theorie und Ideengeschichte. In: Klapeer, Christine M. (et al.): Perspektiven der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung, Opladen, Berlin, Toronto 2024, S. 157–167, hier 158.
[5] Leuning, Cheryl Joy: Protecting hearth and health: Herero women’s sacred calling and secret burden, Utah 1992, S. 47.
[6] Ohle, Yaşar: Landrecht als koloniales Herrschaftsmittel in Namibia, in: KJ Kritische Justiz 55 (2022), S. 14-26, hier 21-26.
[7] Katjivena, Uazuvara Ewald Kapombo: Mama Penee. Transcending the Genocide, Windhoek 2020, S. 4.
[8] Katjivena 2020, S. 4.
[9] Vedder, Heinrich: Das alte Südwestafrika. Südwestafrikas Geschichte bis zum Tode Mahareros 1890, Berlin 1934, S. 44.
[10] Katjivena 2020, S. 29.
[11] Katjivena 2020, S. 17.
[12] Vedder 1934, S. 44f.
[13] Vedder, S. 46; Leuning 1992, S. 44.
[14] Leuning 1992, S. 44.
[15] Vedder, Heinrich, 1934, S. 45.
[16] Silvester, Jeremy / Gewald, Jan-Bart: Words cannot be found: German Colonial Rule in Namibia. An annotated reprint of the 1918 Blue Book, Leiden, Boston 2010, S. 63.
[17] Kundrus, Birthe: Weiß und herrlich. Überlegungen zu einer Geschlechtergeschichte des Kolonialismus. In: Friedrich, Annegret (Hrsg.): Projektionen. Rassismus und Sexismus in der visuellen Kultur, Marburg 1997, S. 41–50, hier 44.
[18] Scriba, Arnulf: Der Herero-Krieg 1904, in: LeMO – Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum, zuletzt aufgerufen am 29. Oktober 2025, URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/herero-krieg-1904 (Stand: 4. August 2016). (externer Link)
[19] Trotha, Lothar von, zit. n.: Drechsler, Horst: Let us die fighting. The struggle of the Herero and Nama against German Imperialism (1884-1915), London 1966, S. 156f.
[20] Scriba, 2016.
Nachweise:
Gebhardt, Mareike: Widerstand. Kritische Perspektiven auf die Politische Theorie und Ideengeschichte. In: Klapeer, Christine M. (et al.): Perspektiven der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung, Opladen, Berlin, Toronto 2024, S. 157–167.
Häussler, Matthias / Eckl, Andreas: Dekolonisieren heißt differenzieren. Die komplexe Vernichtungsgeschichte der OvaHerero und Nama. In: Häussler, Matthias (Hrsg.): Staatlichkeit und Gewalt im kolonialen Namibia (1883–1915). Akteure und Prozesse, Weilerswist 2024.
Katjivena, Uazuvara Ewald Kapombo: Mama Penee. Transcending the Genocide, Windhoek 2020.
Krishnamurthy, Sarala, Mlambo, Nelson, Writing Namibia - Coming of Age, Basel 2022.
Krüger, Gesine: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907. In: Berding, Helmut (Hrsg.): Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 133, Göttingen 1999.
Kundrus, Birthe: Weiß und herrlich. Überlegungen zu einer Geschlechtergeschichte des Kolonialismus. In: Friedrich, Annegret (Hrsg.): Projektionen. Rassismus und Sexismus in der visuellen Kultur, Marburg 1997, S. 41–50.
Leuning, Cheryl Joy: Protecting hearth and health: Herero women’s sacred calling and secret burden, Utah 1992.
Ohle, Yaşar: Landrecht als koloniales Herrschaftsmittel in Namibia, in: KJ Kritische Justiz 55 (2022), S. 14-26.
Scriba, Arnulf: Der Herero-Krieg 1904, in: LeMO – Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum, zuletzt aufgerufen am 29. Oktober 2025, URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/herero-krieg-1904 (Stand: 4. August 2016). (externer Link)
Silvester, Jeremy / Gewald, Jan-Bart: Words cannot be found: German Colonial Rule in Namibia. An annotated reprint of the 1918 Blue Book, Leiden, Boston 2010.
Vedder, Heinrich: Das alte Südwestafrika. Südwestafrikas Geschichte bis zum Tode Mahareros 1890, Berlin 1934.
Bilder:
*Abb. 1: Deutsch-Südwest-Afrika - zeitgenössische Karte, Bild: Anonym Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lange_diercke_sachsen_afrika_ehemalige_schutzgebiete_suedwestafrika.jpg (29.10.2025).
**Abb. 2: Das Genozid-Denkmal in Windhoek erinnert an den Völkermord, Foto: IUM 240052021, Liberation Statue (Windhoek-Namibia)“, Wikimedia Commons, CC BY 4.0 URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Liberation_Statue_(Windhoek-Namibia).jpg (29.10.2025).
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