„Menschen machen Demokratie“ – unter diesem Motto verbindet die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus zeitgeschichtliche Forschung mit Demokratiebildung. Die überparteiliche Bundesstiftung mit Sitz in Stuttgart erinnert an das Wirken des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss und der ersten First Lady Elly Heuss-Knapp. Neben klassischer Archiv- und Editionstätigkeit, einem Forschungskolloquium und einem breit gefächerten Veranstaltungsprogramm betreibt sie ein eigenes Museum im letzten Wohnhaus von Theodor Heuss am Killesberg und möchte dort zum Nachdenken und zum Austausch über die Demokratie anregen.
Dr. Thorsten Holzhauser ist seit Anfang 2025 Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Stiftung. Seine Themenschwerpunkte als Historiker umfassen unter anderem die Geschichte des Liberalismus und der deutschen Parteienlandschaft. Im Interview berichtet er über seinen Berufsalltag an einer Politikergedenkstiftung und die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen für die Demokratiebildung.


Herr Holzhauser, Sie haben Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik studiert und anschließend als Doktorand und Post-Doc zur deutschen Parteien- und Demokratiegeschichte geforscht. Was hat Sie zur Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus gebracht?
Ich war 16 Jahre lang an der Universität – als Student, Doktorand und Post-Doc. So toll diese Arbeit ist, wollte ich nach der langen Zeit doch einmal etwas Anderes ausprobieren, stärker team- und öffentlichkeitsorientiert arbeiten. Dazu kommt aber auch: Die Arbeitsbedingungen an deutschen Universitäten sind alles andere als optimal. Eine forschungsnahe Stiftung wie das Theodor-Heuss-Haus an der Schnittstelle von Öffentlichkeit, Bildung und Wissenschaft ist da sehr attraktiv.
Die Stiftung wurde 1994 vom Bundestag als eine von heute sieben Politikergedenkstiftungen des Bundes gegründet. Was zeichnet die Arbeit an einer überparteilichen Bundesstiftung des öffentlichen Rechts im Vergleich mit anderen Stiftungen aus?
Das kommt ein bisschen darauf an, mit welcher Art von Stiftung man uns vergleicht. Im Unterschied zu den parteinahen Stiftungen sind wir tatsächlich überparteilich verfasst. Unsere Aufgabe ist es nicht, politische Bildung für eine bestimmte politische Parteirichtung zu machen. Im Unterschied zu privaten Stiftungen wiederum sind wir eine öffentliche Institution, sind öffentlich finanziert und werden entsprechend auch kontrolliert.
Seit einem Jahr sind Sie Geschäftsführer der Stiftung, zuvor waren Sie als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Was sind Ihre Aufgabenbereiche und wie sieht Ihr Berufsalltag seitdem aus? Was war die größte Umstellung für Sie?
Die größte Umstellung liegt sicher darin, dass mein Aufgabenfeld sehr viel umfangreicher geworden ist. Ich schreibe hier und da auch weiterhin Texte, gebe Bücher heraus oder plane Veranstaltungen. Als Geschäftsführer ist man aber auch sehr viel mit Personalgesprächen, Finanzfragen und mit strategischen Planungen beschäftigt. Zudem ist man als Kommunikator gefragt – in die Öffentlichkeit, zu Medien und zur Politik.
Welche Eigenschaften empfinden Sie als besonders hilfreich für Ihre Tätigkeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Public History?
Das Wichtigste ist, die Relevanz der Themen über das eigene Fach hinaus kommunizieren zu können. Das klappt meistens dann am besten, wenn man Anknüpfungspunkte zur Gegenwart findet.

Im Interview auf dem Theoblog, dem wissenschaftlichen Blog der Stiftung, haben Sie erklärt, dass Sie ein „offenes Haus“ gestalten möchten. Was bedeutet offen für Sie?
Zweierlei: Mir ist es wichtig, dass wir offen an unsere Gegenwart herangehen und uns trauen, die Fragen zu thematisieren, die unsere Öffentlichkeit heute beschäftigen. Zugleich sollen sich möglichst viele Menschen im Theodor-Heuss-Haus wohlfühlen, unabhängig von ihrer politischen Einstellung oder Herkunft. „Offen“ bedeutet für mich aber nicht beliebig. Wir haben eine klare Haltung und stehen für die offene Gesellschaft.
Mit dem jüngsten Projekt Neulandsucher Ost-West begibt sich die Stiftung auf ein ganz neues Gebiet und fördert Initiativen für ein gesellschaftliches Miteinander und Teilhabe auf lokaler Ebene. Wie unterscheidet sich Demokratiebildung im ländlichen Raum von der übrigen Arbeit der Stiftung?
Der größte Unterschied ist, dass die Initiativen gar nicht von uns selbst kommen, sondern von Menschen vor Ort, die ein Projekt für das Miteinander in ihrem Ort realisieren möchten, etwa ein Gesprächscafé, eine Jugendredaktion oder einen queeren Treff. Zusammen mit dem Verein Neulandgewinner e.V. unterstützen wir solche Projekte. Der gemeinsame Nenner ist die offene Gesellschaft. „Demokratie als Lebensform“ hat das Heuss genannt.
Zum Abschluss ein kurzer Blick in die Zukunft: Die Stiftung wurde gegründet, um dem Vermächtnis des ersten Bundespräsidenten zu gedenken und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zur forschungsnahen Arbeit kommt außerdem der Auftrag politisch-demokratischer Bildung. Inwiefern verändern die Herausforderungen unserer Zeit und das zunehmend polarisierte politische Klima die Stiftungsarbeit?
Sie machen unsere Arbeit noch wichtiger. Je weniger Menschen Theodor Heuss noch etwas sagt, desto größer wird unsere Aufgabe, seine Werte – Weltoffenheit, Toleranz, gesellschaftliche Verantwortung – wach zu halten. Und je stärker unsere freie Gesellschaft und unsere liberale Demokratie infrage gestellt werden, desto notwendiger sind demokratiepolitische Arbeit und politische Bildung. Das gilt im Übrigen auch für Forschung und Wissenschaftskommunikation. Schließlich müssen wir uns gegen die Trumps dieser Welt zur Wehr setzen, die ihre eigene Fantasie-Realität herbeilügen.
Herzlichen Dank für das Interview!
Ein Beitrag von Sophia Kieß
Stuttgart, den 18.2.2026
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