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Ungleichgewicht des Erinnerns: 1918/19 im kollektiven Gedächtnis

Bild: Lisa Blum.
Bild: Lisa Blum.

Paris, 11. November 2018: Am Fuß des Triumphbogens gedenken Staats- und Regierungschef*innen aus nicht weniger als 70 Ländern dem Ende des Ersten Weltkrieges. Eingeladen hat der französische Präsident Emmanuel Macron. Gekommen sind neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch der amerikanische Präsident Donald Trump, der russische Präsident Wladimir Putin und der kanadische Regierungschef Justin Trudeau. Das Zeremoniell ist ausgefeilt, die Symbolsprache klar. Paris ist an diesem Tag nicht nur die Hauptstadt der Republik Frankreich, nicht nur das Zentrum der „nation française“ – Paris ist am 11. November 2018 auch der Kristallisationspunkt des französischen und des globalen Erinnerns an den Ersten Weltkrieg. Doch auch jenseits des Epizentrums kollektiver Memoria wird in Frankreich an diesem Tag Land auf, Land ab, der dramatischen Ereignisse des Jahres 1918 gedacht. Kaum eine Stadt, kaum ein Dorf der Fünften Republik kommt am 11. November 2018 ohne einen Akt des offiziellen Erinnerns aus. Dabei ist der Grundton patriotisch und national.

 

Aber auch auf der anderen Seite des Rheins, im deutschen Südwesten, wird dem Ende des Ersten Weltkrieges gedacht. So zeigt beispielsweise das Württemberg-Haus in Beutelsbach bis zum 30. September 2018 die Sonderausstellung „1918: Das Ende des Ersten Weltkriegs in Weinstadt“.* Die Ausstellung präsentiert dabei Alltagsgegenstände, die den Besucher*innen Einblicke in das Leben während der letzten Kriegstage und der ersten Tage nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes geben. Die Kurator*innen wollen damit ein historisches Schlaglicht auf das Leben der Menschen in der württembergischen Provinz werfen. 

Staatsregierende gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs am 11.11.2018. Bild: CC license by http://en.kremlin.ru/ (letzter Zugriff: 19.01.2020, Angaben siehe unten).'
Staatsregierende gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs am 11.11.2018. Bild: CC license by http://en.kremlin.ru/ (letzter Zugriff: 19.01.2020, Angaben siehe unten).'

 Das Esslinger Stadtmuseum stellte in einem Projekt 52 Objekte zum Ersten Weltkrieg mit regionalem Bezug vor. Die Ausstellung „1914-1918. Esslingen und der Erste Weltkrieg. Heimatfront und Zeitenwende“ nähert sich dem Jahr 1918 also auf lokal- und objektgeschichtlicher Ebene: So sind beispielsweise ein öffentlicher Feldbrief „Hindenburg an die Heimat!“ vom 2. September 1918 und ein Feld-Tornister, dessen Riemen in Esslingen gefertigt wurden. Vorträge erinnern immer wieder an Kriegsende und Republikgründung 1918/19: In Mainhardt stellt Heike Krause fest „Das alte Deutschland ist nicht mehr“, in Kirchentellinsfurt nimmt Peter Maier die lokalen Dimensionen des Umbruchsjahres in den Blick.

 

Weiter findet sich eine breite Palette an künstlerischen Veranstaltungen anlässlich des einhundertjährigen Jubiläums: Bad Urach und Münsingen gedenken jeweils mit einem Konzert und lassen dabei Requien von Johannes Brahms und Gabriel Fauré spielen. Dabei steht weniger der lokale Bezug im Vordergrund, sondern durch die Art des Musikstücks, einer Totenmesse, soll der Millionen Opfer des Ersten Weltkriegs gedacht werden. Darüber hinaus kann die Auswahl von Stücken eines deutschen sowie eines französischen Komponisten als Zeichen der Völkerverständigung und Freundschaft gewertet werden.

Bild: Anna Valeska Strugalla.
Bild: Anna Valeska Strugalla.

Nach einer offiziellen staatlichen Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs sucht man in Deutschland allerdings vergeblich. Hier konzentriert sich das Gedenken auf den 9. November. In seiner Rede zur Gedenkstunde im Bundestag bezeichnet Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble diesen Tag als „den“ deutschen Schicksalstag.** Im Jahr 2018 steht die Erinnerung an 100 Jahre Ausrufung der ersten deutschen Republik im Fokus neben dem Gedenken an den 80. Jahrestage der Reichspogromnacht und der 29. Wiederkehr des Mauerfalls. Es mag ein Grund sein, dass durch den 09. November bereits ein wichtiger Gedenktag vorhanden ist, dass dem Kriegsende des Ersten Weltkriegs am 11.11. wenig gedacht wird. Sicherlich ist das auch dadurch zu erklären, dass Deutschland – im Unterschied zu Frankreich – den Ausgang des Krieges als Niederlage verarbeitet hat.

 

Umso eher würde man erwarten, dass in der Bundesrepublik eines anderen Ergebnisses des Kriegsendes, der Gründung der Weimarer Republik, gedacht würde. Aber auch hier gilt weitestgehend: Fehlanzeige! Das überrascht umso mehr, wenn man bedenkt, dass in Weimar 1919 die erste Demokratie auf deutschem Boden ins Leben gerufen wurde. Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier spricht in seiner Rede während der Gedenkveranstaltung davon, der 09. November sei „ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte."*** Würde dabei nicht gerade jetzt ein im eigentlichen Sinne republikanisches Erinnern nottun?

 

Ein Beitrag von Studierenden des Kurses: Pro oder contra? Einführung ins geschichtswissenschaftliche Argumentieren

Quellen zu diesem Text


Literatur:

*https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ausstellung-in-weinstadt-eine-taschenuhr-als-lebensretter.ad524eb6-9bcf-47c8-9e98-b9cfc29a1e70.html (Letzter Zugriff: 20.01.2020)

**https://www.bundestag.de/mediathekvideoid=7289755#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk/dmlkZW9pZD03Mjg5NzU1JnZpZGVvaWQ9NzI4OTc1NQ==&mod=Mediathek (Letzter Zugriff: 20.01.2020)

***https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw45-gedenkstunde-9november-575578 (Letzter Zugriff: 20.01.2020)

 

'Bildlizenz (mittleres Bild):

Urheber: http://en.kremlin.ru/

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Armistice_Day_2018_-_World_leaders.jpg (letzter Zugriff 19.01.2020).

Lizenz: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/db/Kremlin_authorisation-English.pdf (letzter Zugriff 19.01.2020).


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