Ein Praktikum in einer Kunsthalle klingt für Geschichtsstudierende zunächst nicht unbedingt naheliegend. Mein Praxissemester in der Kunsthalle Tübingen hat mir etwas Wichtiges gezeigt. Historische Kompetenzen werden auch dort gebraucht, wo Geschichte nicht auf den ersten Blick im Mittelpunkt steht.
Die Kunsthalle als geschichtskultureller Ort
Die Kunsthalle Tübingen ist ein Ausstellungshaus für moderne und zeitgenössische Kunst. Sie besitzt keine Dauerausstellung, sondern arbeitet mit wechselnden Ausstellungen, die wissenschaftlich vorbereitet und durch Vermittlungsangebote begleitet werden. Für mein Praktikum war besonders aufschlussreich, dass die Kunsthalle zwar kein historisches Museum ist, historische Einordnung aber dennoch ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit darstellt. Kunstwerke stehen nie außerhalb ihrer Zeit, sondern entstehen in politischen, sozialen, biografischen und kulturellen Zusammenhängen. Wer sie vermittelt, ordnet daher immer auch historische Bezüge mit ein. Dabei zeigte sich, dass mein Geschichtsstudium nicht nur inhaltlich, sondern vor allem methodisch anschlussfähig war. Besondere Kompetenzen wie Recherchen, kritische Einordnung, strukturiertes Arbeiten und verständliches Schreiben erwiesen sich im Museumsalltag als wichtige Grundlagen.
Historische Kontextualisierung als Vermittlungsaufgabe
Im Zentrum meines Praktikums stand nicht nur die Mitarbeit im Ausstellungsbestrieb, sondern auch die Frage, wie historische Kontextualisierung in einer Kunstinstitution funktioniert. Besonders deutlich wurde dies im Rahmen der Ausstellung „Joseph Beuys. Bewohnte Mythen“ (9. November 2025-8. März 2026). Beuys ist nicht nur eine zentrale Figur der Kunstgeschichte, sondern auch eine historisch ambivalente und bis heute kontrovers diskutierte Person. Man kann seine Biografie, Selbstinszenierung, politischen Vorstellungen und spätere Rezeption nicht allein über formale Werkbetrachtung erschließen, sondern muss sie historisch einordnen. Zu dieser Ambivalenz gehört auch seine Kriegsbioagrafie. Beuys meldete sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe und diente im Krieg als Funker beziehungsweise Bordschütze. Dass er später zugleich politisch engagierter Künstler und Mitbegründer der Grünen wurde, macht seine Person bis heute besonders widersprüchlich. [1]
Hier zeigte sich ein erstes wichtiges Berufsfeld für Historiker*innen im Kulturbereich. Komplexe historische und biografische Zusammenhänge müssen so aufbereitet werden, dass sie für ein öffentliches Publikum zugänglich sind. In Führungen, Werktexten und anderen Vermittlungsformaten geht es nicht nur darum, wissenschaftliche Inhalte zu vereinfachen. Vielmehr müssen unterschiedliche Vorkenntnisse, Interessen und Perspektiven berücksichtigt werden. Historische Einordnung kann hier helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, ohne eine eindeutige Darstellung vorzugeben.

Vom Ausstellungsraum in den Stadtraum
Ein weiterer Schwerpunkt meines Praktikums war die Mitarbeit am neu eingerichtete Pop Up-Raum der Kunsthalle in der Tübinger Innenstadt, der von Oktober 2025 bis März 2026 als zusätzlicher
Ausstellungsraum neue Formen der Vermittlung ermöglichte. Dort zeigte man die Ausstellung „Körperdecke“ mit Arbeiten von Studierenden der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar). Das
Projekt stand in Beziehung zur Beuys-Ausstellung, funktionierte aber nicht als bloßes Begleitformat. Vielmehr wurden Motive wie Körper, Haut, Schutz, Verletzlichkeit, Materialität und
gesellschaftliche Verantwortung aus gegenwärtiger Perspektive neu verhandelt.
Der Pop-Up-Raum war für mich besonders interessant, weil er zeigte, dass Geschichtsvermittlung nicht an klassische Museumsräume gebunden ist. Die Ausstellung befand sich in einer ehemaligen
Ladenfläche mitten in der Stadt. Vermittlung wurde dadurch den Museumsraum hinaus gedacht. Kunst und ihre historischen Bezüge konnten auch Menschen begegnen, die nicht gezielt eine Ausstellung
besuchen wollten, sondern spontan vorbeikamen. Sie fand hier oft dialogisch statt, in Form von Gesprächen oder Führungen. Geschichte erschien nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als
Bezugspunkt, der in der Gegenwart weitergedacht wird.
Gerade das ist ein zentraler Aspekt von Public History. Geschichte wird nicht nur erforscht, sondern öffentlich vermittelt, gedeutet und verhandelt. Im Pop-Up-Raum bedeutete das, Beuys nicht als
abgeschlossene Figur der Kunstgeschichte zu präsentieren, sondern seine Denkfiguren mit aktuellen künstlerischen Fragestellungen zu verbinden. Sein Werk wurde damit nicht nur in der Rückschau
betrachtet, sondern als Ausgangspunkt für gegenwärtige Auseinandersetzungen genutzt.

Aufarbeitung als Aufgaben der Institution
Neben Vermittlung und Projektkoordination spielte auch die Recherche zu historisch belasteten Personen eine Rolle. Besonders eindrücklich war für mich die Auseinandersetzung mit dem Bildhauer
Fritz von Graevenitz, von dem sich Skulpturen im Garten der Kunsthalle befinden. Seine Nähe zu den nationalsozialistischen Ideologien und seine Rolle während der NS-Zeit werfen die Frage auf, wie
seine Werke heute öffentlich präsentiert werden und in die dahinterstehenden historischen Kontexte eingeordnet werden sollten.
Diese Arbeit zeigt, dass Geschichtsvermittlung weit über die Ausstellungen hinausgeht. Auch der eigene institutionelle Raum ist Teil historischer Deutung und Kontextualisierung. Wenn historisch
belastete Werke sichtbar bleiben, ohne erläutert zu werden, entsteht ebenfalls eine Aussage. Auch das Ausbleiben von Kontextualisierung prägt die Wahrnehmung. Problematisch ist dabei nicht nur
die Biografie des Künstlers, sondern auch das Kunstverständnis, das sich in einzelnen Werken ausdrückt. Im Fall von Fritz von Graevenitz betrifft das nicht nur seine Biografie, sondern auch das
Kunstverständnis, das sich in Werken wie „Mutter Heimat“ (1931/32–1953) zeigt. Zwar führte er selbst die Entstehung der Skulptur auf persönliche Verluste zurück. [2] Vor dem Hintergrund seiner
militärischen Erziehung, seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg und seiner späteren politischen Haltung wird jedoch deutlich, dass hier nicht nur private Trauer, sondern auch Vorstellungen von
Heimat, Opfer und nationaler Erneuerung anklingen. [3] Gerade deshalb sollten solche Werke heute nicht unkommentiert präsentiert, sondern historisch und ideologisch eingeordnet werden.
Herausforderungen und Perspektiven
Das Praktikum zeigte mir außerdem, dass Berufsfelder im Kulturbereich selten fachlich abgegrenzt sind. In einem kleinen Ausstellunghaus wie der Kunsthalle Tübingen greifen kuratorische Arbeit, Vermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Recherche, Veranstaltungs- und Projektorganisation eng ineinander. Gerade dadurch erhält man viele Einblicke und kann bereits während des Studiums Verantwortung übernehmen. Zugleich wird sichtbar, dass kulturelle Arbeit häufig von begrenzten Ressourcen, wechselnden Prioritäten und hoher organisatorischer Flexibilität geprägt ist.
Für mein eigenes Studium war diese Erfahrung sehr aufschlussreich. Das Praktikum in der Kunsthalle Tübingen hat mir gezeigt, das historische Arbeit nicht nur dort stattfindet, wo Geschichte ausdrücklich im Namen der Institution steht. Vielmehr ist historische Arbeit nicht an klassische Berufsbilder gebunden. Historiker*innen können in Kunstinstitutionen dazu beitragen, größere Kontexte sichtbar zu machen, Ausstellungen zugänglicher zu gestalten und öffentliche Debatten über Vergangenheit und Gegenwart anzustoßen.
Für Geschichtsstudierende muss daher der berufliche Weg nicht geradlinig sein, um fachlich arbeiten zu können. Historische Kompetenzen sind breit einsetzbar, da man lernt, Zusammenhänge zu erkennen, Deutungen zu prüfen und komplexe Inhalte vermittelbar zu machen.
Ein Beitrag von Melanie Khayat
Fußnoten:
[1] Vgl. Lebendiges Museum Online. „Joseph Beuys 1921 – 1986“, online unter: https://www.hdg.de/lemo/biografie/joseph-beuys.html (externer Link) [letzter Stand: 03.06.2026]
[2] Vgl. Artinger, Kai. „‘Den Blick feindwärts, in die Ferne, in die Zukunft gerichtet‘. Das Gefallenendenkmal Mutter Heimat (1931-1953) von Fritz von Graevenitz“, in: Kunstgeschichte Open Peer Reviewed Journal, 2025, S. 9.
[3] Zum näheren Verständnis: Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 fügte von Graevenitz in seinem Werk „Kunst und Soldatentum“ (1940) zu seiner Skulptur folgende Worte hinzu: „So stehen beide – Künstler und Soldat – in letzter Verantwortung vor dem Volk: zu trotzen Wirrnis und Gefahr, Kämpfer zu sein und das heiligste und schwerste Gut der Erde: Freiheit. Sie aber, die Urmutter Heimat, die Kampfumlohte, dankt ihren Söhnen mit dem Geschenk ewiger Wiedergeburt. Über den Gräbern von Langemarck ersteht heute Großdeutschland.“, Von Graevenitz, Fritz. „Kunst und Soldatentum“, Stuttgart, 1940, S. 58.
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