Interview mit Christian Serdarusic - Die Arbeit in der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur (2/2)


Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

 

Christian Serdarusic studierte Geschichte und Philosophie in Tübingen und wählte im Master die Profillinie Public History. Seit 2024 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur im Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart. Im zweiten Teil des Interviews berichtet er von seinem Arbeitsalltag in der Koordinierungsstelle.


Foto: Christian Serarusic, (C): Privat.
Foto: Christian Serarusic, (C): Privat.

Seit 2024 arbeitest du bei der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur. Welche Aufgaben hat die Koordinierungsstelle?

Die Koordinierungsstelle Erinnerungskultur ist im Kulturamt der Stuttgarter Stadtverwaltung angesiedelt. Eingerichtet wurde diese Stelle im Jahr 2021. Damit hat die Stadt offiziell die Verantwortung übernommen, Aufgaben der Erinnerungskultur wahrzunehmen und eine eigene Verantwortung für dieses Arbeitsfeld anzuerkennen. Zuvor wurde dieses Engagement ausschließlich von der Zivilgesellschaft getragen. Zwar gab es vereinzelt städtische Initiativen, diese waren jedoch meist projektbezogen, ohne dass klare Zuständigkeiten oder feste Strukturen definiert wurden. Diese Verantwortung kommt nun der Koordinierungsstelle zu. D.h. konkret, wir initiieren Formate und setzen Themen, die in der städtischen Verwaltung Aufmerksamkeit und Resonanz finden sollen.

Gleichzeitig sind wir stark auf Impulse aus der Stadtgesellschaft angewiesen, da das, was wir als kollektives Erinnern bezeichnen vor allem in der Gesellschaft entsteht und dort seine Form findet. Es ist auch ein Aspekt, der eine lebendige und partizipative Natur der Erinnerungskultur in Stuttgart unterstreicht.

Dabei besteht unsere Arbeit vor allem darin, andere städtische Stellen zu beraten, Projekte zu unterstützen, sei es durch finanzielle Mittel, Hilfe bei verwaltungsrechtlichen Fragen und dem Knüpfen von Netzwerken. Die Koordinierungsstelle wird dabei auch zunehmend als Schnittstelle zwischen Stadtgesellschaft, Verwaltung und Politik wahrgenommen. Wir unterstützen das, um sicherzustellen, dass Initiativen sichtbar werden und die notwendige Unterstützung erhalten.

 

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Einen Großteil meines Arbeitsalltags verbringe ich im Büro, wo das Lesen und Verfassen von Texten zu den zentralen Aufgaben gehört. Dabei handelt es sich häufig um Personenprüfungen oder die Erstellung von Texten für Stellungnahmen oder z. B. Informationstafeln oder Stelen. Natürlich finden auch regelmäßige Besprechungen statt. Diese nehmen viel Zeit in Anspruch, sind aber notwendig. In diesen koordinieren wir uns intern über anstehende Aufgaben und Arbeitsprozesse und stimmen uns zugleich mit anderen Stellen der Stadtverwaltung sowie externen Partnern ab. Da die Koordinierungsstelle eine Verwaltungsstelle ist, erfordert die Arbeit viel Kommunikation und eine sorgfältige Planung der Abläufe.

Darüber hinaus sind Archivbesuche ein wesentlicher Teil meines Alltags. Je nach Thema nutze ich das Hauptstaatsarchiv in der Nähe, das Stadtarchiv in Bad Cannstatt, die Zweigstelle des Bundesarchivs oder das Staatsarchiv in Ludwigsburg. Weil solche Besuche etwas mehr Zeit erfordern, plane ich sie immer an Tagen, an denen sonst nichts stattfindet, um im Ruhe arbeiten zu können.

 

Welche aktuellen Projekte stehen gerade an?

Wir bearbeiten sehr viele unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig. Ein großer Teil unserer ständigen Arbeit besteht darin, Projekte, Infostelen und Veranstaltungen zu planen. Daneben erreichen uns ständig Anfragen zu Personenprüfungen: Häufig geht es darum, jemanden durch die Anbringung einer Tafel an einem Gebäude zu würdigen oder eine Stele aufzustellen. Gleichzeitig gibt es viele Lokalhistoriker*innen, die eigenen Recherchen anstellen, z. B. zu Personen mit Bezug zum Nationalsozialismus, und ihre Ergebnisse bestätigen lassen möchten. Auch das Friedhofsamt kommt regelmäßig auf uns zu, insbesondere wenn es um den Erhalt von städtisch finanzierten Gräbern geht. (Niemals hätte ich gedacht, dass eine Einrichtung namens Garten-Friedhof- und Forstamt eine so wichtige Rolle für meine Arbeit einnehmen würde).

Besonders aktuell beschäftigen wir uns aber auch mit einem größeren Projekt zur Debatte über die Würdigung Otto von Bismarcks im öffentlichen Raum. In Stuttgart gibt es hiervon mehrere Bezüge. Konkret betrifft dies den Bismarckplatz. Ein weiteres aktuelles Thema ist die Kommission für Straßennamen, die im November 2025 erstmals zusammengekommen ist und aktuell Kriterien für Benennungsfragen in der Stadt erarbeitet.

 

Welche besonderen oder speziellen Herausforderungen gibt es dabei?

Davon gibt es ganz viele. Die liegen vor allem in der Akzeptanz unserer Arbeit. Kurz gesagt: Wir können es nicht allen recht machen, weshalb wir gelegentlich (und bei manchen Personen regelmäßig) auf Unverständnis stoßen.

Aus politischer Sicht bedeutet das, dass wir als Teil der Stadtverwaltung eine gewisse Neutralität wahren müssen. Gleichzeitig ist das Feld der Erinnerungskultur Teil der Public History und auch ein Bestandteil von aktiv gestalteter Geschichtspolitik. Allein weil wir parteipolitischen Anträgen nachgehen und uns zu kontroversen Themen positionieren müssen, sind wir nicht apolitisch. Das kann zu Spannungen führen. So hat sich beispielsweise die CDU-Fraktion bereits zu einem möglichen Ergebnis unseres Arbeitsprozesses zum Bismarckplatz positioniert und erklärt, keine Veränderung des Status quo bei der Benennung zu akzeptieren. Interessanterweise wurde eine Umbenennung des Platzes nach einem Antrag der Grünen-Fraktion nicht beantragt und wird bisher weder von uns verhandelt noch aktiv von der Verwaltung angestrebt. Den Dialog mit den verschiedenen beteiligten Interessengruppen (z. B. die, die eine Umbenennung des Bismarckplatzes wollen) zu initiieren und eine Sensibilisierung herbeizuführen, sodass ein konstruktiver Austausch überhaupt möglich wird, gestaltet sich daher oft schwierig.

Auf der anderen Seite stehen die geschichtsfokussierten Vereine und Initiativen aus der Stadtgesellschaft. In Stuttgart gibt es, im Vergleich zu anderen Großstädten, außerordentlich viele. Sie decken unterschiedliche Themen ab: Zwangsarbeit, Euthanasie und Krankenmorde, Stolpersteine, Sinti & Roma, kontroverse Benennungen oder lokalhistorische Ereignisse. Mit vielen dieser Gruppen arbeiten wir sehr gut zusammen. Bei einigen besteht jedoch die Erwartung, dass wir eine besonders zuvorkommende Bringschuld erfüllen und die jeweils sehr spezifischen Themen und Bedarfe bedienen müssen. Diese Erwartung ist verständlich, weil viele dieser Initiativen lange Zeit auf sich gestellt waren und über Jahrzehnte ohne finanzielle Unterstützung gearbeitet haben. Gleichzeitig erleben wir, dass die aktivistische Haltung vergangener Dekaden nachwirkt und sich gelegentlich kämpferisch an uns richtet. Dabei würden eine weniger versteifte Haltung und eine bessere Kommunikation die Zusammenarbeit erheblich erleichtern.

 

Was gefällt dir bei deiner Arbeit am besten?

Auf jeden Fall, dass ich die Inhalte und Schwerpunkte meines Studiums aktiv einbringen kann. So etwas ist außerhalb der Universität auf dem freien Arbeitsmarkt nicht überall möglich. Und klar, als Behörde hat man viel mit Verwaltung zu tun. Allerdings ist mein Arbeitsbereich davon glücklicherweise nicht sehr davon betroffen. Darum schätze ich die Freiräume, mein Programm und die Themen eigenständig gestalten zu können. Außerdem arbeite ich in einem jungen, motivierten Team, in dem ein guter Austausch herrscht und in dem wir uns gut verstehen.

 

Zum Abschluss: Was würdest du (Geschichts-)Student:innen mitgeben, wenn sie kurz vor ihrem Praxissemester stehen?

Ich würde sagen, es lohnt sich bei der Praktikumswahl flexibel zu bleiben. Versucht, euch nicht zu sehr auf ein einzelnes Stellenprofil festzulegen. So kann man unterschiedliche Berufsfelder kennenlernen, Netzwerke aufbauen und herausfinden, welche Aufgaben einem liegen. Praktische Kompetenzen zu entwickeln, sich thematisch breit aufzustellen und Erfahrungen zu sammeln erfordert immer viel Zeit. Dabei sollte man meiner Meinung nach auch nicht immer mit allzu viel akademischem Ernst an die Sache rangehen. Schließlich ist man da, um zu lernen und man wird vor allem auch Fehler machen müssen. Es geht aber natürlich auch darum, eine gute Zeit zu haben. Mit Blick auf die spätere Arbeit ist ein Praktikum immer prägend und gute Erfahrungen gemacht zu haben, kann viel Sicherheit geben. Ich selbst bin schließlich auch über ein komplett fachfremdes Praktikum zu meiner ersten (fachfremden) Stelle gekommen. Da war ich Bildungsreferent beim Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart e.V. Diese Fremdperspektive war allerdings ein wichtiges Kriterium für meine jetzige Stelle beim Kulturamt. Kurz gesagt, ich habe dank meines Praktikums eine Arbeit außerhalb der Geschichtswissenschaft gefunden, um am Ende wieder bei ihr zu landen.

 

Vielen Dank für das Interview!

Ein Beitrag von Stephanie Raunegger

 


Stuttgart, 29.4.2026


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Foto: Maren Brugger.
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