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Lilli Zapf gegen das Vergessen: Die Suche nach den ermordeten und vertriebenen Juden und Jüdinnen Tübingens - Teil I

 

Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit kam in der jungen Bundesrepublik nach ersten, meist von den Alliierten initiierten Aktionen schnell zum Stillstand. Verdrängung beeinflusste das gesellschaftliche Narrativ, große Teile der Politik und der Bevölkerung wandten sich dem Wiederaufbau zu, ehemalige Täter*innen wurden stillschweigend in das neue demokratische System integriert und einzelne mahnende Stimmen vielfach als Nestbeschmutzer diffamiert.

 

Diese Bestandsaufnahme gilt in weiten Teilen auch für Tübingen, wo seit 1954 mit Hans Gmelin ein ehemals hochrangiger NSDAP-Funktionär das Amt des Oberbürgermeisters bekleidete. Bis in die späten 1960er Jahre blieben die Verbrechen der NS-Zeit in der BRD ein Tabuthema und es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis ein öffentliches Erinnern und eine breite historische Aufarbeitung einsetzte. Dennoch gab es zu jeder Zeit Einzelpersonen, die sich mit dieser Situation nicht abfinden wollten und sich schon sehr viel früher dem Thema annäherten. Für Tübingen ist in diesem Zusammenhang vor allem Lilli Zapf hervorzuheben: 

Bild: Lisa Blum.
Bild: Lisa Blum.

 

Biographie

 

Geboren wurde Mathilde Anna Zapf – Rufname „Lilli“ – am 1. Mai 1896 in Nördlingen. Dort wuchs sie in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, knüpfte nach eigenen Angaben schon in der Grundschule enge Kontakte zu jüdischen Mitschüler*innen und entwickelte ein reges Interesse an deren Religion.

 

 

Ab 1932 lebte Lilli Zapf in Berlin, wo sie ein Schreibbüro betrieb und Hausarbeiten sowie Dissertationen abtippte. In dieser Zeit lernte sie Hendrik George van Dam kennen, einen Berliner jüdischen Glaubens, der als Journalist arbeitete und nach dem Krieg von 1950 bis 1973 als Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland fungieren sollte. Lilli Zapf begann als Sekretärin für ihn zu arbeiten und floh 1935 mit van Dam nach Den Haag. Wie es zu dieser Flucht kam, ist nicht eindeutig geklärt, sie selbst gab an, durch einen ihrer Kunden bei der Gestapo denunziert worden zu sein, da sie weiterhin Arbeiten für jüdische Studierende angenommen habe. Sie blieb auch dann bei van Dams Mutter in den Niederlanden, als dieser 1940 weiter nach England fliehen musste.

 

 

In Briefen erklärte Lilli Zapf, die folgenden Jahre im Untergrund gelebt zu haben und für den niederländischen Widerstand aktiv geworden zu sein. Erst 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück und kam im Jahr 1953 im Alter von 57 Jahren letztendlich nach Tübingen, wo sie bis zu ihrem Ruhestand in verschiedenen Kliniken als Sekretärin arbeitete.

 

 

Interesse für das Judentum und das Schicksal der jüdischen Deutschen nach 1933 hatte Lilli Zapf schon sehr früh gezeigt. Auch in Tübingen ließ sie dieses Thema nicht mehr los. Bereits in den fünfziger Jahren begann sie Daten über die vertriebenen und ermordeten Tübinger Bürger*innen jüdischen Glaubens zu sammeln und spätestens ab 1960 arbeitete sie konkret auf eine Veröffentlichung ihrer Arbeit hin. Bevor ihr Buch druckreif werden sollte, lag allerdings noch eine fast 14-jährige Arbeitsphase vor Lilli Zapf.

 

 

 

Entstehung/Vorgehensweise

 

Die ersten Informationen über emigrierte und deportierte Juden und Jüdinnen aus Tübingen gewann Lilli Zapf aus den Unterlagen des Einwohnermeldeamtes sowie aus denen des „Amtes für Wiedergutmachung“ in Stuttgart. Diese Daten stellten die Basis für Lilli Zapfs weiteres Vorgehen dar, das wohl am ehesten als Schneeballsystem beschrieben werden kann. Hatte sie den Namen oder die Adresse eines Überlebenden ausfindig gemacht, schrieb sie diese Person an und bat um Informationen und weitere Namen. So knüpften die Emigranten und Emigrantinnen häufig selbst den nächsten Kontakt in dem sich ausdehnenden Korrespondenznetzwerk Zapfs, das über die Jahre circa 20 Ordner mit Briefen füllte. Mit vielen der Emigrant*innen entstanden enge, ja freundschaftliche Beziehungen. Dieser Aspekt war äußerst wichtig für Lilli Zapf, denn sie wollte mit ihrer Dokumentation über das reine „katalogisieren“ der Opfer hinaus: Sie wollte ihnen ein Gesicht geben und ihre individuellen Geschichten zu Gehör bringen.

 

 

Hindernisse

 

Mit der Verschriftlichung ihrer umfangreichen Nachforschungen konnte Lilli Zapf erst ab 1970 beginnen. Nicht nur die ständige Ausweitung ihrer Nachforschungen verzögerte die Fertigstellung des Projekts, auch Krankheiten und das Fehlen einer eigenen Schreibmaschine warfen Lilli Zapf immer wieder zurück. Letztgenanntes Problem wurde erst 1965 gelöst, als eine zur Emigration gezwungene und zwischenzeitlich in den USA lebende Familie aus Tübingen (Bernheim) Geld schickte, damit Lilli Zapf sich endlich ein eigenes Schreibgerät anschaffen konnte.

 

Obwohl Lilli Zapf ihr Projekt eher diskret vorantrieb, wurden ihre Bemühungen durch die Befragungen Tübinger Bürger*innen im Laufe der Jahre einem immer weiteren Kreis von Menschen publik. Denn auch wenn Lilli Zapf sehr zurückhaltend war, was die Erwähnung ihrer Arbeit anging, verheimlichte sie ihre Tätigkeit nicht. Waren die meisten Menschen, mit denen Lilli Zapf selbst Kontakt hatte, ihrer Dokumentation gegenüber positiv eingestellt, gab es dennoch Kreise in der Stadt, die eine Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit scheuten oder offen ablehnten. Diese Einstellung äußerte sich in verschiedenen feindseligen Aktionen. So berichtete Lilli Zapf, dass sie häufig durch anonyme Telefonanrufe belästigt wurde und ihre Post von Fremden beschmutzt, zerknittert und sogar geöffnet worden sei.[1] 

 

 

Im Jahr 1974 wurde ihr Buch „Die Tübinger Juden“, nachdem sich das Werk erheblich ausgedehnt hatte, im Tübinger Katzmann-Verlag veröffentlicht. Nach der Publikation verringerte sich die überlieferte Korrespondenz deutlich, um dann völlig abzubrechen. Lilli Zapf erlitt im Jahre 1981 einen schweren Schlaganfall, der sie in der Folge ans Bett fesselte. Als die Stadt Tübingen im gleichen Jahr die noch lebenden Emigrant*innen einlud, was zum großen Teil auf das Engagement Lilli Zapfs zurückzuführen war, konnte sie aus gesundheitlichen Gründen und zu ihrer großen Enttäuschung nicht mehr am Empfang im Rathaus teilnehmen. Auch ihren lang gehegten Traum, einmal nach Israel zu reisen, konnte sie sich nicht mehr erfüllen. Am 12. Dezember 1982 starb Lilli Zapf im Alter von 86 Jahren in einer Tübinger Seniorenresidenz (Gertrud-Bäumer-Haus) und wurde in Nördlingen begraben. Im Jahre 2005 wurde ihre Urne schließlich nach Tübingen überführt und auf dem hiesigen Stadtfriedhof beigesetzt.

 

 

 

Motivation

 

Hier stellt sich die Frage, was genau Lilli Zapf motivierte, eine solche Arbeit alleine, gegen Widerstände und den gesellschaftlichen Trend fertig zu stellen? Dazu kann festgehalten werden, dass ein tiefer christlicher Glaube für Lilli Zapf die wichtigste Konstante und Richtschnur allen Handelns war. Sie war aktives Mitglied der evangelischen Eberhardsgemeinde und besuchte regelmäßig Gottesdienste, besonders wenn der damalige Studentenpfarrer Otto Michels predigte, der gleichzeitig Leiter des Tübinger Institutum Judaicum war. Mit ihm sollte Lilli Zapf später eng zusammenarbeiten. In ihren religiösen Ansichten war sie einerseits fest im Protestantismus verhaftet, darüber hinaus pflegte sie aber immer auch eine besondere Beziehung zum Judentum.

 

 

Ich persönlich finde die jüdische Religion wunderbar, aus der ja unsere christliche hervorging, was die allermeisten Christen immer wieder vergessen oder nicht wahrhaben wollen. Glücklicherweise erwacht die Kirche seit jüngster Zeit ein wenig aus ihrem jahrhundertelangen Schlaf…im Gespräch zwischen Juden und Christen."[2]

 

 

Mit dieser Sicht der Dinge war sie ihrer Zeit voraus. Spricht man gegenwärtig über die christlich-jüdischen Grundwerte, die der europäischen Kultur zugrunde liegen, ist es innerhalb der beiden großen Kirchen in Deutschland allgemein üblich geworden, die jüdischen Wurzeln zu betonen, oder wenigstens nicht zu verleugnen, so war diese Sicht der Dinge in den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch nicht sehr weit verbreitet.

 

An anderer Stelle schrieb sie über das Buch „Der letzte Gerechte“ von André Schwarz-Bart:

 

Der Inhalt dieses Werkes ist mehr als erschütternd, man könnte fortwährend weinen und klagen über die so genannte Christenheit, der ich ja leider auch angehöre. Vor allem die Kirche des Mittelalters hat ungeheure Schuld gegenüber den Juden auf sich geladen; sie ist nie wieder gutzumachen, und ich bin froh [sic!] wenigstens zur evangelischen und nicht zur römisch-katholischen Kirche zu gehören."[3]

 

 

Lilli Zapfs Interesse für die jüdische Religion führte bei ihr auch zu einer gewissen Israel-Fixierung. Deutlich wird dies zum Beispiel anhand der folgenden Stelle:

 

Ich werde demnächst einen Brief an Nasser[4] schreiben und ihn darauf aufmerksam machen, daß die Juden schon vor Jahrtausenden in Palästina lebten und das Land mit Recht als ihr Vaterland betrachten. Ich werde ihn auch auf die Bibel verweisen, wo er das alles im Alten Testament finden kann. Vielleicht denkt er dann doch ein wenig darüber nach."[5]

 

 

Lilli Zapf konnte von dem angeschriebenen Emigrant*innen dazu bewegt werden, auf diesen Brief an den ägyptischen Staatpräsidenten zu verzichten. Kurz zuvor hatte sie jedoch bereits ein Schreiben ähnlichen Inhalts an den französischen Präsidenten Charles de Gaulle abgeschickt. Solche Begebenheiten zeigen zum einen das große Selbstbewusstsein, das Lilli Zapf an den Tag legte, sobald sie ein Thema bewegte. Zum anderen wird ersichtlich, wie sie die Position des relativ jungen Staates Israel in der Welt interpretierte. Sie übernahm die Sicht des Alten Testamentes und erklärte Israel zum Zentrum der Welt, was an dieser Stelle sicher nicht geographisch aufgefasst werden kann. Israel war für Lilli Zapf vielmehr das Land des von Gott auserkorenen Volkes, anderen Völkern war dort jeglicher weltliche oder juristische Anspruch verwehrt. Religiöse und politische Ansichten sind bei Lilli Zapf nicht scharf zu trennen. Auch die Politik der „westlichen“ Staaten wurde vor allem danach beurteilt, welche Haltung sie gegenüber Israel einnahmen. So kann an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, dass mindestens eine politische Äußerungen Lilli Zapfs aus heutiger Sicht als problematisch zu bezeichnen ist. So schreibt sie 1970 an einen befreundeten Rabbiner:

 

„Aber nun noch etwas wichtiges [sic!]. Es handelt sich um den spanischen „Diktator“ Franco. Dieser Mann hat tatsächlich 40-60 000 Juden aus dem Machtbereich Hitlers gerettet. Das ist doch eine wundervoll humane Tat. Unter allen hilfreichen Nichtjuden, während dieser entsetzlichen Jahre, ist kein einziger, der so viele jüdische Menschen gerettet hat. Warum wird ihm nicht dafür gedankt, und zwar öffentlich und persönlich aus Israel? Könnten sie da nichts erreichen? Es wäre an der Zeit, in dieser Sache etwas zu unternehmen. Franco ist über 75 Jahre alt und jeden Tag kann er sterben, ohne für seine edlen Taten den Dank Israels gehört zu haben. Er müsste eingeladen und öffentlich geehrt werden.“[6]

 

 

Tatsächlich kann man diese genannten Taten Francos, soweit sie denn der Realität entsprachen, positiv bewerten.[7] Aber Lilli Zapf ging sicher zu weit, wenn sie die Bezeichnung „Diktator“ im Zusammenhang mit der Person Francos in Anführungszeichen setzte. Denn völlig unabhängig seines Verhaltens gegenüber verfolgten Juden und Jüdinnen war Franco ein Diktator, der sich 1936 gegen eine verfassungsmäßige Regierung erhoben hatte und sein faschistisches Unrechtsregime bis ins Jahre 1975 gewaltsam aufrechterhielt.[8] Eine öffentliche Ehrung Francos ist ein völlig abwegiger Gedanke, der die eindimensionale Fokussierung deutlich macht, die Lilli Zapf bei der Bewertung politischer Begebenheiten an den Tag legte. Abgesehen von der eben zitierten Bemerkung lassen sich in Lilli Zapfs Schriften allerdings keine weiteren Äußerungen dieser Art finden.

 

 

An dieser Stelle bleibt die Frage zu beantworten, ob Lilli Zapf, über das persönliche Interesse am Judentum und ihre religiös-politischen Einstellung hinaus, konkrete Ziele mit der Anfertigung und Veröffentlichung ihrer Arbeit verfolgte. Wen wollte sie ansprechen, was bewirken? Diese Aspekte stehen im Zentrum des zweiten Teils des Blogbeitrages.

 

Ein Beitrag von Michael Jaesrich


Fußnoten:

[1] UAT 200/2 F: Lilli Zapf an die Fernsprechanmeldestelle Tübingen vom 18.4.1968. UAT 200/7 Lilli Zapf an Dr. Heinz Weil (ohne Datum).

 

[2] UAT 200/3 K: Lilli Zapf an Adelheid Kickler vom 13.4.1971.

 

[3] UAT 200/2 B: Lilli Zapf an Hanna Bernheim vom 24.8.1968.

 

[4] Gammal Abdel Nasser, Ministerpräsident und Staatspräsident Ägyptens von 1954 -1970.

 

[5] StA E10/N65/10 M: LZ an Arnold Marque vom 15.9.1969.

 

[6] UAT 200/4 N: Lilli Zapf an Rabbiner Neufeld vom 15.8.1969.

 

[7] Für weiterführende Informationen: vgl. Lipschitz, Chaim; Franco, Spain, the Jews, and the Holocaust; New York 1984.

 

[8] Vgl. Fusi, Juan Pablo; Franco; München 1992. 


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