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Löwen im Tübinger Wald

Bild: Paul Mehnert.
Bild: Paul Mehnert.

Auf dem Spitzberg zwischen dem Schloss Hohentübingen und dem Ortsteil Hirschau befand sich am Ende des 13. Jahrhunderts eine kleine Burganlage, genannt die Ödenburg. Von ihr sind – abgesehen von einem kniehohen Gedenkstein – kaum noch Reste zuerkennen. Doch in der Nachbarschaft stoßen wir etwas weiter unten im Wald auf rätselhafte Ruinen, die eindeutig jüngeren Datums sind: Mehrere Wände aus Beton ragen aus dem Waldboden, teilweise sind sie von Pflanzen und Moosen überwuchert, andere sind vom Gewicht des Hanges eingedrückt. In einigen Durchlässen hängen noch eiserne Gitter in ihren rostigen Angeln. Was hat es mit diesem Ort auf sich? Kein Schild oder Hinweis gibt uns darüber Auskunft. 

Die Gitter und die gemauerten Höhlen in einer der Ruinen erinnern an Bärenzwinger, wie sie in vielen Städten (etwa in Berlin bis 2012) zu finden waren und in denen die bedauernswerten Tiere nur wenige Quadratmeter Lebensraum erhielten. Ein Bärenzwinger mitten im Wald? Tatsächlich bestätigt sich unsere Vermutung nach gezielter Recherche in Bibliotheken und im Stadtarchiv: Die Ruinen gehören zu einem früheren Tiergarten, der hier von 1907 bis 1919 betrieben wurde. Der private Zoo wurde nach seinem Gründer und Besitzer Eugen Mannheim (1879-1974) „Der Mannheim“ genannt. 

Bild: Unknown publisher: Gebrüder Metz [Public domain].*
Bild: Unknown publisher: Gebrüder Metz [Public domain].*

Der Tübinger Gastronom hatte schon früher eine Ausflugswirtschaft betrieben und dabei auch einige Tiergehege unweit des Schlosses angelegt. 1906 bot sich ihm dann eine einmalige Gelegenheit, dem Ausflugspublikum nicht mehr nur einheimische Hirsche, Füchse und Dachse zu präsentieren, sondern Tiere aus aller Welt. Mannheim hatte kurz zuvor ein bebaubares Grundstück an der Ödenburg erworben. Als der private Stuttgarter Tiergarten Nill 1906 seine Tore für immer schließen musste, sah Mannheim seine Chance gekommen: Aus der Insolvenzmasse konnte er einige Eisenbahnwagons mit Zoomaterial ergattern. Binnen eines Jahres ließ Mannheim einen Gasthof mit Nebengebäuden sowie die notwendigen Tiergehege errichten und kündigte am 19. Mai 1907 stolz die Eröffnung des Tiergartens in der Zeitung an: Eintritt für Erwachsene 20 Pfennig. Bald darauf konnte man auch in der Zeitung lesen, wie sehr sich der Besuch lohne:

 

„Gleich vom Baribalkäfig kommen wir also an das Raubtierhaus. In der Mitte desselben thront ein Prachtexemplar einer abessinischen Löwin, die leider noch immer ihres königlichen Gatten harrt. Ihr zur Rechten in Käfig geht hin und her eine Berberlöwin. Rechts von diesen Löwen befindet sich ein amerikanischer Silberlöwe, Puma, links ein schöner Leopard, dann folgen schöngefleckte Ozelote, amerikanische Wildkatzen. In der links gelegenen Käfigabteilung befindet sich ein Bruderaffenpaar aus China, das Jung und Alt manchen Spaß macht, wie die freiumhergehenden, neuangekommenden Affen im Wirtschaftsgarten: Gottlieb von den Sundainseln und der Husenaffe August aus Afrika.

 

Der königliche Gatte für die abessinische Löwin ließ noch etwas auf sich warten. Hingegen stattete der württembergische König Wilhelm II. schon im ersten Jahr dem neuen Tübinger Tiergarten einen Besuch ab und zeigte seinen Enkeln die exotischen Geschöpfe. 

Bild: Paul Mehnert.
Bild: Paul Mehnert.

Der genaue Tierbestand des Privatzoos ist nicht verzeichnet und kaum zu rekonstruieren, da Eugen Mannheim immer wieder Tiere mit anderen Tiergärten tauschte und mit den einschlägigen Tierhändlern wie dem Ulmer Julius Mohr oder dem Tierparkbesitzer Carl Hagenbeck verhandelte. Woher stammten die Tiere? Carl Hagenbeck besaß nicht nur einen Zoo, sondern war auch im internationalen Tierhandel tätig und eine zentrale Figur für die Versorgung der in ganz Deutschland aus dem Boden schießenden Zoologischen Gärten. Er beschrieb in seinen Erinnerungen „Von Tieren und Menschen“ (1908) das schwierige Geschäft des Tierfangs und verschwieg dabei auch nicht seine finsteren Seiten, beispielsweise auf einer Expedition in den Sudan:

 

Trotz der sorgfältigsten Pflege gehen viele Tiere auf dem Transport zugrunde. Die furchtbare Hitze, die im Hochsommer im südlichen Teile des Roten Meeres herrscht, bringt selbst solche Tiere um, die in jenen Gegenden zu Hause sind und sozusagen ohne Bedachung leben. Starke Pavianmännchen werden vom Hitzschlag betroffen und gehen nach einer halben Stunde unrettbar ein. Sicherlich nehmen aber die Tiere schon eine Disposition zu allerhand Schwächen mit auf die Reise. Die während der Jagd und des Einfangens ausgestandene Angst mag ihnen noch in den Gliedern stecken, vielleicht ruft auch der Aufenthalt im Käfig und das Ungewohnte des Transports [die Käfige schaukelten an Tragestangen zwischen Dromedaren] zuerst einen permanenten Erregungszustand hervor. Die Tiere, mehr noch als die Menschen, bilden die stete Sorge des Karawanenleiters, der es trotz aller Sorgfalt nicht verhindern kann, daß ein Teil der Tiere am Wege zurückbleibt. […] Endlich, nach einer anstrengenden Reise von 35-40 Tagen, erreicht die Karawane oder das, was von ihr übriggeblieben ist, den Hafenplatz am Roten Meer.“

 

Ganz offenbar musste Carl Hagenbeck noch keine Rücksichten auf die Tierliebe seiner zeitgenössischen Leser und Leserinnen nehmen und konnte die Schattenseiten des Tierhandels offen darstellen. Er präsentierte die Jagd als ein großes, exotisches Abenteuer. Vermutlich stammten bereits einige von Mannheims Tieren aus Nachzuchten in Tiergärten, viele dürften jedoch noch als Jungtier in den Kolonien gefangen worden sein und hatten monatelange Strapazen hinter sich.

Bild: Paul Mehnert.
Bild: Paul Mehnert.

Deutlich wird in Hagenbecks Darstellung auch, dass es bei diesen Tierjagden nicht nur um ein Geschäft ging, sondern sich die Tierfänger die Kolonialherrschaft zu Nutze machten. Entsprechend werden auch die Vorzüge der englischen Herrschaft gepriesen: „In unserem Tierparadies im Sudan hat sich in der langen Abschließung durch den Mahdi gar manches verändert, und nur langsam sind unter ägyptisch-englischem Regime geordnete Verhältnisse zurückgekehrt.“ Denn zuvor hätten die hungernden Soldaten des Mahdi, der erbitterten Widerstand gegen die koloniale Unterwerfung leistete, sich gegen das Wild gewandt. „Ganze Heeresmassen […] errichteten Lager in unseren Jagdgebieten und knallten das Wild in Massen nieder“. Die politischen Hintergründe des Mahdi-Kriegs gegen die Kolonialherrschaft werden ausgeklammert, Hagenbeck interessierten nur die Auswirkungen auf das beanspruchte Jagdrevier.

 

Hagenbecks Beispiel verdeutlicht, wie sehr die Geschichte der Zoos mit der kolonialen Herrschaft der Europäer über andere Länder verbunden war. In seinem Tiergarten zeigte er außerdem Menschen- und Völkerschauen und schickte diese Truppen auch durch ganz Deutschland auf Tournee. Anders als im großen Tierpark bei Hamburg oder dem späterer Münchner Tierpark Hellabrunn gab es in Tübingen keine „Negerdörfer“, in denen Menschen aus Afrika wie Tiere zur Schau gestellt wurden und ein „authentisches“ Dorfleben simulieren sollten. Das Besucherinteresse an den exotischen Tieren aus den Kolonien war trotzdem beträchtlich. Allein 1910 besuchten mehr als 2.000 Schüler und Schülerinnen aus der Umgebung den Zoo.

 

Das Ende des Zoos begann mit dem Ersten Weltkrieg, weil Eugen Mannheim schon am 4. August 1914 eingezogen wurde. Ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als die Großtiere zu verkaufen. Die meisten gingen an Mohr und Hagenbeck, einige wanderten auch wieder zurück nach Stuttgart. An der Ödenburg wurden weiterhin Tiere gehalten. Man konzentrierte sich nun auf die Zucht von Meerschweinchen, die für Forschungszwecke benötigt und massenhaft an die Tübinger Universität verkauft wurden. Die Ruinen auf dem Tübinger Spitzberg erinnern insofern nicht nur an einen fast vergessenen Tiergarten, sondern auch an eine koloniale Vergangenheit, die selbst im schwäbischen Hinterland Spuren hinterlassen hat.

 

Mannheims Zoo war nicht der einzige Versuch, in Tübingen einen Tiergarten zu errichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptbahnhof ein neuer, kleiner Tierpark, der wieder mit einem Gastronomiebetrieb verbunden war. Er wurde sehr bald wieder aufgegeben. Auch das Lokal „Zentrum Zoo“ war nach einem früheren Tiergarten (mit einheimischem Wild) im Ammertal benannt. In den 1980er Jahren entwickelte es sich zu einem Zentrum der alternativen Kulturszene Tübingens, selbst Miles Davis und die Fantastischen Vier traten hier auf. Der Club ist lange geschlossen und 2016 wurde das Gebäude abgerissen.

 

Ein Beitrag von Prof. Bernd-Stefan Grewe.

Quellen zu diesem Text


Zum Weiterlesen:

 

Lothar Dittrich / Annelore Rieke-Müller: Carl Hagenbeck (1844-1913). Tierhandel und Schaustellungen im Kaiserreich, Frankfurt a.M. 1998.

Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen, Hamburg 1908 (Zitate S. 98f)

Natasja Klothmann: Gefühlswelten im Zoo. Eine Emotionsgeschichte 1900-1945, Bielefeld 2015.

Günter Schmid: Mannheims Tiergarten an der Ödenburg, in: Landesstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Baden-Württemberg (Hg.): Der Spitzberg bei Tübingen (= Die Natur- und Landschaftsschutzgebiete Baden-Württembergs, 3) Ludwigsburg 1966, S. 16-27 (Zitate aus der Tübinger Chronik S. 20, Hervorhebungen im Original)

 

*Bild Wikimedia:

Copyright : photographer: Unknown publisher: Gebrüder Metz [Public domain]

Page-URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:T%C3%BCbingen,_Wirtschaft_zur_Oedenburg,_Besitzer_Eugen_Mannheim,_Tiergarten,_Postkarte_der_Gebr._Metz,_Nr._42667.JPG (externer Link, letzter Zugriff 26.11.2019)

File-URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/99/T%C3%BCbingen%2C_Wirtschaft_zur_Oedenburg%2C_Besitzer_Eugen_Mannheim%2C_Tiergarten%2C_Postkarte_der_Gebr._Metz%2C_Nr._42667.JPG (externer Link, letzter Zugriff 26.11.2019)


Die Redaktion dankt Paul Mehnert für die kostenfreie Bereitstellung seiner Bilder für diesen Beitrag. Weitere Bilder unter paulmehnert.de (externer Link, letzter Zugriff 26.11.2019).


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