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Der Elefant auf einem Tübinger Grab

Grabstein mit Elefantenemblem, Bild: Bernd-Stefan Grewe.
Grabstein mit Elefantenemblem, Bild: Bernd-Stefan Grewe.

Auf dem alten Tübinger Stadtfriedhof nahe der Universität liegen nicht nur berühmte Persönlichkeiten wie Friedrich Hölderlin oder Ludwig Uhland, Carlo Schmid, Kurt Georg Kiesinger oder Walter Jens begraben. Viele herausragende Steinmetzarbeiten und kunstvolle Grabgestaltungen haben dazu beigetagen, dass die gesamte Anlage unter Denkmalschutz steht. Nur einen Steinwurf vom südwestlichen Eingang entfernt findet sich ein unscheinbares Familiengrab, dessen nahezu unbehauener Stein wie ein Findling auf dem Grab steht. Tritt man etwas näher heran, entdeckt man auf der linken Seite ein kleines metallenes Medaillon.

 

Es zeigt nicht etwa den hier bestatteten Menschen und auch keine biblische Szene, keine Maria, kein Kruzifix und keine Engel. Aus der Nähe erkennen wir vielmehr das Relief eines Elefanten, der mit erhobenem Rüssel marschiert. Was soll ein Elefant auf einem Grabstein bedeuten? Welche Beziehung hatte der hier bestattete Mensch zu Elefanten bzw. wer kommt überhaupt auf die Idee einen Elefanten auf den Grabstein seiner Verwandten anbringen zu lassen? Großwildjäger oder Zirkusmenschen? Möglicherweise kann die Gestaltung der Plakette dazu weitere Auskünfte liefern: Hinter dem stolz marschierenden Elefanten findet sich eine Palme. Im unteren Rand erkennt man zwei gebundene Eichenlaubzweige und gerahmt wird das Bild von einem breiten Ring mit der Inschrift „Südsee – Afrika – Kiautschou“, dazwischen Sterne und oben eine gebundene Schleife. Mit etwas Mühe lässt sich unter der Plakette die in Sütterlin gehaltene Schrift „Alfred Körbling 1889-1933“ entziffern. Weitere Familienangehörige stehen darunter und auf der linken Seite des Steins. Alfred ist jedoch das erste hier bestattete Familienmitglied und der Elefant bezog sich deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit auf sein Leben.  

 

Die Inschrift verweist auf das deutsche Kolonialreich. Das Deutsche Reich besaß bis 1918 Kolonien in Afrika (die heutigen Staaten Tansania, Ruanda, Burundi, Namibia, Kamerun und Togo) und in Ozeanien (im Nordwesten Papua-Neuguineas, die Karolinen und die westlichen Samoa-Inseln) und hielt mit Kiautschou einen Teil Chinas besetzt. Die Lebensdaten auf dem Grab Körblings, der 1933 im Alter von 44 Jahren verstarb, lassen vermuten, dass er möglicherweise als junger Mann etwas mit der Kolonialherrschaft zu tun hatte. Es ist auch ungewöhnlich, dass die bildliche Darstellung eines Elefanten mit Palme ausgerechnet mit geflochtenen Eichenlaubzweigen verbunden wird. Eichenlaub in dieser Form findet sich meist eher auf Münzen, Orden oder Kriegerdenkmälern. Jedenfalls erinnert es in seiner formalen Gestalt stark an militärische Abzeichen. Tatsächlich, nach kurzer Recherche findet man heraus, dass es sich hierbei um eine vergrößerte Nachbildung des deutschen Kolonialabzeichens handelt, das auch als „Elefantenorden“ bezeichnet wurde.

Bild: Bernd-Stefan Grewe.
Bild: Bernd-Stefan Grewe.

Dieses Abzeichen wurde ab 1922 vom deutschen Wiederaufbauministerium vor allem an deutsche Soldaten verliehen, die während des Weltkriegs in den Kolonien kämpften. Offensichtlich war auch der in Tübingen wohnende Alfred Körbling in den deutschen Kolonien tätig. Das Koloniale Hand- und Adressbuch von 1926-1927 verzeichnet ihn als Landwirt auf dem Truppenübungsplatz auf der Ludwigshöhe bei Münsingen. Sein Nachlass findet sich heute im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv. Alfred Körbling stammte aus einer süddeutschen Offiziersfamilie und diente ab 1913 als Leutnant in der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Im Weltkrieg kämpfte er unter dem Kommando Paul von Lettow-Vorbecks gegen britische Einheiten und geriet 1916 unter Tropenkrankheiten leidend in Kriegsgefangenschaft. Später leitete er die Heeresfachschule für Landwirtschaft in Tübingen. Vergleichsweise früh schloss er sich der NSDAP an und machte hier eine zweite Karriere, war Mitglied der Schutzstaffel und stieg in deren Reihen bis zum Sturmbannführer auf (was dem Rang eines Majors in der Reichswehr entsprach).

 

Im Vergleich zum Nationalsozialismus ist die deutsche Kolonialzeit im kulturellen Gedächtnis der Deutschen weit weniger präsent. Einhundert Jahre nachdem das Deutsche Reich mit dem Versailler Vertrag seine kolonialen Eroberungen aufgeben musste, ist die deutsche Kolonialgeschichte nahezu in Vergessenheit geraten. Kolonialismus war kein Phänomen, das sich primär auf die vom Fernhandel lebenden Hafenstädte Hamburg und Bremen und die Hauptstadt im fernen Berlin beschränkte. Tatsächlich nahm die deutsche Bevölkerung noch im hintersten Winkel der Provinz an den kolonialen Projekten Teil oder war sogar unmittelbar an kolonialer Herrschaft beteiligt. Beamte, Kaufleute, Auswanderer, Soldaten und Missionare aus Württemberg und Baden waren in vielen Kolonien tätig und hielten oft engen Kontakt zur Heimat, so dass Informationen auch aus erster Hand zu erhalten waren. Die Zeitungen berichteten regelmäßig über die Vorgänge in den Kolonien, Ausstellungen, Filmvorführungen und Vorträge zu kolonialen Themen stießen auf ein lebhaftes Interesse. 

 

Dieses Interesse und der Glaube, dass die deutsche Herrschaft über Bevölkerungen in Übersee für die Beherrschten das Beste sei und deshalb auch legitim, waren weit verbreitet. Selbst der Verlust der Kolonialgebiete im Zuge des Versailler Vertrags änderte nichts an diesen Einstellungen. Bezeichnenderweise erfuhr gerade während der Weimarer Republik die Begeisterung für den Kolonialismus den größten Zuspruch, so dass die deutsche Kolonialgesellschaft tausende neue Mitglieder aufnahm. Das Verleihen des „Elefantenordens“ ab 1922 an die Kolonialveteranen passte sehr gut in dieses Bild. Wenn man davon ausgeht, dass die Gestaltung von Grabsteinen immer auch eine Botschaft an die Lebenden vermitteln sollte, dann wollte die Familie Körbling offenbar ihren Stolz auf die Zeit Alfreds in der Schutztruppe ausdrücken. Auch wenn sich die symbolische Wirkung des Elefantenordens heute nicht mehr auf den ersten Blick erschließt, kann man doch davon ausgehen, dass diese ehrende Absicht von den Zeitgenossen in den 1930er Jahren noch verstanden wurde.  Andere Fragen bleiben noch offen und bedürfen weiterer Forschungen: Inwieweit beteiligte sich die Tübinger Bevölkerung an der deutschen Kolonialherrschaft? Welche weiteren Spuren aus der Kolonialgeschichte lassen sich hierzulande finden? Und der weitere Werdegang Alfred Körblings wirft auch die grundlegende Frage auf, welche Kontinuitätslinien zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus bestanden?  

 

Ein Beitrag von Bernd-Stefan Grewe

Quellen zu diesem Text


Zum Weiterlesen:

 

Erinnerung an den Kolonialismus:

Ulrich van der Heyden (Hg.): Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Erfurt 2007.

 

Zur Geschichte des Kolonialrevisionismus:

Marianne Bechthaus-Gerst: Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien: Kolonialrevisionismus im Rheinland – eine Annäherung, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 78 (2014), S. 146-162.

 

Eine Einführung zur Kolonialgeschichte für Lehrende und Lernende:

Bernd-Stefan Grewe/Thomas Lange: Kolonialismus, (Reclam Kompaktwissen Geschichte) Stuttgart 2015.

 

Zu Biographie und Nachlass Alfred Körblings im Hauptstaatsarchiv Stuttgart:

[URL: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=6394 (externer Link, abgerufen am 5.6.2018)

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