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Namen gegen das Vergessen – Die Personendatenbank des Gräberfelds X in Tübingen


Zwischen Erinnerung, Forschung und Vermittlung eröffnet sich am Gräberfeld X ein vielschichtiger Zugang zur NS-Unrechtsgeschichte. Unter der Frage „Was bleibt nach dem Tod vom Leben“ zeigt die Personendatenbank zum Gräberfeld X Einblicke in die Schicksale von 1067 Menschen, die nach ihrem Tod - ohne ihre Zustimmung - in das anatomische Institut der Universität Tübingen gebracht wurden, um für „wissenschaftliche“ Zwecke verwendet zu werden.

 

Mehr Informationen zum Gräberfeld X gibt es hier!  


*Abb. 1: Logo des Vereins, (C) Initiative Erinnerungsort Gräberfeld X e.V.
*Abb. 1: Logo des Vereins, (C) Initiative Erinnerungsort Gräberfeld X e.V.
**Abb. 2: Screenshot der Personendatenbank (C) Gräberfeld X. Zum Vergrößern anklicken.
**Abb. 2: Screenshot der Personendatenbank (C) Gräberfeld X. Zum Vergrößern anklicken.

Initiative Erinnerungsort Gräberfeld X

Der Verein „Initiative Erinnerungsort Gräberfeld X“ wurde im Anschluss an das Forschungsprojekt zum Gräberfeld X am 20. November 2024 gegründet. Die Agenda des Vereins fasst sich in drei Schlagworten zusammen „Gedenken - Forschen - Vermitteln“. Das langfristige Ziel ist eine „arbeitende Gedenkstätte“ aufzubauen. Darüber hinaus werden verschiedene Teilziele verfolgt, darunter: „die Verstetigung der Erinnerungskultur am Gräberfeld X [und] die Forschung zum Themenkomplex Wissenschaft und Gewalt“. [1]

Während des Nationalsozialismus wurden 1078 Menschen nach ihrem Tod in das anatomische Institut der Universität Tübingen gebracht. Keiner dieser Menschen verfügte dies aus einem eigenem Entschluss heraus. [2] Auf der Website „Gräberfeld X“ (externer Link), des Vereins findet sich unter „Personendatenbank“ eine Liste mit 1067 dieser Personen. Die nähere Betrachtung dieser Personengruppe zeigt, dass zwar alle von ihnen an das anatomische Institut der Universität Tübingen gebracht, aber nicht zwingend auch auf dem Gräberfeld X am Stadtfriedhof bestattet wurden. 19 dieser Leichname wurden beispielsweise an das anatomische Institut der LMU München abgegeben oder den Angehörigen zur Bestattung überlassen. Darüber hinaus gab es auch Körper, deren Präparation missglückte. Diese wurden nicht in der Anatomie verwendet, aber trotzdem auf dem Gräberfeld X bestattet. Auch sie werden in der Datenbank erfasst.

Unter der Leitfrage „Was bleibt nach dem Tod vom Leben?“ rekonstruiert das Projekt die Lebensgeschichte jener 1067 Personen. Die Ergebnisse der Recherchen sind öffentlich zugänglich und werden stetig ergänzt. Es handelt sich um ein laufendes Projekt.

***Abb. 3: Screenshot der Kategorie Suche&Filter bei der Personendatenbank Gräberfeld X, (C) Gräberfeld X.
***Abb. 3: Screenshot der Kategorie Suche&Filter bei der Personendatenbank Gräberfeld X, (C) Gräberfeld X.

Über die Option „Suche & Filter“ können Besuchende der Website verschiedene Suchkriterien nutzen, um die Biographien zu ordnen. Über die Namenssuche kann direkt nach einer Person gesucht werden, die Kategorie „Zuordnung“ ermöglicht das Filtern nach verschiedenen Opfergruppen. Darüber hinaus kann nach Geschlecht, Nationalität, Geburtsort, Todesort/Abgabeort, Geburtsjahr und Todesjahr gefiltert werden. [3]

Möchte man zum Beispiel herausfinden, wie viele Personen in Tübingen geboren sind und während des NS in die Anatomie gebracht wurden, klickt man auf „Geburtsort“ und wählt „Tübingen“ aus. Anschließend werden - spezifisch für dieses Beispiel - acht passende Biographien angezeigt. Darüber hinaus kann dieses Ergebnis auch zusätzlich mit den anderen bereits erwähnten Kategorien zusammen gefiltert werden. Es kann also ein sehr genaues Ergebnis mit einer Anfrage bei der Datenbank erzielt werden.

Die Ergebnisse der Suchanfrage zeigen Name, Alter, Geburtsort und -tag, Todesort und -tag, sowie Todesursache, Nationalität und Zuordnung zu einer Opfergruppe an. Zu einigen der Personen gibt es außerdem bereits Biographien, ihre Geschichte wurde rekonstruiert und wird ausführlicher erzählt.

Diese Geschichten aller in der Datenbank aufgeführten Personen stehen zum einen für sich selbst, sie zeigen zum anderen aber auch Strukturen eines Unrechtssystems auf. Unter den Opfern sind sowjetische Kriegsgefangene, die systematisch zugrunde gerichtet wurden, polnische Personen - ehemalige Kriegsgefangene oder zivile Zwangsarbeiter - die rassistischen Strafgesetzen unterlagen, es sind hingerichtete und exekutierte Personen, die Insassen des „Arbeitshauses Vaihingen“, und vereinzelte Patient*innen von „Heil- und Pflegeanstalten“ sowie im Gefängnis verstorbenen Personen. [4] Es sind aber auch die „Ortsarmen“ [5] und die durch Suizid verstorbenen Personen [6], deren Geschichten auf der Website erzählt werden und von einem Unrechtssystem zeugen.

Diese Biographien werden stetig ergänzt. Langfristige hofft der Verein, dass durch die öffentliche zugängliche Datenbank zusätzliche Informationen über das Leben der 1067 Personen gesammelt werden kann, indem beispielsweise Nachfahr*innen auf das Projekt aufmerksam werden und ihr Wissen teilen. [7]

Viele der genutzten Quellen illustrieren durch ihre Sprache und die Anordnungen, wie wenig Einfluss die betroffenen Menschen noch auf ihr Schicksal hatten. Sie zeigen ein Abhängigkeitsverhältnis, es handelt sich um „ Akten von Behörden, die als disziplinarische Einrichtungen in das Leben dieser Menschen eingegriffen haben“. [8] Außerdem entstanden diese Dokumente in einem Ausnahmezustand und zeigen nur fragmentarische Einblicke in das Leben der betroffenen Personen. Diese fragmentarischen Einblicke versucht das Projekt zusammenzusetzen, um „ zum Gedenken und zum Nachdenken“ [9] anzuregen. Die Datenbank stellt dabei einen entscheidenden Schritt dar: Sie ist öffentlich und frei zugänglich. Sie bietet einen wichtigen und niederschwelligen Einstieg, um diesen lokalen NS-Unrechtskomplex zu verstehen.

 

Ein Beitrag von Heriett Müller


Fußnoten:

[1] Gräberfeld X: Verein, URL: https://graeberfeldx.de/initiative-erinnerungsort-graeberfeld-x/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 13.04.2026).

[2] Vgl. Gräberfeld X: Die Toten aus der Anatomie, URL: https://graeberfeldx.de/die-toten-aus-der-anatomie/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 13.04.26).

[3] Personendatenbank Gräberfeld X, URL: https://graeberfeldx.de/personendatenbank/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

[4] Gräberfeld X: Opfer der NS-Gewaltherrschaft, URL: https://graeberfeldx.de/die-toten-aus-der-anatomie/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

[5] Gräberfeld X: „Ortsarme“, URL: https://graeberfeldx.de/die-toten-aus-der-anatomie/ortsarme/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

[6] Gräberfeld X: Durch Suizid Verstorbene, URL: https://graeberfeldx.de/die-toten-aus-der-anatomie/durch-suizid-verstorbene/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

[7] Gräberfeld X: Überlieferte Quellen, URL: https://graeberfeldx.de/personendatenbank/biographien/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

[8] Gräberfeld X: Überlieferte Quellen, URL: https://graeberfeldx.de/personendatenbank/biographien/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

[9] Gräberfeld X: Unsere Aufgabe, URL: https://graeberfeldx.de/personendatenbank/biographien/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 26.03.26).

 

Bilder:

*Abb. 1: Logo des Vereins, (C) Initiative Erinnerungsort Gräberfeld X e.V. Gräberfeld X: Verein URL: https://graeberfeldx.de/initiative-erinnerungsort-graeberfeld-x/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 13.04.2026).

**Abb. 2: Screenshot der Personendatenbank (C) Gräberfeld X. Personendatenbank Gräberfeld X, URL: https://graeberfeldx.de/personendatenbank/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 14.04.26).

***Abb. 3: Screenshot der Kategorie Suche&Filter bei der Personendatenbank Gräberfeld X, (C) Gräberfeld X. Personendatenbank Gräberfeld X, URL: https://graeberfeldx.de/personendatenbank/ (Externer Link, zuletzt aufgerufen am 14.04.26).

 

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Bild links: (C) Verlag Peter Lang. Bild rechts: Fotografie von Bastian Wade.
Bild links: (C) Verlag Peter Lang. Bild rechts: Fotografie von Bastian Wade.
Links (C) Universitätsarchiv; Rechts: Foto: Jonas Metten.
Links (C) Universitätsarchiv; Rechts: Foto: Jonas Metten.
Bild: Vera Brillowski.
Bild: Vera Brillowski.
Bild: Maren Brugger.
Bild: Maren Brugger.
Bild: Maren Brugger.
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